Thomas Ostermeier, künstlerischer Leiter und Gesellschafter der Schaubühne 
Foto:  Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinSeit einer Woche wird etwa im Hamburger Thalia Theater schon wieder geprobt. Natürlich unter strenger Einhaltung der Corona-Regeln, also mit Abstand und Schutzmasken. Die Bedingungen klingen absurd und scheinen die Theaterarbeit zu verunmöglichen. Andererseits hat die Pandemie schon viel Undenkbares erwirkt. Ab diesem Montag geht auch der Probenbetrieb in der Schaubühne wieder los. Wir haben den Künstlerischen Leiter und Gesellschafter Thomas Ostermeier vorher telefonisch interviewt.

Herr Ostermeier, haben Sie schon eine praktische Vorstellung von dem, was Sie und die Mitarbeiter da tun werden ab Montagmorgen?

Natürlich, wir haben uns alles sehr genau überlegt. Wir werden die hinlänglich bekannten Auflagen erfüllen. Um eine Verbreitung des Virus zu verhindern, werden wir sehr kleine Produktionseinheiten und feste Teams bilden, sodass sich die Mitarbeiter möglichst wenig mischen.

Werden Sie mit Mundschutz probieren lassen?

Ja, sicherlich. Da, wo es notwendig ist. Wir sind gerade an filtrierende Masken rangekommen, mit denen man sich auch selbst schützen kann. Hier hätte ich mir mehr Unterstützung seitens der Politik vorstellen können. Ich hätte mir auch gewünscht, dass die Kulturverwaltung uns hilft, unser Personal regelmäßig testen zu lassen. In der Bundesliga funktioniert das ja, wahrscheinlich weil da mehr Geld ist. Dass die Möglichkeit und der politische Wille vorhanden ist, die Bundesliga wieder spielen zu lassen und die Kultur in dieser Frage weniger Beachtung findet, wird in der Gesellschaft durchaus wahrgenommen.

Wie hat sich denn der Spielplan durch Corona verändert?

Massiv. Der Spielplan ist eine Ruine dessen, was er mal war.

Versuchen Sie die Reste der ursprünglichen Pläne zu retten, oder gehen Sie auch künstlerisch ganz neu an die Sache heran? Wer tritt denn am Montag zu den Proben an?

Sowohl als auch. Ab Montag probt bei uns Milo Rau, der in seinen Inszenierungen immer auf der Höhe der politischen Gegenwart arbeitet und sich zu ihr verhält. Leider mussten er und die Schauspielerin Ursina Lardi coronabedingt den Rechercheaufenthalt in Brasilien vorzeitig abbrechen. Aber das wird in dem Stück, in dem es um die Bewegung der „Landlosen“ gehen soll, mitreflektiert. Dass es ein Monolog wird, macht es uns unter Corona-Gesichtspunkten einfacher. Aber das war von Anfang an so geplant.

Es wird wohl grundsätzlich zur kleinen Form gehen.

Nicht nur. Es gibt die kleine Form, die trotzdem auch wuchtige und wichtige Abend hervorgebracht hat, die wir bereits vor der Pandemie im Spielplan hatten. Wie „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ mit Ursina Lardi in der Regie von Milo Rau. Oder auch der Abend von John Bock und Lars Eidinger: „Peer Gynt“, der ja auch ein Monolog ist. So könnte man das ganze Repertoire unserer Stücke durchforsten. Meine Drei-Personen-Inszenierung „Rückkehr nach Reims“ dürfte leicht coronatauglich umzuarbeiten sein. Und wir haben die Solo-Abende „Metaware“ von Mark Waschke und „Ja heißt ja ...“ von Carolin Emcke. Außerdem hat Joachim Meyerhoff im Januar aus seinem neuesten unveröffentlichten Roman bei uns an mehreren Abenden vor ausverkauftem Haus gelesen. Auch darüber sind wir im Gespräch.

Sie werden also den Spielplan trotz Corona füllen können?

Auf alle Fälle. Im Herbst werden außer der Premiere von Milo Raus Stück drei weitere Neuproduktionen gleichzeitig probiert: Simon McBurney macht „Michael Kohlhaas“, Simon Stone „Yerma“ und ich werde die begonnen Proben von Virginie Despentes‘ „Das Leben des Vernon Subutex“ unter geänderten Bedingungen fortsetzen. Wir müssen uns auch für die Studioproduktion „M.“, die Dramatisierung des Romans von Anna Gien und Marlene Stark, die in dem Moment des Lockdowns probierte, etwas überlegen. Das sind alles Ensemblestücke, die wir versuchen, unter Corona-Auflagen auf die Bühne zu bringen. Das sind keine Monologe.

Sie klingen, was die Bühne angeht, ganz optimistisch.

Zweckoptimistisch. Das müssen wir sein. Wir wollen unser Publikum zurück. Wir wollen den direkten und unmittelbaren Kontakt mit dem Zuschauerraum. Das Spiel wird durch die Reaktion des Publikums getragen. Im besten Fall gibt es einen gemeinsamen Atem. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Kino und Theater. Unsere Schauspielerinnen und Schauspieler scharren mit den Hufen. Sie wollen wieder spielen.

Besteht nicht die Gefahr, dass das Theater in nur halb besetzten Zuschauersälen bei allen Beteiligten schlechte Laune auslöst?

Die besteht, aber wir haben keine Wahl. Wir müssen es ausprobieren. Ich habe gerade bei einer Planungssitzung vorgeschlagen, dass ich vielleicht doch erst einmal eine Komödie inszeniere, weil intelligenter Humor dabei helfen kann, aus der Krisenstimmung zu finden. Aber ich schwanke noch, weil es bei einer Komödie in einem halb- oder nur drittelvollen Saal eventuell schwierig wird, dass der Funke überspringt. Na, mal sehen. Derzeit experimentieren wir gerade auch mit Plexiglasscheiben, sodass wir die Reihen eventuell doch enger besetzen könnten.

Sitzt man dann in Kabinen?

Es geht um Trennwände zur nächsten Reihe. Die Techniker sind noch am Tüfteln. In der bisherigen Planung war es so, dass wir nur jede zweite Reihe besetzt hätten. Mit den Scheiben könnte man dem vielleicht abhelfen. Mal sehen, ob das klappt.

Gibt es Befürchtungen, dass das Publikum wegbleibt? Erst einmal durch die Angst und dann, weil es sich das Theater abgewöhnt hat?

Meine Kollegen vom Amsterdamer Toneelhuis haben Positives zu berichten. Die haben konsequent auf einen Monologspielplan umgeschaltet, der Ende Juni beginnt, und waren ab dem ersten Tag ausverkauft. Der Kollege meinte, das könnten sie jetzt über Monate spielen, so groß war der Ansturm. Die Amsterdamer haben eine irre Sehnsucht nach ihrem Theater. Das hat mich auch für uns zuversichtlich gestimmt. Wir haben ein sehr treues Publikum.

Wie soll das finanziell gehen, vor Sälen zu spielen, die wegen der Abstandsregeln nur zu einem Drittel besetzt sein dürfen?

Das ist das eigentliche Problem. Eine simple Rechnung: Irgendjemand muss die 75 Prozent der nicht ausgelasteten Plätze bezahlen. Die letzten drei Monate vor dem Lockdown lag unser Haus bei 100 Prozent Auslastung, alle Vorstellungen waren ausverkauft. Wenn wir nun für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs die Mitarbeiter aus der Kurzarbeit holen, entstehen dem Haus enorme Kosten bei gleichzeitig hohen Einnahmeeinbußen. Wir waren – wie sagt man? – ein prosperierender Betrieb. Wir haben neue Leute für den Produktions-, Gastspiel- und Videobereich unter Vertrag genommen, weil wir sonst die Nachfrage nicht hätten erfüllen können. Allein mit Gastspielen haben wir jährlich um die 2,5 Millionen Euro eingenommen. Auch diese Einnahmen sind komplett weggebrochen. Wir brauchen unsere Einnahmen. Insgesamt belaufen sie sich auf 25 bis 30 Prozent unseres Etats, das ist ein Spitzenwert in der deutschen Theaterlandschaft.

Dass die Kurzarbeit mit öffentlichen Geldern ausgeglichen wird, entspannt doch die Lage ein wenig.

Die Kurzarbeit wird aus dem Topf der Sozialversicherung finanziert, in den Arbeitnehmer und Arbeitgeber über Jahre zu gleichen Teilen eingezahlt haben. Das Kurzarbeitergeld entspannt das die finanzielle Lage während der aktuellen Schließung. Aber sobald wir wieder spielen, sind wir es, die unsere Mitarbeiter wieder voll bezahlen müssen, und da droht die Insolvenz. Wenn wir wieder voll spielen, aber nur 20 Prozent unserer Einnahmen generieren können, wird es gefährlich. In dieser Frage bin ich in Kontakt mit Monika Grütters, der Staatsministerin für Kultur. Die Landeshaushalte sind erschöpft und können das nicht auffangen. Wir – und damit meine ich nicht nur uns und die Theater, sondern auch die Gastronomie, die Clubbetreiber, Galerien und so weiter, also alles, was das Leben in Berlin lebenswert macht – brauchen einen Schutzschirm. Und ich habe auch keine Skrupel, das zu fordern, so lange große Wirtschaftsunternehmen, die gleichzeitig noch Dividenden an ihre Shareholder auszahlen, Finanzspritzen vom Bund bekommen.

Sollte Berlin mehr Schulden machen?

Ich weiß nicht, ob Berlin damit gut beraten wäre. In den Nullerjahren war Berlin aufgrund des Bankenskandal mit über 50 Milliarden verschuldet, höher als ganz Argentinien damals. Aber diese Schuldenlast haben auch die Theater und andere Kulturinstitutionen zu spüren bekommen. Ich sehe die Herausforderungen durch die Pandemie eher sportlich und kann ihnen durchaus etwas Positives abgewinnen. Im Sinne von: endlich mal heraus aus diesem Trott und dem Gleichmaß, was ja auch zu einer gewissen Ermüdung in der Beziehung Feuilleton und Theater geführt hat. Ich finde es eigentlich ganz gut, dass wir mal auf dem Boden der Realität aufschlagen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die Realität der Beschäftigten in den Krankenhäusern und Altenheimen der Republik eine viel größere Herausforderung darstellt. Die Menschen, die dort arbeiten, haben unser aller Anerkennung verdient und eine bessere Bezahlung.

Stürzt Sie das in Zweifel, was die Bedeutung des Theaters angeht?

Davon bin ich weit entfernt. Die Theatergeschichte gibt mir diesen festen Glauben. Ich habe gerade gelesen, dass die Londoner Theater zwischen 1603 und 1610 aufgrund der „Bourbonischen Pest“ insgesamt 60 Monate geschlossen waren. Diese Blütezeit des Elisabethanischen Theaters war gleichzeitig von ständigen Lockdowns geprägt. Ein Drittel der Londoner Bevölkerung ist dahingerafft worden. Und trotzdem kamen die Überlebenden immer zurück, und es wurde weitergespielt. Das Theater wird das überleben. Und die Themen, die ich vor Corona mit Leidenschaft behandelt habe, die soziale Ungleichheit zum Beispiel, gewinnen ja an Dringlichkeit, die verschärfen sich.

Könnten wir nicht klüger und solidarischer werden durch diese Krise?

Ich befürchte, dass das nicht der Fall sein wird. Mich ärgert dieser Corona-Kitsch aus den wohlsituierten Kreise. Ich glaube nicht, dass wir nach dieser Zwangspause in einer besseren Welt mit einem gereiften Bewusstsein aufwachen. Das ist so unhistorisch gedacht, dass es mir die Zehennägel aufrollt. Die Krise wird dazu führen, dass die sozialen Gegensätze sich verschärfen. Das ist kein Grund, in eine Depression zu verfallen. Im Gegenteil. Mich jedenfalls motiviert das, in den Ring zu steigen, in den Widerspruch zu gehen und diese gesellschaftlichen Kämpfe auszutragen. So verstehe ich unseren kulturellen Auftrag. Sonst können wir uns das Theater tatsächlich sparen.