Schaubühne: Zerfließende Ich-Versteher

Irgendwas funktioniert mit meiner Abgrenzung nicht“, ruft Regine Zimmermann aus der transparenten Bühnenarchitektur. „Ich zerfließe!“ Aber vielleicht sagt sie dieses „Ich zerfließe“ schon gar nicht mehr wirklich, und wir sehen nur, wie ihr Körper langsam wabernd auf ein Polster niedersinkt. Die biegsamen Körper ihrer sieben Kollegen auf der Bühne tun es ihr nach: Tilman Strauß zerfließt an einer Kunststoffwand, Ilse Ritter wechselweise über ein Klavier und an einem Stahlrahmen herab, Kay Bartholomäus Schulze zerfließt über einen Tisch, und die vier Tänzer der Truppe „Total Brutal“ über einen Stapel Pappkartons oder schlicht auf den Boden.

Sinnverdopplung

Dass Worte und Körper sich an diesem Abend die Arbeit teilen und auch ihre Grenzen verwischen, ist ganz Programm. Im Gegensatz zu Regine Zimmermanns Alarmruf soll dieses methodische Zerfließen aber höchst sinnproduktiv sein. Und akzeptiert man mal, dass schlichte Verlängerung von Satz in Tanz schon Sinn produziert, ist es das auch. Mehr als Verdopplungen von Wort und Geste sind Nir de Volffs Choreografien nämlich nicht. Das, was sich der Systemkritiker Falk Richter ursprünglich unter methodischer Entgrenzung vorstellte, dürfte anderer Art gewesen sein. Eine wohltuende Skepsis gegenüber der eigenen Sprache steht dahinter und sein unermüdlicher Versuch, im Verbund mit ganz anderen Vokabularien einen neuen, unverbrauchteren, vielleicht direkteren Ausdruck zu finden: eine Sprache, die in dem alles vereinnahmenden Netzwerk des neoliberalen Kapitalismus noch (oder wieder) eine Ausdruckskraft jenseits des nur Manipulativen oder Verwertbaren findet. Zu suchen sei eine Sprache „jenseits der Intellektualität“, so Richter.

Verdient gemacht hat er sich mit diesem neoromantischen Konzept bereits in mehreren Multispartenprojekten, von denen „Trust“ (2009) vielleicht das beste war. Mittlerweile wird man den Eindruck nicht los, dass sich die Suche thematisch und methodisch auf der Stelle dreht. So auch die neueste Tanzsprechskizze mit dem unbeirrt flüssigen Titel „Never Forever“, die am Dienstag zur Uraufführung kam. Es geht darin, wie in all ihren Vorgängern, um Alles und Nichts und die dauerbrisante Frage: Was macht der gefräßige Neoliberalismus mittels seiner digitalen Fangarme aus dem kleinen Ich?

Es macht aus ihm ein doppelköpfiges, nervenschwaches Monsterwesen, antwortet „Never Forever“. Einen angstbesessenen Selbstausbeuter, der Herr und Knecht, Unternehmer und sein eigener Angestellter immer zugleich ist. Der Philosoph Byung-Chul Han hat dieses durchkapitalisierte Monster-Ich in seinem jüngsten Essay „Psychopolitik“ ausführlich beschrieben, und Richter hat seinen Lieblingsdiagnostiker dafür gleich mit auf die Bühne gestellt. Wenn die acht Vertreter dieser zerfließenden Selbste also nicht gerade wie geschundene Tiere zucken oder fallen oder als kühl kalkulierende Datendiebe ihrer eigenen Profile Macht demonstrieren, darf Kay Bartholomäus Schulze Han-Texte sprechen.

Vom Opfertier zum Menschen

Unbestreitbar, ist das alles sehr richtig und wichtig. Aber auch alles sehr eindimensional eingeschlossen in den Totalitarismus dieser durchprogrammierten Psychowelt. Nur momentweise leuchtet noch ein anderes Denken auf: dann, wenn Ilse Ritter in ihrer unvergleichlichen, altersweisen Mädchenleichtigkeit Gretchens Klagelied aus dem „Faust“ rezitiert. Dann werden plötzlich Bäume aufgeschoben und warmes Licht angedimmt und ihr ruheloses, vom Frühkapitalisten Faust zerrissenes Gretchen-Ich klingt gar nicht wie ein entseeltes Opfertier, sondern wie ein durch Leid wissend gewordener Mensch. Das „Ich“ war immer ein verletzliches Ding. Warum versteht man das nur nicht mehr?

Never Forever 11., 12.,9.; 22.−24. Okt. 20 Uhr, Schaubühne, Tel.: 890023