Nach der Pause wird es zwar kaum mehr Szenen aus Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ geben, dafür zieht es sich dann aber doch noch reichlich eineinhalb Stunden; nach der Pause spricht zunächst der Herr Doktor Martin Luther in Gestalt von Peter Schröder ausführlich und nachdrücklich zu uns. Es ist, gesampelt aus Predigten, Briefen, Reden, ein „Best of“ zu Luthers in der Tat erschreckendem Judenhass nebst frühen Anspielungen zu Frankfurt und Finanzkrise.

Dieser Luther aber ist kein Theater. Er ist bestenfalls ein Beweis. In der nachfolgenden, monoton zerdehnten Gerichtsverhandlung, der Doge von Venedig lässt seinen Richtspruch nur als sanft-weise Lautsprecherstimme mit zahlreichen Kunstpausen vernehmen; genauso hätte man Luthers Sätze auch auf die dunkle Bühne projizieren können; in der zäh zerdehnten Gerichtsverhandlung ist der Jude Shylock so hartherzig, mies und rachsüchtig wie es Wolfgang Michaels strähniger Schauspielkunst gegönnt ist, und die ist in dieser Richtung keineswegs unerheblich.

Provokative Schärfe

Der Luther ist der Beweis dafür, dass dieser miese Shylock nur die Antwort ist, auf den jahrhundertealten, miesen Antisemitismus der Christen. Luther, sozusagen der deutsche Glaubensstifter, endet damit, denn irgendwann endet auch er, dass man den Juden ihre Häuser und Bücher verbrennen soll.

Das hat immerhin provokative Schärfe. Aber so, einfach aufgesagt, wenn auch nachdrücklich, ist es eine Lektion in langer Weile, weil bloßer Beweis, dass der Jude nicht anders kann, als dem Christ das Pfund Fleisch herausschneiden zu wollen. Rennt die Christenschar in der Verhandlung in monotoner Absehbarkeit wieder und wieder gegen Shylock an, beharrt der umso hartherziger auf seinem Recht am Fleisch.

Der so thesenhaft inszenierende Australier Barrie Kosky ist Opernregisseur, in Frankfurt mit „Dido and Aeneas“ und „Herzog Blaubart“, in Berlin bald als Intendant der Komischen Oper. Das erklärt in diesem Fall manches, macht es aber nicht besser. Dieser „Kaufmann“ wäre auch als Oper eindimensional, als Schauspiel ist er enervierend, kein Spiel, keine Entwicklung, keine Variation, nur statische Bilder, und die auch noch gänzlich uninspiriert wie die einförmig schwarzen Anzüge (incl. weißem Hemd und schwarzer Krawatte), die später durch fratzenhafte Judenmasken auch nicht aufregender werden.

Es mangelt an Kontur

Kosky lässt auf der von unten beleuchteten Präsentiertellerbühne die Kästchenwahl-, die Portia- und Liebeshandlung völlig weg. Dafür beginnt er mit Beschneidung: Die Vorhaut wird in einem Plastikbeutel an die dunkle Holzbühnenwand genagelt, am Ende versucht der durch den Richterspruch paralysierte und zur Assimilation gezwungene Shylock die blutige Haut wieder in seiner Unterhose unterzubringen.

Am Anfang spricht Michael Benthin dagegen sinnstiftend Kafkas „Vor dem Gesetz“, und Kosky garniert den ersten Gang seiner Aufführung mit einer Art Wagner-Chansons. Liedausschnitte eines anderen deutschen Großantisemiten, stilistisch versetzt in ein jiddelnd-jazzendes Niemandsland zwischen Ostjudentouch und Brooklyn-Bar. Am Ende kommt „Rheingold“ aus einem Schweinearsch. Leitmotivisch im ersten Teil dagegen „An allem sind / die Juden schuld“ nach der bekannten Melodie von „Carmen“. Nun ja. Drei Musiker (Piano, Drums, Bass) und die Sängerin Barbara Spitz mühen sich, damit etwas Lebensdampf in die Inszenierung zu blasen, was umso deplatzierter wirkt.

Die Rollen der venezianischen Christenheit sind unscharf konturiert, sie sollen wohl lässig selbstbewusst sein, unbekümmert und mondän. Aber die Herren wälzen sich so plakativ schwul miteinander, dass sich die wichtige Frage, warum dieser Bassanio unbedingt jetzt Geld braucht und warum Antonio es ihm unbedingt jetzt leihen will, ins Nebulöse verschiebt.

Kosky hat alles weggeschnitten

Christoph Pütthoff, von der Regie verlassen, mal schamlos drängend, mal auf reine Freundschaft bauend, mangelt es an Kontur. Auch Antonio, der Kaufmann, bleibt bei Michael Goldberg ein Rätsel. Allein Nils Kahnwald gibt seinem Diener Lanzelot Gobbo etwas Eigenes, einen leicht gollumhaften Teufelsthrill.

Wolfgang Michaels Shylock hat wenigstens Charakter. Er spielt zwar das verschrobene Ostjuden-Klischee, aber als erdnussfressender Erbsenzähler, als verschrobener Griesgram gewinnt er so etwas wie verknotete Größe, auch wenn Sympathieträger anders aussehen. Nur die gestenreiche Großschauspielerattitüde zur Rechtfertigungsrede nach dem Verlust der Tochter und Juwelen („Hat nicht ein Jud Organe, ... Leidenschaften?“) ist überflüssig.

„Ein Diamant fort? Kostet mich 2000 Dukaten zu Frankfurt“ steht als Motto aus dem Shakespeare passend über der Frankfurter Aufführung. Was hätte sich daraus machen lassen! Aus diesem Stück, wo Liebe und Geld im Zeichen des Verlangens so körpertief miteinander verbunden sind, wo ein Pfund echtes Fleisch für alles Menschliche steht!

Schon das Wort „Bond“, das im „Kaufmann“ dauernd und in vielfacher Bedeutung vorkommt, öffnet alle Denktüren. „Bond“, die Übereinkunft, Bindung, das Band, die Fessel, auch der Liebe, das ist eben auch die Staatsanleihe, genau das, worum es heute in der Finanzkrise geht.

Fesselndes Verlangen aber ging diesem „Kaufmann“ genauso wie Geldgeilheit gänzlich ab. Shakespeares Stück steckt tief im europäischen Fleisch, im Finanzfleisch. Kosky hat alles weggeschnitten – übrig blieb kaum das bloße Pfund. Könnten Sie’s nicht wenigstens einpacken.

Schauspiel Frankfurt: 16., 19. Januar, 1., 11., 12. Februar. www.schauspielfrankfurt.de