Wie schön, dass endlich einmal die Verwandtschaft von Mensch und Molch ernst genommen wird. Der Molch, entdeckte die Biologie 1884, bleibt im Larvenstadium, wenn er geschlechtsreif wird. Nicht anders ist es beim Menschen. Der Mensch ist ein Daueradoleszent. Mensch und Molch, das sind die beiden Spezies, die für immer werden.

Wir stecken deswegen voller Möglichkeiten und Möglichkeitssinn. Daraus nun leitet „Der steinalte Mann“ folgerichtig ab, dass wir für unsere Gesellschaft ungeeignet sind. „Menschen eignen sich für so etwas Eingleisiges wie die Industrialisierung vielleicht gar nicht“, sagt er. Eigentlich hätten sie, die Molche und Affen, die industrielle Revolution viel besser vollziehen können. Keiner hätte sich über Entfremdung oder Kinderarbeit beklagt und Gewerkschaften gegründet.“

Aus solchen Mutmaßungen und Fragen entwickelt Kevin Rittberger, intelligenter Regisseur und junger Autor, sein Stück „Lasst Euch nicht umschlingen ihr 150000000!“ Warum findet der Mensch keine Gesellschaftsform, in der er leben kann? Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, die dem Menschen angemessen ist? Kann das Gemeinwohl Maxime politischen Handelns sein?

Endlich reagiert mal wer auf die Krise

Wie schön, dass im Schauspiel Frankfurt endlich mal jemand ernsthaft auf die Krise reagiert, die unsere Gesellschaft nun seit Jahren lähmt und schüttelt, zementiert und in Frage stellt. Diese Krise ist ja nicht nur eine Bankenkrise, sie ist auch eine Gedankenkrise, eine Gesellschaftskrise, ja vielleicht sogar eine Theaterkrise.

Was über zweieinhalb Stunden in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels vor sich geht, gehört zur gar nicht so seltenen Spezies Theorietheater. „Bühnendenken mit Rittberger“ könnte man es nennen. Er selbst spricht von einer „anarcho-kommunistischen Spurensuche“. Dass so etwas zur Kopflast neigt, ist klar, dementsprechend wird hier aber auch viel hin- und umgefallen, und genau da beginnt dann der Witz und der Abend wird erstaunlich lustig.

Kevin Rittberger gelingt etwas Schönes und Seltenes: der Theorie-Slapstick. „Lasst Euch nicht umschlingen ihr 150000000!“ ist eine echte Denk-Klamotte. Es ist ein entspannt-ironisches Spiel mit der gesellschaftlichen Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert nebst der dazu gehörenden Gesellschaftsmodelle. Wie schön, einfach mal wieder das Wort „Anarchie“ im Theater zu hören.

Der erste von drei Teilen dreht sich um ein Bild. Es ist das berühmte Foto von Robert Capa aus dem Spanischen Bürgerkrieg, wo man einen unbekannten Soldaten sieht, der gerade erschossen wird und fällt. Seit 2009 ist fraglich, ob diese Ikone der Kriegsfotografie authentisch ist und nicht vielleicht damals nachgestellt wurde. Bei Rittberger wird das Bild nun definitiv nachgestellt, erst (unbewusst) in einem Fotostudio, dann (ganz bewusst) von einem Werbefototeam in Spanien. Wofür der dortige Palmenwald weichen soll.

Gleichzeitig ist den Szenen mit Franziska Junge als Modell und Oliver Kraushaar als Fotograf noch Walter Benjamins Bildinterpretation vom Engel der Geschichte hinterlegt. Pessimistische Geschichtsphilosophie und aufgepeitschter Shooting-Irrwitz mischen sich, es wird umgefallen und geknipst und der Theorie-Slapstick steht. Wie schön, mal eine gelungene Modell-Persiflage im Theater zu sehen.

Die Schauspieler haben Spaß

Die Schauspieler haben Spaß, das Modell streckt Po und Brust dem Bild entgegen, der großmäulige Fotograf glaubt, dass ihm die Welt gehört, der Musiker Volker Zander bastelt mit Einspielungen und Geräuschen eine kleine Welt, die Bühne von Christoph Ebener ist mit den Palmen und einem Lotteriebüdchen trashig-naiv. Am Ende sehen, hören und sagen die drei Foto-Arbeiter (dazu kommt Lisa Stiegler als Assistentin) nix mehr und sitzen wie Affen in den Bäumen. Endpunkt der Geschichte.

Am schönsten ist Andreas Uhse als „Der steinalte Mann“. Er verkauft sich selbst Lotteriescheine, macht aus ellenlangen Polit-Erwägungen amüsante Monologe und sieht dabei aus wie ein klassisch-verwirrter Urwaldforscher bei Tim & Struppi, der kurz vor der Entdeckung einer neuen Spezies steht.

Die findet er in Teil zwei. Wie schön die hier miteinander leben, eine Gesellschaft von Seligen, Typus eurythmische Anthroposophen, griechisierend gewandet. Mit Pagenschnitt bevölkern sie ein glückliches Himmelreich. Spielen mit Lauten, Gitarren und Streichern, die wie eine dilettantisch erleuchtete Sitar klingen. Hier ist es verwirklicht, Utopia, hier gibt es keine Politik mehr, hier wird aus Vergnügen gearbeitet. Ja, da kommt „der steinalte Mann“ aus dem Wundern gar nicht mehr raus. Jaja, aber hier sind die Witze auch nicht mehr lustig und die Rede ist so wohlmeinend.

Den dritten Teil bilden journalistische Tagebuch-Ausschnitte von Kevin Rittberger aus dem revolutionären Tunis. Den Gedanken für diese Entscheidung kann man verstehen. In Tunesien war real, worüber vorher theoretisiert wurde. Die Gesellschaft befand sich, trotz aller Schwierigkeiten, im Zustand des Vorinstitutionellen. Lisa Stiegler trägt das engagiert und griffig vor und der Regisseur verschneidet es mit Teil zwei. Trotzdem zerfällt da die Performance. Was bisher war, erscheint jetzt als eine Art Märchen, das auf die harte Erde der Realität fällt. Märchen und Journalismus, das geht nicht zusammen. Aber auch das ist eine Erkenntnis.

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: 4. Juni, 26. August.