Schauspieler Liam Neeson.
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Los AngelesMit Zoom hat Liam Neeson nichts am Hut. Wir sind mit ihm zum Interview per Video verabredet, aber auf dem Bildschirm ist nichts von ihm zu sehen. Mit sonorer Stimme gibt der 68-jährige Schauspieler die Gründe dafür zu. Erstens kenne er sich bei dem Programm nicht aus und zweitens sei Eitelkeit mit im Spiel: „Ich sitze hier am Computer und habe ein Stück Steak auf dem rechten Auge. Das ist ein Mittel, das ich aus meinen Zeiten als Boxer kenne.“

Haben Sie etwas aufs Auge bekommen?

Nein, es ist ein Gerstenkorn. Das habe ich mir offenbar durch zu viel Chlor im Swimmingpool zugezogen. (Pause) Bei all dem, was in der Welt abgeht, rede ich über meinen Swimmingpool.

Damit wären wir beim Thema. Wie leben Sie zu Corona-Zeiten?

Ich bin in meinem Haus nördlich von New York und weiß, dass die nächste Mahlzeit auf den Tisch kommen wird. Mit anderen Worten, ich kann mich sehr, sehr glücklich schätzen. Ich habe 30 Bücher gelesen und bin zufrieden damit, dass ich niemanden sehen muss. Weder beruflich noch privat.

Zur Person

Liam Neeson kam 1952 in Nordirland zur Welt. Sein Vater war Hausmeister, seine Mutter arbeitete als Köchin. Schon während der Schulzeit trat Neeson, der katholisch erzogen wurde, regelmäßig in Schulaufführungen auf. Ein Lehramtsstudium brach er ab und arbeitete zwischendurch als Gabelstaplerfahrer in einer Brauerei.

1976 schloss sich Neeson der Theatergruppe Lyric Players’ Theatre in Belfast an, wenige Jahre später spielte er in zahlreichen Filmen mit, zunächst in Nebenrollen an der Seite von bekannten Stars wie Jeremy Irons und Robert De Niro. Der Durchbruch gelang ihm mit der Rolle des deutschen Industriellen Oskar Schindler in Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ aus dem Jahr 1993.

Seither sah man Neeson in vielfältigen Rollen – vom Jedi-Meister in „Star Wars“-Filmen über Actionhelden wie in „96 Hours“ bis hin zum Bösewicht in „Batman Begins“. Sein neuer Film „Made in Italy“ kommt am 3. September in die hiesigen Kinos.

Die beruflich-private Verbindung gibt es in Ihrem neuen Film „Made in Italy“. Da ist Ihr Sohn auf der Leinwand auch Ihr Sohn im wahren Leben. Haben Sie durch die Dreharbeiten neue Erkenntnisse zu Micheál bekommen?

Es gab ein paar Gelegenheiten bei den Dreharbeiten, wo ich dachte: „Fuck, das hätte ich nicht gekonnt, als ich in seinem Alter war.“

Dabei heißt es, dass Sie ihm davon abgeraten haben, Schauspieler zu werden.

Das stimmt. Hier ist der Grund: Die Zahl der Schauspieler, die ständig arbeitslos sind, liegt bei 65 und manchmal sogar bei 70 Prozent. Du wirst bei einem Vorsprechen nach zwei Stunden abgelehnt und hast es am nächsten Tag bei einem anderen zu versuchen. Da muss man sich ein dickes Fell zulegen, um mit der Ablehnung fertig zu werden. Aus meinem väterlichen Instinkt heraus wollte ich Micheál davor beschützen.

Sind Sie jetzt nach dem gemeinsamen Film glücklich, dass er nicht auf Sie gehört hat?

Ich kann nicht sagen, dass ich glücklich darüber bin. So einfach ist es mit dem Handwerk der Schauspielerei nicht. Sagen wir mal, es hat mir gefallen, was ich gesehen habe. Er hat eine gewisse Präsenz, die wichtig für die Kamera, das Kino ist.

Und er sieht gut aus.

Klar, er kommt nach seinem Vater. (lacht)

Der offizielle Trailer zu "Made in Italy".

Video: YouTube

Sprechen Sie eigentlich Micheál wie das englische Michael aus?

Wenn ich böse mit ihm bin, sage ich Mi-hal, das ist Irisch.

Gab es Szenen im Film, in denen sich die private Beziehung zwischen Ihnen und Micheál widerspiegelte?

Eigentlich nicht. Wir haben beide Rollen gespielt. Aber es gibt eine Szene, in der der Vater seinem Sohn Andenken aus seiner Vergangenheit zeigt, die er bis dahin vor ihm geheim gehalten hat. Da kommt unterschwellig in mir hoch, dass Micheál seine Mutter und ich meine Frau vor elf Jahren verloren haben. Ein schwerer Schlag für die Familie.

Haben Sie manchmal Träume, in denen Ihre verstorbene Frau vorkommt?

Wirklich klare Träume mit ihr habe ich nicht. Aber ich rede jeden Tag mit ihr. Ihr Grab ist nur zwei Kilometer vom Haus entfernt. Dort spreche ich mit ihr, als ob sie bei mir wäre.

Ein Foto von 2001: Liam Neeson und seine 2009 verstorbene Frau Natasha Richardson.
Foto: Imago Images

Stärkt Sie das in Ihrem (katholischen) Glauben?

Ich glaube nicht. Ich stelle mehr und mehr Leben und Tod infrage und ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Nicht zuletzt, weil ich jetzt 68 bin.

Ein Alter, das man Ihnen nicht ansieht.

Nett von Ihnen.

Reden wir von der Gegenwart, in der wir leben.

Ich wünschte, wir hätten zwei Stunden, um darüber zu reden. Wenn ich noch trinken würde – was ich vor sieben Jahren zum letzten Mal getan habe –, könnten es auch vier Stunden sein und wir hätten das Thema immer noch nicht ausgelotet. Ich habe alles verfolgt seit dem 25. Mai, als George Floyd ermordet wurde. Nicht getötet – ermordet. Ich lebe in diesem Land seit 30 Jahren und muss sagen, dass ich zum ersten Mal dieser Ungerechtigkeit gewahr geworden bin. Ich weiß, dass schlimme Dinge passieren. Es wäre hilfreich, wenn wir eine Führungskraft hätten. Stattdessen haben wir dieses unfähige, widerliche Grauen von einem Mann und sein Kabinett von Arschkriechern. Sie können mich damit zitieren, so oft Sie wollen.