Ein bisschen unappetitlich klingt die Überschrift für das Programm, mit dem Manfred Krug in dieser Woche in den Wühlmäusen gastiert: „Schweinegezadder“. Tröstlicherweise gibt es noch den Untertitel „Schöne Geschichten“. Der Schauspieler ließ sich vorab dazu befragen, allerdings nur schriftlich.

Herr Krug, könnten Sie die Ankündigung des Abends erläutern? „Schweinegezadder“ heißt ja ein Buch von Ihnen. Ist das also eine Lesung, die Sie bei den Wühlmäusen abhalten? Aber warum haben Sie einen Pianisten dabei? Singen Sie aus dem Buch vor?

Mit 65 ging ich in Rente und fing eines Tages an, es einmal mit dem Schreiben von Kurzgeschichten zu versuchen. Ich hatte keine Ahnung, dass die Sache knifflig werden würde, vor allem deshalb, weil die Geschichten sich teilweise zu Langgeschichten entwickelt hatten. Auf halber Strecke wollte ich schon aufhören, da glaubte man im Ullstein-Verlag, diese Schnurren sollten herausgebracht werden. Sie reichten aus für ein schmales Bändchen mit dem Titel „Schweinegezadder“. Der Pianist ist der wunderbare Jazzlehrer Prof. Matthias Bäzel, der auch für Uschi Brüning und mich bei unseren Konzerten spielt. Bei der Lesung im Wühlmäusehaus lockert er die hoffentlich einsetzende Spannung der Zuhörer, denen er hilft, zwischen den Geschichten die Ohren auszuschütteln. Also keine Songs, nur Pianostücke.

Die Wühlmäuse sind ein Kabaretttheater. Im Programm findet man sonst scharfzüngige politische Kabarettisten – doch Ihr Humor ist viel feiner. Auch treten dort die modernen Spaßmacher auf, die sich Comedians nennen – doch Ihr Humor ist viel intelligenter. Wird Ihr Publikum Sie dort finden?

Oh, danke für Ihre zärtlichen Worte. Jawoll, mein Publikum wird mich dort finden, die Geschichten sind durchweg auch komisch. Zumindest komisch gemeint.

Sie sind eine ganze Weile nicht aufgetreten und erzählten in Interviews etwas vom Rentnerdasein, das Sie schätzen würden. Hatten Sie jetzt doch Sehnsucht nach der Bühne?

All die 13 Rentner-Jahre bin ich als Sänger oder Vorleser weiter aufgetreten, bis zum heutigen Tage, und es macht mich ein bisschen traurig, dass Sie das nicht mitgekriegt haben, obwohl es einige bedeutende Konzerte auch in Berlin in der Philharmonie und im Schauspielhaus gegeben hat. Aber das hat man davon, wenn man sich PR-mäßig auch nur ein bisschen zurückhält.

Als Sie vor einem Jahr das Bundesverdienstkreuz bekamen, wurde es Ihnen von Klaus Wowereit überreicht. Mussten Sie an jenen Tag denken, als er nun seinen Rücktritt erklärte?

Ich habe an jenem Tag alle Sendungen über seinen Abschied gesehen, um selbst Abschied von ihm zu nehmen. Ich dachte: Was kann der Mann dafür, dass es so viele Computer und doch so wenige technisch begabte Baumeister und Ingenieure in Deutschland gibt? Selbst wenn Berlin einen noch so genialen Regierenden Bürgermeister hätte, keiner würde es hinkriegen, mal eben einen anständigen Flugplatz zu bauen. Mit funktionierendem Rauchabzug. Ein bisschen sexier aber ist Berlin nach der Wowereit-Zeit allemal.

Nach der Verleihung sagten Sie, dass Sie nun etwas hätten, was Sie den Kindern und Enkeln zeigen könnten. Aber Sie müssten den Enkeln doch viel dringender Ihre Filme zeigen und Ihr Buch „Abgehauen“ zum Lesen geben! Sie sind schließlich ein lebendes Denkmal für den kritischen Geist in der DDR.

Bis jetzt habe ich es weder den Kindern noch den Enkeln gezeigt. Bin doch kein Angeber. Wäre das was? Wenn die Kinder in der Schule erzählten: „Mein Opa hat ’nen Orden!“ Es ist in Deutschland nicht Sitte, über so was zu reden. Man ärgert sich ein bisschen darüber, dass der Orden nicht die Bohne dotiert ist, und die Sache hat sich. Die Enkel haben das Buch „Abgehauen“ nicht gelesen, das ist für sie so weit weg wie der Dreißigjährige Krieg. Und die Kinder haben es selbst erlebt, was Abhauen bedeutete.

Ist das Buch „Schweinegezadder“ gar aus dieser Verantwortung heraus entstanden – zu erzählen, dass es in dieser in Blöcke geteilten Welt einen Alltag gab?

Ach was! Das Büchlein ist aus nichts als Erzählfreude entstanden. Diese Welt war schon immer in Blöcke zerteilt. Nix Besonderes. Aber ein Kuckuck, der so groß ist wie ein Mensch ist, und der in einer Kuckucksuhr wohnt, welche so groß ist wie ein Haus, wie ich es schreibe, das ist doch niemals Alltag!

Mit dem Buch gehören Sie jetzt zu den vom Internethändler Amazon mit Lieferverzögerungen belegten Autoren. Der verschickt es erst in zehn Tagen. Haben Sie den offenen Brief der jetzt 1600 Autoren an Amazon unterschrieben?

Ach wissen Sie, es gibt nur wenige Menschen, die derart gierig auf mein kleines Büchlein sind, dass sie es unbedingt schneller als in zehn Tagen brauchen. Wer als Autor Amazon ärgern will, muss bloß blöde Bücher schreiben, dann kann Amazon die Auslieferung so lange verzögern, bis – sagen wir – die Welt nicht mehr in Blöcke zerteilt ist. Haben 1600 Autoren einen offenen Brief an Amazon geschrieben? Ich habe wieder nichts davon gewusst, mir sagt ja keiner was. Die nehmen mich doch als Autor nicht ernst. 1 600? Au, da wird Amazon ja einen Höllenschreck gekriegt haben.

Oder kommt es Ihnen heute seltsam vor, gegen ökonomischen Druck brieflich zu protestieren? Weil der Brief einiger Intellektueller aus der DDR gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976 bei Ihnen zu Hause diskutiert und von den Ersten unterzeichnet wurde.

Mir kam es schon immer seltsam vor, brieflich gegen alle möglichen Drücke zu protestieren. Lieber habe ich Protestschreiben anderer bloß mitunterschrieben. Solche Akte fanden tatsächlich öfter bei mir zu Hause statt, weil ich einfach das schönste und geräumigste Zuhause hatte, welches übrigens ein Mal pro Quartal nach fremden Mikrofonen abgesucht wurde.

Für das Buch, in dem Sie davon erzählen, „Abgehauen“, sind Sie auch von früheren Weggefährten kritisiert worden. In „Schweinegezadder“ aber schreiben Sie viel freier, es war Ihre Geburtsanzeige als Schriftsteller. Wann kommt das nächste Buch?

Jetzt ist es zu spät, der Mitwelt noch mal den Rücken zu kehren. Ich kann auf keinen Freund aus dem schrumpfenden Häuflein verzichten. Ein so wichtiges Buch könnte ich, etwa zur Rechtfertigung, niemals schreiben. Das nächste Buch von mir wird wohl mein Sparbuch sein. Für die Verwandtschaft. Anlässlich des Ablebens.

Die Fragen stellte Cornelia Geißler.