Horst Günter Marx ist einer der gefragtesten Theater- und Filmschauspieler in Deutschland. Das Publikum kennt den 63-jährigen Berliner aus Krimi-Folgen wie „Tatort“ und vor allem als Klinik-Chef aus der beliebten ARD-Serie „In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte“. Es ist weniger bekannt, dass Marx 18 Monate im DDR-Gefängnis saß und dort für das schwedische Möbelhaus Ikea Scharniere herstellen musste, wie er in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung berichtete.

Die Ereignisse, die dazu führten, begannen 1978, als Marx sein Schauspielstudium an der Hochschule „Ernst Busch“ in Ost-Berlin absolvierte. „Mit anderen Studenten wollte ich zu Frank Castorf nach Anklam gehen, der dort ein sehr modernes und anderes Theater in der DDR machte“, sagt Marx. „Doch dies wurde uns nicht gestattet. Sogar ins Kultusministerium wurde ich zitiert, wo man mir untersagte, an das Anklamer Theater zu gehen, da es nicht den sozialistischen Vorstellungen entsprach.“

Haftanstalt Neustrelitz und Stasi-Gefängnis Pankow

Nach dem Studium kam Marx Anfang der 80er-Jahre doch noch nach Anklam, spielte in Castorf-Inszenierungen wie „Othello“ mit. „Das Stück war den Funktionären nicht genehm, wurde gleich nach der Premiere abgesetzt“, sagt Marx. 1984 lösten die SED-hörigen Behörden sogar das ganze Ensemble auf. „Das war für mich ein Grund, die DDR zu verlassen, stellte mit einem Freund den Ausreiseantrag“, sagt Marx. „Ich habe nie damit gerechnet, dass ich deshalb im Gefängnis landen könnte.“

Einen Ausreiseantrag zu stellen, war laut DDR-Gesetz eigentlich legal. Allerdings hatte Marx sich mit anderen Ausreisewilligen getroffen, war mit ihnen nach Ost-Berlin gefahren, um dort in die Ständige Vertretung der Bundesrepublik zu gehen. Das wertete die DDR-Justiz anscheinend als Verschwörung gegen den Staat. „Drei Männer in Anoraks standen später an meiner Wohnungstür, holten mich zur Klärung eines Sachverhaltes ab“, sagt Marx. Er kam in die Haftanstalt Neustrelitz und ins Stasi-Gefängnis Pankow. „Das erste Verhör dauerte von ein Uhr nachts bis vier Uhr nachmittags“, erinnert sich Marx. Ein Gericht verurteilte ihn wegen „Zusammenschlusses zur Verfolgung gesetzwidriger Ziele“ zu 18 Monaten Haft. Er landete im Gefängnis in Naumburg (Sachsen-Anhalt).

Wegen angeblicher Selbstmordgefahr ans Bett gefesselt

Marx musste als Gefangener in einem Metallwarenwerk arbeiten. „Dort stellte ich auch Möbelbeschläge für den Westen her. Für Ikea hieß es“, sagt der Künstler. Der Lohn: monatlich 110 DDR-Mark. 2012 musste Ikea erstmals einräumen, dass vor allem politische Gefangene in der DDR für das schwedische Unternehmen Möbel oder Teile dafür herstellten. Es gab eine Entschuldigung, keine Entschädigung. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 100.000 Gefangene wie der Schauspieler für Ikea arbeiteten.

Schlimmer als die Zwangsarbeit empfand Marx die Schikanen im Gefängnis, denen er drei Wochen vor der Entlassung ausgesetzt war. „Drei Tage wurde ich in eine Isolierzelle gesperrt, mit Händen und Füßen ans Bett gefesselt – wegen angeblicher Selbstmordgefahr“, sagt der Schauspieler. Im September 1985 wurde Marx entlassen. Drei Monate später durfte er die DDR verlassen. Er empfindet es als Glück, dass er als Künstler im Westen sofort Fuß fassen konnte.

Er bekam eine Rolle im Film „Die Verliebten“ mit Barbara Sukowa, ging 1986 ans Theater in Basel, spielte an der Seite von Sonja Kirchberger die Hauptrolle im Film „Die Venusfalle“, der 1988 bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt wurde. Mit diesem Streifen gelang Marx der künstlerischen Durchbruch. Für seine Arbeit wurde er mit dem Marx-Ophüls-Preis ausgezeichnet.