Immer wieder kommt es vor, dass Christina Große auf der Straße oder in einem Geschäft angesprochen wird. „Sie kenne ich doch“, heißt es dann, „Sie sitzen bei Spiele-Max an der Kasse. Oder war’s bei Rossmann?“ Die zierliche Frau sitzt aber nirgendwo an der Kasse, jedenfalls nicht im sogenannten wahren Leben.

Vielmehr ist sie Schauspielerin – und eine außergewöhnliche dazu: Dass sie im Alltag inzwischen nicht selten mit jenen Rollen identifiziert wird, die sie in Fernseh- oder Kinofilmen verkörpert, ist durchaus eine Qualität, mit der Christina Große gut zu leben weiß. Denn als Darstellerin ist sie so glaubwürdig, dass die Zuschauer darüber vergessen, dass Große nur in eine fremde Haut geschlüpft ist. Nahezu jeder hat diese Frau irgendwann schon einmal in einem Film gesehen, ist sich dessen aber oft kaum bewusst.

Wie ein frischer Wind weht die Mittvierzigerin in das kleine Café in der Stargarder Straße im Prenzlauer Berg und fragt lachend, was die überraschte, reichlich früh erschienene Gesprächspartnerin denn da gerade mache („Noch mal die Notizen durchgehen zur Vorbereitung“) und dass sie selbst viel zu früh dran sei („Ja, aber das ist schön“). Tatsächlich war die Neugier groß auf diese Schauspielerin, die sich eben nicht auf jene auftrumpfende oder gar lärmende Art einprägt, die einen als Zuschauer dann doch schnell langweilt.

Christina Große ist eine Künstlerin der feinen Nuancen und inneren Stürme, eine Meisterin der Implosion zudem. Immer wieder verkörperte sie in Kino- und Fernsehfilmen Frauenfiguren, die es schwer haben im Leben, die sich durchkämpfen müssen, ohne aber dabei in Larmoyanz zu verfallen. „Ich bin das Emotionalchen vom deutschen Fernsehen“, meint sie lachend dazu und fährt fort: „Ich habe meine Familie über Jahre mit sozial problematischen Frauenfiguren durchgebracht.“

Innere Stürme

Wer wissen will, wie Christina Große eine Rolle anlegt und ausfüllt, sollte sich baldmöglichst ins Kino bemühen. Dort läuft seit einiger Zeit der Film „Alki Alki“ vom Regisseur Axel Ranisch, in dem Große die Frau eines Alkoholikers spielt – und zwar nicht als eine dieser starken Partnerinnen, die dringend die Kontrolle behalten wollen, sondern als einen Menschen, dem nach und nach alles entgleitet in der Ko-Abhängigkeit. Das Erstaunliche dabei ist: Man empfindet viel Mitgefühl mit der von Christina Große zart ziselierten Ehefrau eines Suchtkranken, die außerdem drei Kindern Halt sein muss, aber sie tut einem nicht leid.

Solcher grundlegender Unterschiede muss sich ein Schauspieler erst einmal bewusst sein – und dazu auch noch fähig, sie entsprechend künstlerisch auszuarbeiten. Dann ist da noch dieses innere Leuchten – kein künstlich angeknipstes Gesichtslicht, um Sympathien und Wirkung einzuwerben, sondern ein Phänomen, das wohl aus der Seele kommt – diese Formulierung musste jetzt sein; schließlich ist Weihnachten.

Mit Axel Ranisch hat Christina Große wiederholt zusammengearbeitet; sie nennt den in Lichtenberg ansässigen Filmemacher „ein Geschenk“. Dass sie aber auch ohne Ranischs Anleitung oder Anwesenheit souverän im feinstofflichen Bereich zu agieren versteht, zeigten etwa Fernsehfilme wie „Für Elise“, in dem ein junges Mädchen (Jasna Fritz Bauer) mit dem Unfalltod ihres Vaters und dazu mit ihrer traumatisierten Mutter (Große) leben muss. Oder das Drama „Neufeld, mitkommen“, wo sich Christina Große als verzweifelt widerständige Mutter eines Mobbing-Opfers gegen die Schulbehörden und Eltern der Täter stellt.

In „Be My Baby“ vertritt sie als Mutter einer jungen Frau mit Down-Syndrom nicht nur den Glücksanspruch der behinderten Tochter energisch, sondern auch ihren eigenen. Und in dem fulminanten „Spreewaldkrimi: Mörderische Hitze“ verteidigt sie schließlich sich und das gemeinsame Kind gegen die mit dem sozialen Abstieg immer stärker werdenden Paranoia ihres Ehemanns.

Dass Christina Große dann im ZDF-Fernsehfilm „Ein Sommer in Masuren“ einmal anders besetzt wurde, hat sie ungemein gefreut: Hier verkörpert sie eine Frau mit Asperger-Syndrom, die sich also nicht einfühlen kann in andere Menschen. Was ihre Rollen angeht, so mag es Christina Große gern auch mal „ungebeutelt“. Seit „Für Elise“ (2012) und diversen Darsteller-Preisen ist sie regelmäßig in Hauptrollen zu sehen. Schauspielerin wollte sie schon immer werden. Warum? „Ich habe mich immer total gern verkleidet.“ Das supertheoretische Durchdringen der Figuren ist ihre Sache indes nicht; vor der Kamera agiert sie gern aus dem Bauch heraus und folgt dem Instinkt.

Dabei begann ihre Laufbahn quasi auf einem anderen Planeten. Christina Große, 1970 in Blankenhain geboren, wuchs im thüringischen Saalfeld auf; als Tochter eines Pfarrers hatte sie in der DDR keinen Zugang zu Abitur und Studium. So absolvierte sie bei der evangelischen Kirche zunächst eine Ausbildung zur Psychiatrie-Diakonin; es war ihr aber schnell klar, dass sie nicht Pädagogin für Kranke oder Behinderte werden wollte.

1988 bestand sie die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg, es gab jedoch in diesem Jahr keinen Studiengang Schauspiel. 1990, nach dem Mauerfall, bekam sie dann die Zulassung: „Eigentlich war es nur ein Versuch“, sagt Große, „ich wollte nicht mit vierzig dasitzen und sagen müssen: ,Ach, hätte man doch mal …‘“

So irre authentisch

Noch während des Studiums gab sie ihr Debüt am Berliner Deutschen Theater, in Ödön von Horváths „Don Juan kommt aus dem Krieg“. Damals war es sehr wichtig, woher jemand kam. Sätze wie dieser hier fielen: „Ah, schon wieder so eine tolle Schauspielerin aus dem Osten! Die sind immer so authentisch!“ Ganz so, als wäre sie eine süße Wilde. Das war Christina Große aber nie. Armin Petras wurde für sie zum wichtigsten Regisseur, das Theater 89 in der Berliner Torstraße zu ihrem Haustheater. Sie gab – „viel zu jung!“ – Brechts Mutter Courage und wirkte in Tschechows „Möwe“ mit. Einen festen Theatervertrag unterschrieb sie allerdings nie, obwohl ihr drei Mal einer vorgelegt wurde – die Vorstellung, Jahre an ein Haus und dieselben Rollen gebunden zu sein, war ihr unerträglich.

Dass sie dann verstärkt fürs Fernsehen arbeitete, hatte in erster Linie praktische Gründe: Die Kinder waren noch klein, Geld musste her. Bald aber begriff Christina Große auch das Fernsehen als Raum der Möglichkeiten, als Gelegenheit, sich auszuprobieren. Um eins klarzustellen: Zwischendurch gab es immer wieder Phasen, wo sie ans Aufhören dachte, etwa, wenn sie ein paar Monate lang keine Arbeit hatte. Inzwischen findet sie es viel leichter, große Rollen zu spielen als damals kleine, denn kleinen Rollen fehlt der weite Erzählbogen – es ist da schwieriger, eine Figur zu entwickeln; alles muss auf Anhieb stimmen. Gerade hat sie eine vierteilige Miniserie für den Bayrischen Rundfunk abgedreht, die 2016 ausgestrahlt wird: Hier spielt sie die Direktorin eines fiktiven Goethe-Instituts in einem fiktivem islamischen Land, und die ist kein „Emotionalchen“. Wenn sich Christina Große etwas wünschen könnte, dann wäre das „eine weniger angstbesetzte Besetzungspolitik“, „jedes Jahr einen Film mit Axel Ranisch“ und „auch mal einen Schwarz-Weiß-Film“.