Marisa Tomei bei den Emmy Awards im September 2019.
Foto: imago images / Everett Collection

BerlinVon einem nicht mehr ganz jungen Herumtreiber und Schulabbrecher, der es endlich schafft, sein Leben in den Griff zu bekommen, handelt Judd Apatows neuer Film „The King of Staten Island“, der am Donnerstag in unseren Kinos anläuft. Eine sehenswerte Selbstfindungsgeschichte, die auch vom Spiel der tollen Marisa Tomei lebt. Anlässlich ihrer Nebenrolle hatten wir die Gelegenheit, mit der 55-jährigen New Yorkerin via Zoom zu sprechen.

Miss Tomei, „The King of Staten Island“ basiert in weiten Teilen auf dem Leben des Hauptdarstellers und Komikers Pete Davidson, dessen Vater am 11. September 2001 bei den Rettungsarbeiten während der Terroranschläge in New York ums Leben kam. Was hat denn Davidsons Mutter dazu gesagt, von einer Oscar-Gewinnerin verkörpert zu werden?

Das habe ich sie nicht gefragt. Aber sie hat mir sozusagen ihren Segen gegeben und hatte nichts dagegen, dass ich sie spiele. Allerdings haben wir, als ich sie kennenlernen durfte, gar nicht über den Film gesprochen. Pete wollte, dass der Film eine Überraschung für sie wird, deswegen hat er das Drehbuch vor ihr geheim gehalten.

Was fiel Ihnen an dieser Frau besonders auf, als Sie ihr im realen Leben begegnet sind?

Ihre unermüdlich positive Art war besonders auffällig. Und ich wusste, zumindest wenn ich dem Drehbuch trauen konnte, dass sie eine endlose Geduld haben musste. Beides Eigenschaften, von denen man selbst ja eigentlich immer noch ein bisschen mehr gebrauchen kann. Ich zumindest hätte mir vieles nicht gefallen lassen von den Nervereien, die ihre Kinder ihr beschert haben. Aber gerade deswegen war es ganz interessant, sich direkt mit ihr auszutauschen.

Der offizielle Trailer zu "The King of Staten Island".

Video: YouTube

Im Film haben Sie einen Job, der dieser Tage als systemrelevant gilt und beklatscht wird, ohne dass er letztlich ausreichend gewürdigt wird.

Stimmt, genau wie im echten Leben ist Petes Mutter auch im Film Krankenschwester. Wobei ich die Sache jetzt nicht zu hoch hängen will, schließlich sehen wir sie praktisch kaum bei der Arbeit, die also nicht Thema des Films ist. Für die Geschichte ist es nicht wirklich wichtig, dass sie in der Notaufnahme arbeitet. Sieht man mal davon ab, dass wir so verstehen, wie stressresistent und adrenalinerprobt sie ist.

Staten Island ist unter den fünf Stadtbezirken von New York City quasi das Stiefkind. Haben Sie einen Bezug zu diesem Teil der Stadt?

Offen gestanden nicht wirklich. Ich bin in Brooklyn geboren und aufgewachsen, da verschlägt es einen eigentlich nie nach Staten Island. Auch nicht für die Pizza, die laut Pete da ja besonders gut sein soll. Aber da mein Bruder Pizzabäcker ist, bin ich da sowieso nicht unvoreingenommen.

Zur Person

Marisa Tomei, Tochter italienischstämmiger Eltern, wurde am 4. Dezember 1964 in Brooklyn geboren und stand schon zu Schulzeiten auf der Theaterbühne. Später folgten Rollen in Seifenopern oder der Sitcom „College-Fieber“, bevor sie auch auf die Leinwand wechselte.

Gleich zu Beginn ihrer Kino-Karriere wurde sie für die Komödie „Mein Vetter Winnie“ mit dem Oscar ausgezeichnet, später folgten Filme wie „Chaplin“, „Was Frauen wollen“, „In the Bedroom“, „Die Wutprobe“ oder „The Wrestler“.

Zuletzt war die New Yorkerin als Tante des jungen Superhelden in „Spider-Man: Homecomig“ und weiteren Marvel-Blockbustern zu sehen. 

Im Film geht es auch darum, seinen Weg im Leben zu finden. Sie selbst wussten sehr früh, dass die Schauspielerei Ihre Leidenschaft ist...

Ach, so früh nun auch wieder nicht. Ich glaube, ich war in meinen frühen Zwanzigern, als ich wirklich wusste, dass dies mein Weg ist. Aber in einer geraden Linie verläuft das Leben ja nie, und auch in meinem Fall habe ich das nicht so empfunden, selbst wenn ich dem Beruf bislang treu geblieben bin. Was nicht heißt, dass ich meine Wahl nicht immer wieder in Frage stelle. (lacht)

Was bedeutete es für Sie, sehr früh in Ihrer Karriere den Oscar gewonnen zu haben?

Ich musste sehr viel sehr schnell lernen. Denn „Mein Vetter Winnie“ war ja wirklich erst mein zweiter Kinofilm. Auf einiges war ich einfach nicht vorbereitet, allen voran den Umgang mit der Presse und solche Dinge. Mein Glück war, dass ich – vielleicht auch durch den Oscar – danach immer neue Möglichkeiten bekam und weiter arbeiten durfte. Von daher würde ich im Rückblick sagen: Es war ein großartiger Start für meine Karriere. Jetzt muss mir nur auch irgendwann noch ein großartiger Schluss gelingen. (lacht)

Erleben Sie den Mittelteil aktuell auch als großartig?

Nicht immer, nein. Ehrlich gesagt bekomme ich in letzter Zeit recht häufig Rollen, die leider ziemlich langweilig sind. Ich lehne die nicht immer ab, schließlich will ich ja arbeiten, aber es liegt dann oft einzig an mir, daraus irgendetwas Interessantes zu machen. Das empfinde ich als ziemlich limitierend, und wenn ich es mir genau überlege, wurde mir beim Film selten die Gelegenheit gegeben, wirklich die ganze Bandbreite meines Spiels zeigen zu können. Das durfte ich bislang eher am Theater.

An Theater ist in New York aktuell noch nicht wieder zu denken, auch Filmdreharbeiten gehen erst langsam wieder los. Wie erleben Sie die aktuelle Situation in der Corona-Pandemie?

Ich erlebe sie von zu Hause aus, wie alle anderen auch. Im Ernst: Ich habe wirklich keine Ahnung, wann es in unserer Branche zurück in die Normalität geht. Keine ganz einfache Situation. Eigentlich soll ich im Oktober und November wieder arbeiten, aber noch kann ich nicht einschätzen, wie realistisch das ist. Erst war der Drehbeginn für Juli angesetzt, dann wurde auf September geschoben, jetzt heißt es Oktober. Mal sehen...

Szene aus „The King of Staten Island“.
Foto: Universal Pictures/Mary Cybulski

Fehlt Ihnen der normale Branchenalltag, der Gang über den roten Teppich etwa, zu einer Premiere von „The King of Staten Island“?

Mir fehlt vieles, aber rote Teppiche wirklich nicht. So sehr sie zum Unterhaltungsbetrieb auch dazugehören. Und manche neue Entwicklung finde ich ja auch gar nicht schlecht. Dass ich für unser Zoom-Interview nicht aus dem Haus musste, sondern mich nur ins Esszimmer gesetzt habe, das ist ja durchaus bequem. Von daher freue ich mich jetzt einfach mal, dass überhaupt Wege gefunden wurden, wie wir weitermachen und auf der ganzen Welt – mal online, mal im Kino – den Leuten unseren Film zeigen können. Alles andere werden wir sehen.