Die Schauspielerin Renate Krößner (1945-2020)als „Sunny“.
Foto: Defa-Stiftung/Dieter Lück

BerlinDie modisch-schneeweiße Kappe und ein locker um die Schulter gelegter Pelz riefen das Klischee einer kühlen Diva hervor, aber die leuchtend blauen Augen und das Grübchen am Kinn verwiesen auf ein Gesicht, das gar nicht erst darauf aus war, eine trotzige Verletzlichkeit mit falschem Glanz zu verbergen. 

Sunny war die Rolle ihres Lebens, und es war eine sehr unwahrscheinliche dazu. Als Renate Krößner 1979 das Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase zu Konrad Wolfs Film „Solo Sunny“ erhalten hatte, dachte sie spontan: „Hammer Geschichte, aber das werden die nie machen. Ich lese wieder was, das verboten wird.“ So sagte es Renate Krößner im Februar dieses Jahres unser Kollegin Cornelia Geißler, die sie anlässlich der bevorstehenden 70. Ausgabe der Berlinale, auf der Krößner 1980 mit dem Silbernen Bären als beste Schauspielerin ausgezeichnet worden war, zu einem letzten Interview getroffen hatte.

„Solo Sunny“ - das stille Aufbegehren einer Unangepassten

„Solo Sunny“ war der letzte Film des Regisseurs Konrad Wolf, der 1982 im Alter von nur 56 Jahren starb. Wolfgang Kohlhaase hatte Co-Regie geführt, herausgekommen war dabei in vielerlei Hinsicht Wolfs jugendlichster Film. Renate Krößner war darin die talentierte Sängerin Ingrid „Sunny“ Sommer, die sich eine Karriere als Jazz-Sängerin erhofft, aber nicht zuletzt an den Zwängen einer bieder-angepassten Männergesellschaft scheitert, die nicht bereit ist, das Emanzipationsversprechen einzulösen, das sie sich ein paar Jahrzehnte zuvor im Namen des Sozialismus gegeben hatte. „Solo Sunny“ ist jedoch kein Film über die Verknöcherungen der in die Jahre gekommenen DDR, sondern zeigt vielmehr das stille Aufbegehren einer Unangepassten, die sich ihre Aufmüpfigkeit nicht nehmen lässt.

Der Trailer zu „Solo Sunny“.

Video: YouTube

Renate Krößner war bereits 35, als sie Konrad Wolfs Angebot annahm. Zu einem Casting musste sie nicht, Wolf hatte sie in einigen Filmen gesehen und in dem Stück „Cyankali“ seines Vaters Friedrich Wolf. Die Erfahrung, in verbotenen Filmen mitzuwirken, hat Renate Krößner gleich mehrfach gemacht, etwa in „Eine Pyramide für mich“ nach einem Roman von Karl-Heinz Jakobs oder auch an der Seite von Manfred Krug in „Feuer unter Deck“. Nachdem Krug mit seiner Unterschrift gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte, war der Film verboten worden.

Mit sprödem Berliner Witz

Renate Krößners darstellerisches Kapital war ihr spröder Berliner Witz, der „Solo Sunny“ auch 40 Jahre später kein bisschen alt aussehen lässt. In einer Passage des Films geht Sunny eine Liaison mit einem Philosophen ein, der die ganze Zeit schlaue Dinge über den Tod fabuliert, aber vor Schreck erstarrt, als er nachts ein Messer an seiner Seite erspürt. Sie habe ihn töten wollen, sagt Sunny, sei dann aber wohl eingeschlafen.

Vor ihrer Filmkarriere hat die 1945 in Osterode im Harz geborene Krößner nach ihrem Abschluss an der Staatlichen Schauspielschule Berlin zunächst diverse Stationen an lokalen Bühnen in Parchim, Stendal, Senftenberg und Brandenburg an der Havel absolviert. Der Berlinale-Bär war nach 1980 dann jedoch eher ein Bremsklotz denn ein Katalysator. Den Kulturfunktionären war es gar nicht recht, dass sie derart exponiert vom Westen dekoriert wurde. Dabei sagte „Solo Sunny“ mindestens so viel über das patriarchalische Westsystem aus wie über den Osten. 1985 ging Renate Krößner, nachdem sie zuvor mehrere Ausreiseanträge gestellt hatte, mit ihrem Mann, dem Schauspieler Bernd Stegemann, in den Westen.

Frauen am Rand der Gesellschaft

Nach der Wende spielte Renate Krößner in zahlreichen Fernsehfilmen und Serien mit, erneut zusammen mit Manfred Krug in „Liebling Kreuzberg“ (nach einem Buch von Jurek Becker). Ihr unverwechselbares Gesicht und ihre Schnoddrigkeit riefen oft auch in kleinen Rollen die Erinnerung an „Solo Sunny“ wach, mehr aber noch standen sie für eine Schauspielerin, die sich in den Dienst von Rollen stellte, in denen sie nicht selten auch Frauen am Rand der Gesellschaft verkörperte.

In „Anderst schön“, einer schrulligen Komödie von Bartosz Werner, spielt Renate Krößner vor wenigen Jahren die alkoholsüchtige Mutter des von Charly Hübner dargestellten Hausmeisters Roger in einem öden Ostseenest. Zur Hässlichkeit einer sozial Gestrandeten bedurfte es für Renate Krößner keines besonderen Mutes. Seit „Solo Sunny“ hatte sie gelernt, dass Haltung und Selbstbewusstsein attraktiv machen, in welcher Lage auch immer sie sich gerade befinden mochte. Am Montag ist Renate Krößner im Alter von 75 Jahren in Mahlow bei Berlin nach kurzer schwerer Krankheit gestorben.