"Little Women": Eliza Scanlen, Emma Watson, Florence Pugh, Saoirse Ronan
Sony Pictures

BerlinMeg, Jo, Beth und Amy heißen die Titelheldinnen von Greta Gerwigs aktuellem, vielstimmig gelobtem und mit sechs Oscarnominierungen bedachtem Film „Little Women“. Dabei handelt es sich um die Verfilmung eines Klassikers der US-amerikanischen Literatur, den gleichnamigen, 1868 erschienenen Roman von Louisa May Alcott, die darin Erlebnisse ihrer Kindheit verarbeitet. 

Alcott, 1832 in Germantown, Pennsylvania, geboren, wuchs als zweite von vier Töchtern zwar in ärmlichen Verhältnissen auf, dafür aber in einem Haushalt, in dem die führenden Intellektuellen der damaligen Zeit – unter anderen Ralph Waldo Emerson, Nathaniel Hawthorne und Henry David Thoreau - ein und aus gingen. An geistiger Anregung fehlte es also nicht, und früh schon begann Alcott mit der Schriftstellerei und schrieb Stücke, die sie mit ihren Schwestern zusammen aufführte. Auch bemühte sie sich auf unterschiedlichste Weise, zum Unterhalt der Familie beizutragen – ein Unterfangen, das sie immer wieder mit geschlechtsspezifischen Restriktionen konfrontierte, waren die Möglichkeiten, die die Gesellschaft arbeitssuchenden Frauen bot, doch arg überschaubar.

Nach dem Roman von Louisa May Alcott

Nichtsdestotrotz blieb Alcott zeit ihres Lebens – sie starb 1888 im Alter von 55 Jahren in Roxbury, Massachusetts – unverheiratet. Wie ihre Mutter sprach sie sich gegen die Sklaverei aus und setzte sich für die Rechte der Frauen ein; so ließ sie sich zum Beispiel als eine der ersten an ihrem Wohnort als Wählerin registrieren. Alcott schaffte es, sich allein mit ihrer Literatur zu finanzieren, indem sie, teils unter dem Pseudonym A.M. Barnard, Romane, Märchen, Erzählungen und Gedichte veröffentlichte. Sie kann also als Pionierin der Frauenemanzipation und als Vorbild gelten.

Ihre anhaltende Strahlkraft verdankt sich jener mit „Little Women“ begonnenen Tetralogie von Jugendbüchern, die außerdem noch die Romane „Good Wives“ (1869, auch als „Little Women II“ bekannt), „Little Men“ (1871) und „Jo’s Boys“ (1886) umfasst. Bei Einsetzen der Filmhandlung ist der Vater im Bürgerkrieg abwesend und so liegt die Last der Verantwortung für Erziehung und Unterhalt der vier Schwestern im Hause March auf den Schultern der Mutter, Marmee gerufen. Geschildert wird nun Heranwachsen und Erwachsenenalter von Meg, Jo, Beth und Amy, in Gestalt durchaus erbaulicher Geschichten, die von Herzensgüte, Mitgefühl und tätiger Nächstenliebe handeln. Von schwesterlichen Konflikten und schwesterlicher Solidarität. Sowie von mütterlichem Glück und Stolz.

Aber eben auch von den Widrigkeiten und Widerständen, auf die die gar nicht einmal so hochfliegenden Träume von Mädchen treffen, die zu Frauen werden, denen außer den Rollen von Gattin und Mutter nicht viele weitere Optionen offen stehen. So emanzipiert Alcott auch immer gelebt haben mag, sie konnte es sich nicht leisten, ihre Zeitgenossen mit allzu selbstständigen Frauenfiguren vor den Kopf zu stoßen; die Probleme der weiblichen Lebensrealität konnte sie demnach nur in gemilderter Form zur Sprache bringen. Doch das immerhin tat sie.

Seit seiner Veröffentlichung wurde insbesondere „Little Women“ vielfach adaptiert, als britischer TV-Mehrteiler, als japanische Anime-Serie und als Kinofilm beispielsweise 1933 von George Cukor, 1949 von Mervyn LeRoy und zuletzt 1994 von der Australierin Gillian Armstrong. Gemeinsam mit Amy Pascal zeichnen die seinerzeit produzierende Denise Di Novi sowie Robin Swicord, die damals das Drehbuch schrieb, nunmehr auch für die Produktion von Greta Gerwigs aktueller Fassung verantwortlich. Gerwig steht damit zum einen in der filmgeschichtlichen Tradition, zum anderen beschreitet sie, die hier ihre eigene Drehbuchadaption des berühmten Romans verfilmt, neue Wege.

Vor allem als Schauspielerin und Drehbuchautorin und 2017 als Regisseurin von „Lady Bird“ hat Gerwig sich in den vergangenen Jahren einen Ruf als humorvoll-kritische Filmkünstlerin mit scharfem Blick für die Malaisen der weiblichen Existenz erarbeitet. Sie könnte nun also ansetzen und die in Alcotts Text angelegten Konflikte zuspitzen und verschärfen. Stattdessen inszeniert sie einen auf den ersten Blick recht konventionellen Kostümschinken.

Von Anekdote zu Episode

In dem allzu oft ein gnadenlos schnatternder Frauenhaufen unablässig begleitet von Alexandre Desplats grundlos gut gelaunter Musik durch die exquisiten Kulissen von Anekdote zu Episode zu Begebenheit hastet. Auch die Kostüme sind schick. Und über die Besetzung lässt sich gleichfalls nicht meckern.

Es mangelt weder an Schauwerten noch an Schwung, weder an Emotionalität noch an Dramatik. Nur droht in dem ganzen Tohuwabohu Gerwigs durchaus originäre Perspektive unterzugehen: Sie bricht die chronologische Erzählstruktur der Vorlage auf, wechselt mal assoziativ mal erläuternd zwischen unterschiedlichen Zeitebenen hin und her und erzählt die Geschichte der künstlerischen Selbstermächtigung einer Frau, die zugleich die Autorin dieser Erzählung ist. So wird Louisa May Alcott in ihrer zentralen Heldin Jo March sichtbar gemacht und so auch Greta Gerwig als die Urheberin dieser Spiegelung – die schließlich alle künstlerisch tätigen Frauen mit einschließt.

Little Women USA 2019. Regie, Drehbuch (adaptiert): Greta Gerwig, Darsteller: Saoirse Ronan, Florence Pugh, Emma Watson, Eliza Scanlen, Laura Dern u.a., 135 Min., Farbe.