Tom Cruise als Jack Reacher in Christopher McQuarries Verfilmung von 2012.
Foto: Paramount Pictures France

Über Genreliteratur schreibt man in Deutschland nicht, man bekennt sich zu ihr. Das gilt grundsätzlich. Das gilt für Krimis. Und es gilt besonders für Lee Child, 65, und Jack Reacher, den Helden seiner bald 25 Romane. Verdacht erregt neben der seriellen Struktur die unverstellt kommerzielle Natur, was im Falle Childs heißt: angeblich weit mehr als 100 Millionen verkaufte Bücher seit 1997, in rund 40 Sprachen, mit exponentieller Tendenz, jedenfalls 2017, als „Bluthund“, das jetzt auf Deutsch erschienene 22. Buch der Serie, im Original veröffentlicht wurde.

Reacher fällt also ins Feld des Pop, er selbst mag alten Blues. Mehr als originelle Plots reizen die Details, mit denen Beats und Muster variiert werden. Child hat auch keine Leser, sondern Fans, und nach Art von Lady Gagas Little Monsters heißen wir Reacher Creatures. Haruki Murakami zum Beispiel, ewiger Nobelpreiskandidat, Chandler-Übersetzer sowie Pop-und Jazzfreund, freut sich an Childs Thrillern, „weil sie immer gleich sind“.

Das stimmt: Reacher kommt per Anhalter oder Bus irgendwo an. Irgendwas weckt sein Interesse oder verletzt sein Gerechtigkeitsgefühl. Dahinter: irgendeine finstere Verschwörung. Die haut Reacher systematisch kaputt. Dann zieht er weiter.

In „Bluthund“ fällt ihm während eines Busaufenthalts der Klassenring einer Absolventin der Militärakademie West Point ins Auge. Er hat selbst die Eliteschule besucht und meint, der Abschluss sei zu hart erkämpft, um sein Symbol ohne Not zu verticken. Die Neugier schickt ihn durch Wisconsin, South Dakota und Wyoming und mitten in die aktuelle Opioid-Krise der USA, die auch in den ländlichsten Gegenden des Landes grassiert.

Childs Held ist ein ehemaliger, natürlich hochdekorierter Militärermittler, der aus Frust über die veränderten Strukturen nach dem Kalten Krieg die Armee verlassen hat, um durchs Land zu streichen. Er besitzt nur eine Zahnbürste und einen Pass, getragene Kleidung wirft er weg und kauft neue. Im Westen der USA, erfährt man in „Bluthund“, gibt es eine größere Auswahl an großen Größen: ein wichtiger Punkt, denn Reacher misst fast zwei Meter, Brustumfang 130, Gewicht etwa 110 Kilo.

Child zieht lesbaren Spaß daraus, die Physiognomie seines Helden zu beschreiben. Sein Gesicht, erfährt man in einem Buch, sieht aus „wie von einem begabten Zeichner in Eile hingeschludert“, er hat „Schultern wie Basketbälle“ und diesmal wird er zum „unglaublichen Hulk“ mit „Fäusten so groß wie Supermarkthähnchen“.

Die Frauen fahren besser Auto als er

Mehr als äußeres Merkmal steht Reachers imposante Physis als eine der beiden definierenden Eigenschaften der Figur. Als zweite gleicht Reachers Psychologie eher einem Psychoraster aus Zielrichtung, Logik und einem grundsätzlichen, aber ziemlich archaischen moralischen Kompass. Ein Kritiker des US-Magazins The Atlantic beschrieb ihn als „eine Fuge auf zwei Beinen“. So vergnüglich die verdienten Prügel für unvorsichtige Biker und andere Gauner auch hier wieder ausfallen – mehr Zeit als mit Action verbringen die Leser mit den Sekunden, in denen Reacher Choreografien aus Fuß, Ellbogen, Kopf entwirft, oder mit der minutiösen Deduktion der Ermittlungsfakten. Sein Appeal liegt in einer faszinierenden Fremdheit.

Übrigens stehen ihm, abgesehen von der Kraft, auch hier mindestens ebenbürtige Frauen zur Seite, smart, mutig, mit Beruf. Sie fahren auch besser Auto als er. Er sei wie New York, verabschiedet sich eine im ersten Absatz von „Bluthund“: Toll für einen Besuch, aber da leben? Nein, danke.

Child schreibt die Geschichten in einem von Buch zu Buch strenger verknappten Stil, last exit Dreiwortsatz. Damit entwirft er eine präzise umrissene, komplexe Welt, deren Institutionen von Korruption bedroht sind, je nachdem in Militär, Industrie und Politik, durch Immobilienkraken oder identitäre Irre. Wenige klare Striche zeichnen in „Bluthund“ eindrucksvoll breitwandige Panoramen der Weiten Wyomings, abgehängte Kleinstädte, verhärmte Charaktere – Diner, Armut, Einsamkeit. Aber ebenso straff detailliert beschreibt Child, ein britischer Jurist, der bis Mitte der Neunziger fürs Fernsehen gearbeitet hat, wie sich Opiate historisch aus dem Militärbereich in die Pharma-Gesellschaft fraßen, das Elend der User, die Ignoranz der Politik. Dabei erkennt man Childs eigene zornige Teilnahme auch daran, dass er seinem Helden sogar ein gewisses Maß an mitleidender Sympathie gönnt.

Den Cheap Thrills des schicken Schunds schadet die Tiefe natürlich nicht. Dabei mag Reacher Gewalt nicht besonders. Er kann nur gut erkennen, wann sich ein Gespräch lohnt. Und wann man Idioten lieber in den Wäschetrockner stopft.

Lee Child: Der Bluthund. Ein Jack-Reacher-Roman. Aus dem Englischen von Wulf Bergner. Blanvalet, München 2020. 448 S., 22 Euro.