„Die Scham vor der Vergewaltigung ist die Scham vor dem Unaussprechlichen“: Romanautorin Meena Kandasamy.
LAIF/Isolde Ohlbaum

Eine Vergewaltigung ist eine Niederlage. Dieser Satz, den man mitten in diesem Buch findet, enthält schon die perfide Umkehrung von Schuld und Scham, die jeder sexuelle Missbrauch beinhaltet. Nicht der Täter sieht sich als Verlierer, nicht er schämt sich, sondern das Opfer. Und wenn der Mann, der vergewaltigt, kein Fremder ist, sondern der Partner, mit dem man morgens am Frühstückstisch sitzt, dann sagt sich das Opfer auch noch, dass es sich diesen Gewalttäter selbst ausgesucht hat. Und auch wenn „das Opfer“ grammatisch ein Neutrum ist, ist es meist eine Frau, wie auch die Protagonistin in diesem Buch mit dem Titel „Schläge“.

Der Untertitel „Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau“ verweist darauf, dass dieses verstörende Werk auf einer unsichtbaren Grenzlinie balanciert. Die 1984 in Chennai geborene Meena Kandasamy, promovierte Linguistin, war 2011 ein paar Monate lang mit einem Mann verheiratet, der sie physisch und psychisch misshandelte. Aber „Schläge“ ist keine Autobiografie. Dem Guardian sagte die Autorin, es sei eine Repräsentation dessen, was ihr zugestoßen sei. Der Roman funktioniert also in etwa so wie René Magrittes Gemälde „Der Verrat der Bilder“. „Ceci n’est pas une pipe“, heißt es unter der Pfeife auf dem Bild. Und so ist auch dieser kunstvolle Text über eine fortwährende Vergewaltigung keine Beschreibung eines individuellen Schicksals, auch wenn wahrscheinlich jeder Satz darin wahr ist. Er ist Roman, Kennzeichen und Symbol. Und mehr noch: „Schläge“ ist nicht nur ein höchst intelligentes fiktionales Werk, es benennt die Autorenschaft als rettende Kraft. „Ich denke daran, wie ich das alles eines Tages ausformulieren werde, und mir ist klar, dass ich der Gegenwart schon entkommen bin, und das gibt mir Hoffnung, ich muss nur warten, bis das hier vorbei ist und ich wieder schreiben kann, und ich weiß, dass das enden wird, weil ich weiß, dass ich darüber schreiben werde.“

Aber noch lebt das junge Ehepaar in einer Stadt in Südindien, in der sie fremd ist, in der ihr, der Schriftstellerin, der Intellektuellen, die Rolle der Hausfrau zugewiesen ist, während ihr Mann, der Maoist, der Revolutionär, am örtlichen College unterrichtet. Als Kommunist praktiziert er seine eigene Dialektik. Während seine Frau von den Genossen in der Öffentlichkeit gleichberechtigt behandelt wird, nennt er sie hinter verschlossenen Türen eine Hure. Er kapert ihre E-Mail, ihren Facebook-Account, ihr Handy. Er greift zu häuslichen Alltagsgegenständen, um seine Schläge auszuführen: dem Besenstiel, dem Waschmaschinenschlauch, dem Kabel ihres Mac. Alles kann sich in eine Waffe verwandeln, wenn das Zuhause kein Schutzraum mehr ist.

Man sollte sich übrigens nicht täuschen. Denn auch wenn der Schauplatz dieses Buchs Indien ist, auch wenn es jedes Vergewaltigungsopfer einem schwer macht, sich mit ihm zu identifizieren,  spielt es unter uns. Und doch auch wieder nicht. „Dunkle Frauen haben es schwer, in intellektuelle, feministische Szenen einzudringen“, schreibt Meena Kandasamy und vielleicht ist diese Aussage, in der die Autorin und ihre Protagonistin am ehesten eins sind. Es ist dieser Satz, der „Schläge“ wenigstens am Rande auch zu einem postkolonialen Text macht. Und doch verbindet sich Meena Kandasamy auch mit westlichen Autorinnen wie Elfriede Jelinek, Zora Neale Hurston oder Anne Sexton, so als seien sie ihre Schutzgöttinnen, indem sie ihren Kapiteln deren Zitate voranstellt.

Der gewalttätige Ehemann ist eine eingeführte Figur, aber die Frau, die das Schweigen bricht, die sich wehrt und dabei nicht schont, die bis zum Äußersten geht, ist es nicht. „Die Scham vor der Vergewaltigung ist die Scham vor dem Unaussprechlichen“, schreibt Meena Kandasamy. Frauen hätten es immer leichter gefunden, Gift zu nehmen, ins Feuer zu springen, als irgendeinem anderen Menschen zu erzählen, was passiert ist. Sie aber ist die Frau, die dabei noch Autorin ist – im Buch und in der Wirklichkeit, was für ein Twist – die sich nicht scheut, das Empfinden der sexuell Geschundenen in Poesie zu verwandeln. „Ich stelle mir vor, wie meine Vagina aus mir herausfällt wie Kleingeld. Nicht mit Klimpergeräuschen, sondern nass, breiig, lautlos, mit dem Dunkelrot sterbender Rosen.“ Angenehm ist das nicht. Wie sollte es auch?

Das Wort Autor bedeutet Schöpfer, es steckt in Autorität. Eine Autorin ist kein Opfer. Meena Kandasamy behauptet, mit ihrer Autorenschaft die Kontrolle nicht nur wiedererlangt, sondern sie nie verloren zu haben.

Meena Kandasamy: Schläge. Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau. Aus dem Englischen von Karen Gerwig. CulturBooks Hamburg 2020. 264 S., 22 Euro