Berlin - Eigentlich wollte ich ins Menschenaffenhaus im Zoo. Aber das ist nicht nur, wie alle Tierhäuser im Zoo und im Tierpark, wegen der Pandemie geschlossen, sondern aus einem viel schöneren Grund: Es wird ein Gorillajunges erwartet. Es wird die erste Geburt für die Mutter und seit langem die erste in Berlin. Ich bringe meine Erfahrungen bei Menschengeburten ins Spiel und verspreche, mich angemessen zu verhalten. Der Pressesprecher Maximilian Jäger blockt aber jeden Überredungsversuch ab. Man könne auch keine Ausnahme für unsere Serie über die schlafenden Orte machen, also solche Stätten, die für den Publikumsverkehr gemacht sind, der im Lockdown verboten ist. Gorillas reagieren sehr empfindlich auf Fotoaufnahmen. Selbstverständlich nehme ich Rücksicht und lobe die Strenge der Institution.

Vor anderthalb Jahren war ich privat im Zoo, weil ich von einer plötzlichen Sehnsucht nach Orang-Utans attackiert wurde. Ich konnte meine Töchter überreden mitzukommen, obwohl sie Tiere hinter Gittern aus ethischen Gründen ablehnen. Als ich Maximilian Jäger ein bisschen aus Versehen von dieser Haltung erzähle, nimmt er diesen Anwurf mit Routine. Er freue sich über die Kritik der Jugend und ihr zunehmendes Engagement für den Tierschutz. Die Zoos sähen sich aber selbst als Tierschützer. Es habe sich in den letzten 20 Jahren viel getan, was die artgerechte Haltung in Zoos angehe, wenn auch leider nicht in allen. Man gebe Millionen für die Einrichtung von Gehegen aus, die die wirkliche Welt perfekt imitierten. „Perfekt“, hat er gesagt. Über eine Schließung der Einrichtungen, die auch zur Forschung und Zucht von seltenen Tieren dienen, lasse sich aber nicht reden. Denn das wäre der sichere Tod für viele Individuen; ja, ganze Tierarten würden aussterben.

Eigentlich wollte ich nur erzählen, dass damals das Affenhaus auch geschlossen war, und zwar weil ein Gorillamännchen gerade neu eingezogen war und sich einleben musste. Dieses Männchen ist nun der Vater des Jungen, das in den nächsten Tagen oder Wochen auf die Welt kommt. Das ist sicher gut für mein Karma, durch zweimaligen Verzicht zur Zeugung und zur Geburt eines kleinen Affen beigetragen zu haben. Ich fühle mich dem Tier verbunden, will es hiermit unbekannterweise grüßen und ihm alles Gute wünschen in seiner imitierten Welt. Wer weiß, vielleicht leben ja auch wir in einer solchen. Seit Franz Kafkas Theater in Oklahoma ist dieser Gedanke mit keinen vernünftigen Argumenten mehr aus der Welt zu kriegen.

Wir dürfen statt ins Affenhaus ins umgebaute und neu eingerichtete Regenwaldhaus, das Alfred-Brehm-Haus im Tierpark. Der Park mit den Außengehegen ist geöffnet, das Wetter ist vernieselt, es sind wenige Besucher unterwegs. Ein Mann mit einem Zwillingskinderwagen will gern mit reinkommen, darf aber nicht. Die feuchte Wärme, die uns drinnen umhüllt, lässt die Brillen beschlagen, was für sich schon stets ein Moment großer Einsamkeit ist. Aber auch als sich der Nebel langsam wieder lichtet, stehen wir ziemlich verloren und verlassen in dem bei seiner Errichtung 1963 größten Tierhaus der Welt herum. Im Sommer war Wiedereröffnung, unter Hygienebedingungen, aber durchaus mit Hoffnung auf gute Besucherzahlen, weil ja viele Berliner in den Ferien nicht verreisten.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Dieses Wesen drückt sich an Scheibe, als wolle es hinaus in die Welt. Zentralvietnamesische Scharnierschildkröte

Wo früher Großkatzen Wand an Wand in gefliesten Verliesen hausten, wird nun die Tropenwelt Südostasiens imitiert. Alles ist großzügiger und artgerechter, aber dennoch sehe ich, wie sich eine zentralvietnamesische Scharnierschildkröte an die Scheibe drückt, mir ihren leuchtend gelben Kopf verschwörerisch entgegenstülpt und um Hilfe zu bitten scheint: „Lass mich frei!“ Quatsch. Dennoch regen sich ethische Grundfragen bei den Ameiseninseln. Das sind kleine Landschaften, kaum größer als ein Schreibtisch, die von durch Pumpen in Bewegung gehaltenem Wasser umgeben sind. Stünde das Wasser in dem Graben still, würden sich die Ameisen eine Brücke bauen und abhauen. Sie teilen ihre kleine Welt mit einer Riesennetzspinne, die zwar wegziehen könnte, aber sowieso territorial lebt, sich also auch ohne Grenzen nicht vom Fleck bewegt. Sie hat ein Talent zum Lockdown und liebt das auf kleinem Raum geschlossene System vermutlich auch, wenn es nicht natürlich ist.

Die großen Gehege an der Stirnseite des Gebäudes mit den schroffen Kunstfelswänden sind mir aus Kindheitstagen in Erinnerung, der Wassergraben, der die Besucher vor den dahinter herumfaulenzenden Löwen trennte, ist zugeschüttet, stattdessen kann man jetzt näher heran und ist durch eine Panoramascheibe geschützt. Die Löwen sind ausgezogen. Dort wohnen jetzt zusammen mit einer Familie von Binturongs, Schleichkatzen mit Greifschwänzen und lustig verhutzelten Gesichtern, zwei Malaienbären: Tina und Johannes. Die Tiere werden freundlicherweise für unser Foto hereingelassen, das Futter wurde an gut einsehbaren Stellen platziert. Der Moment, in dem sich das künstliche Diorama mit echten Tieren bevölkert, fühlt sich erst an wie ein Wunder, dann wie ein Trick. Die Glaswand – man kennt jetzt dergleichen als Spuckschutzeinrichtungen auch aus dem Supermarkt – hält einen in sicherer Distanz, man bleibt aber eben auch draußen. Als würde sich ein 3-D-Film abspielen, oder 4-D, wenn man die Dimension des Geruchs hinzuzählt.

Das Erlebnis der gemeinsamen Gegenwart in derselben Realität – Simulation hin oder her – stellt sich erst ein, wenn man mit den Wesen einen Blick tauscht, wenn man nicht nur wahrnimmt, sondern wahrgenommen wird. Johannes interessiert sich kein Stück für mich, er durchstöbert zielstrebig das Futterangebot, schiebt Salatblätter mit dem Schwung der Verachtung beiseite, greift sich eine halbierte Orange, legt sie sich auf einem Kunstfelsen zurecht, putzt sie mit seinen langen schweren Krallen ab, löst dann mit der unerbittlichen Gewandtheit eines Chefkochs das Fruchtfleisch aus der Schale, verschlingt es, während er sich bereits nach weiteren Leckerbissen umschaut. Tina kommt aus einer schwierigen Haltung. Sie ist deutlich kleiner und nervös. Sie tigert an der Scheibe herum, richtet sich auf, blickt mich an, taxiert mich, blättert für einen Augenblick im Kompendium ihrer Erinnerungen, ist sich offenbar unschlüssig, ob ich eine Gefahr darstelle oder vielleicht eine Beute, guckt weg und hat mich vergessen. Ich würde sie gern in den Arm nehmen, um sie zu beruhigen, aber auch um ihre kräftigen kurzen Arme zu spüren. 

Es sind wunderschöne Tiere, das Fell glänzt schwarz, die Gestalt ist gedrungen, aber doch elegant, das Muskelspiel ist unter der Haut erkennbar. Der Pelz um den Kopf und das helle Gesicht scheint ein bisschen zu locker geschneidert zu sein, dort wirft er knautschige Sorgenfalten. Ihre Vorderbeine sind etwas zierlicher und geschickter, sie laufen stark über den Onkel und wiegen dabei ihre Schultern wie ein Casanova, der eine Tanzfläche beschreitet. Wenn sie sich aufrichten, bestehen sie ganz aus Aufmerksamkeit. Als würden sie in der Steppe über die Grashalme und Stauden hinweg in die Ferne schauen. Es gibt hier keine Ferne.

Als ich den kleinen gemulchten Dschungelpfad in der Tropenhalle ablaufe, bleibe ich kurz stehen und gebe mich dem Gefühl hin, ganz allein im Regenwald zu sein. Es tropft und zischt und zirpt und flötet und raschelt. Jemand macht sich aus dem Staub, ich meine, den Schatten oder den Luftzug von den Schwingen eines Vogels zu bemerken und eine gekrächzte Frage zu hören. Die Frage ist nicht an mich gerichtet, sondern ich bin ihr Gegenstand. Was will der Typ hier? Nach einer Weile sehe ich immer mehr Augen, die auf mich gerichtet sind, Blauschopfkronentauben scheinen geradezu angeekelt zu sein von dem Eindringling. Die bis zu 70 Zentimeter großen Vögel wenden sich ruckartig ab, müssen doch immer wieder hinsehen und werfen dabei ihren fächerartigen Kopfschmuck hin und her. Offenbar dachte man, dass man die ständigen Besucher durch irgendein Wunder losgeworden wäre. Sie scheinen es mir übel zu nehmen, dass ihre Anmut durch diese Zuckungen Schaden nimmt. „Impertinent!“ Ich fühle mich als Störenfried.

Die Situation für den Tierpark und den Zoo ist schwierig. Die Kosten bleiben gleich, die Einnahmen brechen ein. Die Tiere aber – Achtung, Kränkung! – kommen auch ohne Publikum zurecht. Ich vermisse den noch ungeborenen Gorilla jedenfalls schon jetzt.