Die Friedrich-Christian-Flick-Collection im Hamburger Bahnhof ist ein Spiegel der zeitgenössischen Kunst. Deren Berliner Zukunft ist nun ungewiss. 
Foto: Imago/Götz Schleser

Berlin Irgendwie lag es schon länger in der Luft, nur offen reden wollte bislang keiner. Nun, mitten im Corona-Desaster, kommt aus der Stiftung Preußischer Kulturbesitz die bittere Nachricht: Nach 17 Jahren enger Kooperation endet der Vertrag zwischen den Staatlichen Museen und dem weltberühmten Avantgarde-Sammler, Friedrich Christian Flick. Es ist wahrlich ein Schlag ins Berliner Kunstkontor.

2004 war die ganze Kunstwelt in heller Aufregung, weil der Mann aus der NS-belasteten Industriellen-Dynastie, ein Enkel des Patriarchen Friedrich Flick, den Weg der Kunst suchte, um Berlin Gutes zu tun.  Mit einem Schlag machte er den Hamburger Bahnhof  zu einem Hotspot aktueller Werke. Auf einmal gab es in den eigens dafür an das Museum der Gegenwart angebauten weitläufigen Rieck-Hallen  Werkgruppen berühmter Bildhauer, Maler, Konzept-Artisten und Foto- und Videopioniere aus den USA und Europa zu sehen.Etwa von Wolfgang Tillmans, Bruce Nauman, Martin Kippenberger, Carl Andre oder Roman Signer.

Die Rieck-Hallen wurden damals noch von der bundeseigenen Vivico vermietet, die Bundesbahn verkaufte das Areal samt Hallen aber später an das Wiener Immobilienunternehmen CA Immo AG, das auf dem Gelände  ausladend Wohnungen und Büros baut. Damals hatte Flick den Umbau der von den Staatlichen Museen angemieteten Hallen mit  acht Millionen Euro selbst finanziert. Seine in Berlin präsentierte, auf 300 Millionen Dollar geschätzte Kollektion war über Nacht zu einem Magneten geworden. Und noch größer wurde der Hype, als der Sammler 2008 und 2014 der Nationalgalerie in zwei großzügigen Schenkungen insgesamt 268 kapitale Werke der zeitgenössischen Kunst überließ. Dazu gehören für die moderne Kunst bereits ikonische Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern wie Absalon, David Claerbout, Stan Douglas, Dan Graham, Rodney Graham, Candida Höfer, Paul McCarthy, Jason Rhoades, Pipilotti Rist, Anri Sala, Thomas Schütte, Diana Thater und Franz West.

Zudem konnte der Bestand um zentrale Arbeiten von Nathalie Djurberg, Brian O'Doherty, Peter Fischli / David Weiss, Katharina Fritsch, Raoul de Keyser, Manfred Pernice, Cindy Sherman, Thomas Struth ergänzt werden. So erlangte das Kunstquartier an der Invalidenstraße immer mehr internationale Anerkennung.

In einem Jahr läuft der Leihvertrag zwischen Preußenstiftung und Flicks Gesellschaft „Contemporary Art Limited“ aus; schon am 30. September 2021. Die CA Immo war, trotz Verhandlungen der Preußenstiftung und des Landes Berlin,  zu keiner Verlängerung zu bewegen. Fatal rächt sich nun, dass weder der Bund noch die Stiftung  sich damals, um 2003, das Grundstück mit den Hallen  inmitten  dieses  entstehenden Investoren-Imperiums, das mit dem Slogan „Wohnen und Arbeiten am Kunst-Campus“ wirbt, tatsächlich  für die Kunst gesichert hatten.

Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann ist untröstlich, hält, wie er betont, „die Tragweite des Abzugs der Flick-Werke für die Nationalgalerie zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht absehbar". Die Staatlichen Museen formulieren ihr großes Bedauern und Dank an Flick.

Hermann Parzinger, Präsident der Preußenstiftung, wies am Freitagnachmittag im Telefongespräch mit der Berliner Zeitung auf die bekannte schwierige Situation der sogenannten Rieck-Hallen als Teil des Hamburger Bahnhofs hin. Die Nationalgalerie nutzt die Rieck-Hallen bis heute auf Grundlage eines Mietvertrages, zunächst mit der bundeseigenen Vivico und später, nach dem Verkauf durch die Bahn, mit der privaten CA Immobilien Anlagen AG („CA Immo“). 

„Seit wir wissen, dass der Fortbestand der Rieck-Hallen über das Jahresende 2021 hinaus nicht gesichert ist, sind wir mit CA Immo, dem Bund und dem Land Berlin in guten Gesprächen, um den Ausstellungsstandort am Hamburger Bahnhof für die zeitgenössische Kunst zu erhalten und zu stabilisieren. Eine Kompensation des Wegfalls der Rieck-Hallen als Ausstellungsfläche ist das einvernehmliche Ziel aller Beteiligten. Das Areal um den Hamburger Bahnhof soll ein attraktives Quartier der zeitgenössischen Kunst bleiben. Dafür wollen wir zusätzliche Flächen schaffen.“

Dem fortschreitenden Bauboom stehen die langgestreckten Rieck-Hallen im Wege. Der Investor will sie deshalb abreißen. Dies nun zwingt die Preußenstiftung dazu, am Hamburger Bahnhof abermals neu zu planen. Gegenwärtig wird mit der CA Immo darüber verhandelt, zumindest den südlichen Teil des Hallen-Areals zu erwerben und genau am Übergang vom Museum Hamburger Bahnhof zu den Rieck-Hallen einen Vier-Etagen-Bau als Ersatz für die bisherigen Ausstellungsflächen der Flick-Sammlung zu schaffen, mindestens 2500 Quadratmeter für die Präsentation der Werke.

Aber diese Angelegenheit verlangt einen Architekten-Wettbewerb, eine Bau-Ausschreibung. Und viel Geld. Das braucht Zeit. Und Langmut, die Friedrich Christian Flick offensichtlich nicht aufbringen will. Der 75-Jährige hat kein Interesse an einem neuen Standort seiner Sammlung in Berlin. Aber niemand weiß, was er daheim in Zürich  mit seiner Sammlung vorhat, ob er sie gar der Züricher Kunsthalle anbietet oder sie aber auf andere Schweizer Museen zu verteilen gedenkt. Flicks Schweigen, vielleicht auch Schmollen, lässt darauf schließen, dass seine Geduld im Blick auf Berlin aufgebraucht ist. Erste Anzeichen dafür war bereits in der Vergangenheit die Herausnahme  wichtiger Werke und Kompendien aus den Rieck-Hallen, wie etwa die des amerikanischen Video-Stars Bruce Nauman.

Könnte Flick noch umgestimmt werden? Für den Sommer 2020, das Ende der Corona- Einschränkungen vorausgesetzt, wird die große Schau „Magical Soup“ mit Medienkunst aus der Flick-Collection vorbereitet. Der Generaldirektor der Staatlichen Museen, Michael Eisenhauer, will die Türen weit offen halten: „Gerade weil die Zusammenarbeit mit diesem Sammler so außergewöhnlich gut und erfolgreich war, hoffe ich, dass dies kein Abschied für immer ist.“