Albrecht Daniel Thaer, Begründer der Agrarwissenschaften, vor dem unfertigen Schlossnachbau. Die Inschrift ist schon zu sehen, das Kreuz kommt noch.
Foto: dpa/Jörg Carstensen

BerlinMan kann nicht sagen, dass der preußische König Friedrich Wilhelm IV. seine Untertanen im Zweifel über die Bedeutung jener Kapelle ließ, die bis 1854 über dem Westportal des Berliner Schlosses errichtet wurde: Ein monumentales Kreuz auf der Kuppel markierte sie weithin sichtbar, darunter verkündete eine Inschrift, dass nur das „Beugen der Knie“ vor Jesus Christus den Menschen das „Heil“ gebe. Ein unmissverständlich etwa gegen die Gleichberechtigung von Juden oder gar Agnostikern gewandter Satz.

Kreuz und Inschrift wurden mit dem Schloss 1950 gesprengt, jetzt aber als Teil der Fassaden des Humboldtforums nachgebaut. Die Inschrift ist gerade von Gerüsten befreit, in dieser Woche soll das 17 Tonnen schwere Kreuz – wenn der Wind es denn zulässt – aufgesetzt werden. Diese christlichen Symbole über dem eigentlich multikulturell gedachten Kulturzentrum werden also ausgerechnet zwischen Himmelfahrt und Pfingsten wieder sichtbar, zwei hohen kirchlichen Feiertagen. Auch wenn das rein bauplanungsbedingt sein sollte, wird es symbolisch gedeutet und verstanden werden.

Um das Kreuz wurde vor zwei Jahren, als die Berliner Zeitung den bis dahin weitgehend unbekannten Plan zu seiner Rekonstruktion veröffentlichte, heftig gestritten. Noch in den ersten Entwürfen von Franco Stella hatte es kein Kreuz auf der Kuppel gegeben. Auch in den vielen Debatten um den Nachbau spielte das Kreuz kaum eine Rolle – bis sich eine Industriellenerbin fand, die mit Zustimmung der Stiftung Humboldtforum bereit war, diesen speziellen Teil des Schlossfassadennachbaus zu finanzieren; er ist nämlich kein Teil des vom Bundestag vorfinanzierten Bauprojekts. Die Inschrift dagegen spielte bisher gar keine Rolle, wurde offenbar weder mit Theologen oder Historikern geprüft auf ihre aktuelle Bedeutung.

Die Stiftung Humboldtforum teilte auf Anfrage der Berliner Zeitung mit, dass die Inschrift nur Teil des konsequenten Nachbaus der Fassaden sei. Das war 2017 auch die Strategie der „Kreuzverteidiger“, der Architekt Franco Stella stellte sogar die architekturhistorisch aberwitzige These auf, Kuppeln seien per se christlich, also das Kreuz nur folgerichtig. Tatsächlich sind Kuppeln zwar Würdezeichen, aber kein spezifisch christliches. Inhaltlich verteidigt wurde das Kreuz dagegen, obwohl unter der Kuppel keine Kapelle mehr eingerichtet wird und das Symbol damit eigentlich funktionslos ist, vom Römisch-Katholischen Bischof und vom Evangelischen Bischof Berlins, die CDU-Abgeordnete Cornelia Seibelt bezeichnete es als „Symbol für die universelle Botschaft des Christentums“.

Für die Kritiker der Kreuz-Idee war genau das das Problem, wurden doch unter diesem Symbol Millionen Menschen in Amerika, Afrika und Asien unterdrückt, ermordet, versklavt und ausgebeutet, ihre Kulturen und ihre Glaubenssysteme angegriffen.

Kuppel, Kreuz und Inschrift demonstrierten 1854 die fatale Stellung des preußischen Königs als oberstem Bischof der evangelischen Staatskirche. Sie war zwar schon in der Revolution von 1848 heftig angegriffen worden – die Kuppel gilt als Triumphzeichen der Monarchie über die Revolutionäre! – hatte aber bis zur Abdankung Kaiser Wilhelm II. 1918 Bestand, galt als zentraler Teil der Hohenzollern-Macht. Deswegen setzte Friedrich Wilhelm IV. auch durch, dass ein weit bescheideneres Kapellenprojekt Schinkels von 1829 in den Planungen von dessen Nachfolger Stüler regelrecht aufgebläht wurde. Auch die Inschrift komponierte Friedrich Wilhelm IV. selbst aus Versen der Apostelgeschichte Kapitel 4, Vers 12 und des Briefes von Paulus an die Philipper, Kapitel 2, Vers 10. Beide stehen für die feste Überzeugung der frühen Christen, im Unterschied zu Juden und an viele Götter glaubenden „Heiden“ alleine den Weg zum „Heil“ zu wissen. Gerade mit solchen Stellen wurde der evangelische Kampf gegen die Katholiken, aber auch die Unterwerfung etwa Nord- und Südamerikas, Afrikas und Asiens durch Christen legitimiert.

Wären Kreuz und Inschrift erhalten, wären sie herausragende Symbole des preußischen Staatschristentums. Keiner würde die Abnahme verlangen, allenfalls eine Kommentierung. Jetzt aber wurden sie nachgebaut, und ein Nachbau ist immer die Folge einer Auswahl dessen, was die Nachbauer als wichtig betrachten. Im Fall des Humboldtforums wurde etwa entschieden, die Seite zur Spree hin nicht nachzubauen, sondern in heutigen Formen zu gestalten; auf dem Dach ist ein modern erscheinender Café-Pavillon weithin zu sehen. Es wäre keinerlei Problem gewesen, das Kreuz und vor allem die Inschrift nicht nachzubauen. Dass es trotzdem gemacht wurde, war eine Entscheidung, über die man Rechenschaft ablegen muss.

Immerhin: Die Betreiber des Humboldtforums, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Berliner Stadtmuseum, die Humboldt-Universität und die Stiftung Humboldtforum haben das Problem inzwischen erkannt: In einer Pressemitteilung versprach Generalintendant Hartmut Dorgerloh gestern, dass „wir uns von jeglichen Macht-, Alleingültigkeits- oder gar Herrschaftsansprüchen distanzieren“ , das aber „bauliche Vieldeutigkeit zur DNA des Humboldt Forums“ gehöre. Deswegen solle auch die Geschichte der Kuppel in den Ausstellungen zur Geschichte des Ortes von Schloss und Palast der Republik dargestellt, auch auf dem Dach eine Informationstafel aufgestellt werden. Wird sie so eindeutig sein wie die Installation, die in Wittenberg die antisemitische „Judensau“ oder in Buxtehude das fürchterlich nationalistische Kriegerdenkmal aus den 20er-Jahren kommentiert und zugleich die historische Distanz markiert?

Hinter der Inschrift, die das Heil alleine vom Glauben an Jesus Christus verheißt, werden künftig buddhistische Wandmalereien gezeigt werden, einige Säle weiter hinduistische Gottheiten, Zeugnisse des Islam, der Glaubenswelten des alten Amerika, des Pazifik, Afrikas. Von der Prachtstraße Unter den Linden sind Kuppel, Kreuz und Inschrift übrigens das erste Mal zu sehen hinter dem ebenfalls nachgebauten Gebäude der Kommandantur, einst der Zentrale des preußischen Militärs in der Stadt Berlin. Sicherlich kein Zufall.