Noch ohne Kreuz, dafür kreuzritterisch beschriftet: Kuppel des Berliner Schloss-Neubaus.
Foto: ZB-Funkregio Ost/Sven Braun

BerlinArchitektur ist eine Sprache, mit der Botschaften aus dem Heute in eine oft sehr ferne Zukunft transportiert werden. Welche Botschaft wird also verkündet, wenn die Bundesrepublik ein 17 Tonnen schweres goldenes christliches Kreuz nachschaffen lässt, um es auf ihr wichtigstes Museums- und Ausstellungshaus für animistisch, buddhistisch, hinduistisch, muslimisch oder sonstwie nicht-christlich geprägte Kulturen zu stellen? Ein Haus, in dem wesentlich Sammlungen gezeigt werden, die infolge des europäischen und deutschen Kolonialismus nach Berlin gelangten. Welche Botschaft geht von einer nachgeschaffenen Inschrift aus, die das „Heil“ der Welt nur jenen verspricht, die an Jesus Christus glauben? Eine religiöse und kulturelle Anmaßung Europas, der Millionen Menschen und viele Kulturen zum Opfer gefallen sind.

Nach aller Kenntnis gibt es unter den Agierenden des Schlossfassaden-Nachbaus keine fundamentalistischen Christen, die Kreuz und Inschrift wirklich als Botschaft begreifen. Beide entstanden auf der Basis eines nie weiter publizierten Beschlusses einer Baukommission von 2012. Zum ersten Mal öffentlich gestritten wurde über das Kreuz nach einem Bericht der Berliner Zeitung im Jahr 2017. Offenbar war bis dahin keiner der vielen Museumsleute, Historiker oder Architekten – auch nicht die Kunsthistorikerin und Kulturstaatsministerin Monika Grütters – bereit, die inhaltliche Leere der Planer zu füllen, gar eine breite Debatte über die Bedeutung von Kreuz und Inschrift zu fordern. Dabei hätte so durchaus eine Lesart entstehen können, die deren Nachbau rechtfertigt. Das hat im Nachzug gerade der Theologe Christoph Markschies gezeigt.

Man muss seinen Argumenten nicht folgen, aber es sind zumindest Argumente – und nicht nur die ästhetisierende Behauptung, dass Kuppel, Kreuz und Inschrift wieder entstehen mussten, weil sie eben „dazu“ gehörten. Schon das stimmt nämlich nicht.

Der Bundestag hatte 2002 nur beschlossen, die barocken Fassaden des Schlosses nachbauen zu lassen. Noch in der Ausschreibung des Wettbewerbs 2006 war der Bau einer Kuppel – und zwar in egal welchen Formen! – lediglich als ein Kann markiert. Erst die Jury machte unter dem Einfluss der Politiker in der Ausschreibung den Nachbau der Kuppel in alter Form zur Bedingung für den ersten Preis. Auch da war von Kreuz und Inschrift nicht die Rede.

Was kaum verwundert: Längst stand das Humboldt-Forum im internationalen Fokus von Erinnerungs-Debatten um die Folgen des Kolonialismus, längst kümmerten sich viele und auch die Berliner Museen kritisch um die eigene Vergangenheit. Doch völlig ungerührt von solchen Aufarbeitungsmühen suchten die Schlossfassaden-Nachbauer weiter nach Finanziers, um die Architektur der Kuppel sowie das Kreuz, ein ideologisches Symbol, und die Inschrift zu bezahlen. Die hatte der Bundestag in seiner Weisheit nämlich ausgeschlossen von der Finanzierungszusage.

Leider fanden sich Finanziers. Deswegen müssen nun alle, die das Humboldt-Forum durch das Westportal betreten, dies unter folgendem Satzteil tun: „… im Namen Jesu sich beugen …“. Das Humboldt-Forum ist aber keine religiöse Institution.

Der Vorschlag des Berliner Stadtmuseum-Direktors Paul Spies, die Kuppel immer mal wieder anderen Religionen und Ideenwelten zur Verfügung zu stellen, ist zwar originell, aber wenig realistisch: Da könnte ja auch mal ein Halbmond auf dem Berliner Schloss wehen … Und das Kunstwerk „ZWEIFEL“ des Norwegers Lars Ramberg auf der Ostfassade aufzustellen, wie ebenfalls vorgeschlagen, würde ausgerechnet den einzigen nach außen hin zeitgenössischen Bauteil in Zweifel ziehen.

Besser käme „ZWEIFEL“ also direkt vor die Kuppel. Und noch besser wäre es, wenn die Bundesrepublik jedes Jahr einen Kunstpreis ausschriebe, um einen immer neuen Kommentar direkt auf der Inschrift anzubringen – weithin und gut sichtbar. Selbstverständlich nur als Ergänzung zu jener Informationstafel, die auf dem Schlossplatz – und nicht erst auf der Dachterrasse! – klar macht: Dieses Humboldt-Forum hat nichts zu tun mit dem Versprechen eines alleine Heil bringenden Christentums.