Der Schlüterhof des Humboldt-Forums.
Foto: imago/Ulli Winkler

BerlinMan kann nicht sagen, dass um das Humboldt-Forum zu wenig gestritten würde. Trotzdem ist es bisher politisch bemerkenswert sprachlos geblieben. Die kleinen Vorbereitungsausstellungen etwa zum Klimaschutz oder zum Kulturgutraub in Kolonialzeiten waren bestenfalls Appetizer. Und jene über die Kinderrechte war regelrecht peinlich.

Doch konnte all das darauf zurückgeführt werden, dass es kein eigenes Haus gab. Diese Ausflucht gibt es jetzt nicht mehr. Zwar brauchen der Innenausbau des Humboldt Forums und der Aufbau der Ausstellungen noch einige Zeit, deshalb wurde die Eröffnung wieder einmal verschoben. Aber der offene Schlüterhof und der überdachte Eosanderhof könnten ohne Weiteres bereits für Debatten, Vorträge und spannende Veranstaltungen genutzt werden. Die Fachleute lechzen doch geradezu danach, ihre Erfahrungen in Zeiten des grassierenden Nationalismus, von Covid-19 und Fake News ihre Forschungen einem breiten Publikum vorzustellen. Greift zu, HUF-Planer!

Was gäbe es da nicht alles für Themen: Die katastrophalen Folgen der Politik des brasilianischen Präsidenten Bolsonaro für indigene Völker im Amazonasgebiet; die Machtpolitik Chinas, das nicht nur die eigene Bevölkerung, sondern auch die in Hongkong und Taiwan unterdrücken will; Donald Trumps Versuche, die Amerikaner in den Bürgerkrieg zu hetzen; die Identitäten Europas jenseits der Wirtschaft; die Frage, welche Bedeutung Kunst- und Architekturformen überhaupt noch haben, wenn christliche Kreuze und eindeutig anti-jüdische Inschriften ohne alle politische Bedenken über einem Weltkulturenzentrum Humboldt Forum nachgebaut werden. Oder: Warum wird das Humboldt Forum eigentlich ausschließlich von weißen, weit überwiegend männlichen deutschen Akademikern geleitet?

Oder wie wäre es mit diesem Thema, das zu den nachgebauten Schlossfassaden passt: eine Debatte über die aktuellen Entschädigungsforderungen der Hohenzollern-Familie. Das gegebene Datum wäre der 23. Juni. Das ist der 100. Jahrestag der Aufhebung der Adelsprivilegien in Preußen. Der logische Ort wäre der Schlüterhof, eine große, gebaute, barocke Machtdemonstration der Hohenzollern. Und die erste Frage wäre: Warum soll eigentlich diese tief in die Nazizeit verstrickte Familie für ihre Verluste nach dem Zweiten Weltkrieg entschädigt werden, nicht aber diejenigen, die einst im Auftrag der Hohenzollern-Kaiser in Afrika, China oder auf den Inseln Papua-Neuguineas unterjocht, ausgebeutet und getötet wurden? Der Schlüter-Hof dürfte voll werden – selbstverständlich mit Abstand und mit Maske.