Wespen machen sich über eine Birne her. Wenn sie fertig sind, bleibt oft nur die Schale und das Kerngehäuse übrig.
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BerlinIn Schweden, das erzählt ein Bekannter, der öfter dort ist, fressen Elche die Äpfel von den Bäumen. In Berlin, wo ich mich meist aufhalte, erledigen das Wespen und Hornissen. Erst nagen sie kleine Löcher ins Obst, an denen sie dann, gern in Gruppen, weiterspeisen. Sind genügend hungrige Insekten am Werk, bleiben früher oder später nur die Apfelschale und das Kerngehäuse übrig. Ich habe so einen bizarren Überrest in diesem Jahr das erste Mal gesehen. Meine Schrebergartennachbarin pflückt nur noch mit dicken Schutzhandschuhen. Manchmal sitzt auf einer beschädigten Pflaume, aus der zuckriger Saft austritt, auch ein hungriger Schmetterling. Meist ist es ein Admiral.

Angebissene Früchte müssen vom Baum, denn sie neigen sie zum Faulen, wie auch die, in denen nicht Wespen, Hornissen oder Schmetterlinge, sondern Würmer am Werk sind. Zwar fallen sie oft von allein ab, nach ein bisschen Wind oder Schütteln, aber eben nicht immer. Und lassen wir das Fallobst am Boden liegen oder werfen es auf den Kompost, vergraben sich die kleinen Würmer, genauer gesagt: Larven, irgendwann im Boden, verwandeln sich im neuen Gartenjahr in Apfel- oder Pflaumenwickler (kleine Falter) und sorgen mit ihren Eiern für viele neue Schäden.

Das alles heißt, dass ich derzeit kaum in der Schrebergartenliege liege und in die Spätsommersonne blinzele, sondern unentwegt angefressene, angefaulte, meist noch recht unreife Früchte aufsammle und nach Hause trage. In meiner Küche krabbeln meist noch Ohrwürmer und Marienkäfer heraus und suchen unterm Obstkorb, unterm Küchentisch, hinterm Kühlschrank Zuflucht. Ich habe es aufgegeben, jeden Einzelnen einzufangen. Es gibt so viel anderes zu tun, nämlich schälen, schnibbeln, verarbeiten. Zum Sofortverzehr eignet sich so ein Obst nur selten, wer beißt schon gern in löchrige, quietschsaure Äpfel mit dunkelbraun-bröseligem, wurmstichigem Kerngehäuse? Gezuckert, gebacken oder gekocht sind sie allerdings köstlich.

Das betone ich immer ausdrücklich, wenn ich mein Fallobst verschenken möchte. Manche nehmen es enthusiastisch und in größeren Mengen entgegen, aber die allermeisten wollen nur winzige Körbchen davon und murmeln irgendetwas von „keine Zeit“, „Obstfliegen“ oder „zu viel Gefummel“. Und es stimmt ja, auch mir sind schon ganze Eimer mit Aufgesammeltem vergammelt.

Gärten, zumindest solche mit Nutzpflanzen, bringen zuweilen mehr Nahrung hervor, als erwerbstätige Menschen mal eben in ihrer Freizeit verarbeiten können. Ich wünsche mir deswegen nicht weniger Obstbäume, aber, zumindest im Spätsommer und frühen Herbst, irgendeine Küchenfee (egal welchen Geschlechts), die nichts anderes zu tun hat, als Marmeladen, Gelees, Kuchen, Crumbles und Kompotte zuzubereiten und (mir!) zu servieren – und meinetwegen auch hübsch fotografiert ins Internet zu stellen. Das ist, ich weiß, keine progressive Fantasie, es sei denn, hier wäre eine gut bezahlte Person am Werk. Und die wiederum ist schwer zu finanzieren. Vielleicht wünsche ich mir auch einfach einen Elch. Aber der frisst wohl auch nicht das, was am Boden liegt, sondern nur die makellosen Früchte vom Baum.