Wang Jing-Chun (links) als Liu Yaojun und Yong Mei (rechts) als Wang Liyun in einer Szene. 
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Nach Jahren der Abwesenheit kehren Liyun und ihr Mann Yaojun  in die alte Heimat zurück. In den 80er- Jahren stand in der nordchinesischen Stadt noch eine Fabrik mit angeschlossenem Wohnheim, das für die beiden lange das Zentrum ihres Alltags bildete. Doch wo einst Propagandaplakate die Kulisse beherrschten, wurden mittlerweile mit lieblos hochgezogenen Neubauten die Spuren der Vergangenheit beseitigt. Das schon etwas gebrechliche, in schlecht sitzende Daunenjacken gehüllte Paar wirkt in dieser Umgebung ebenso wie ein Relikt aus einer anderen Zeit wie die Mao-Statue, die ihnen vom Straßenrand aus zuwinkt.

Wang Xiaoshuais sich langsam entwickelndes, dabei aber meist fesselndes Familiendrama „Bis dann, mein Sohn“ beginnt ein Vierteljahrhundert früher mit einer Tragödie: Xingxing, der Sohn des Paares, ertrinkt in einem Stausee. Noch ein paar Jahre früher haben die zwei bereits ein ungeborenes Kind verloren, das sie wegen der restriktiven Ein-Kind-Politik abtreiben lassen mussten. An beiden Ereignissen ist eine befreundete Familie beteiligt.

Bis dann, mein Sohn China 2019. Regie: Wang Xiaoshuai. Farbe, 185 Min. FSK: ab 6

Wenn Liyun und Yaojun am Ende an ihren alten Wohnort zurückkehren, um diese Familie zu besuchen, dreht sich das Treffen deshalb auch vor allem um Schuld, Vergebung und Vergangenheitsbewältigung. Obwohl „Bis dann, mein Sohn“ von Gegensätzen wie Kommunismus und Kapitalismus oder Stadt und Land bestimmt ist, zeichnet er sich durch  geschmeidige Übergänge aus, mit denen er immer wieder zwischen  den Zeitebenen springt.

Dabei ergibt sich durch den ständigen Wechsel noch ein weiterer Kontrast. Während sich China und seine Bewohner im Laufe der Jahre rapide weiterentwickeln, rühren sich Liyun und Yaojun nicht von der Stelle. Nach dem Tod ihres Sohnes ziehen sie in die Abgeschiedenheit der Provinz, wo sie nicht mal den Dialekt verstehen und eher neben- als miteinander leben. Das Glück ist in „Bis dann, mein Sohn“ von äußeren Umständen wie der Politik oder dem Schicksal abhängig und gerade deshalb so zerbrechlich.

Was die Menschen in Wangs unaufdringlich mitfühlendem Film aber wirklich zugrunde richtet, ist die Unfähigkeit, nach vorne zu schauen. Das Schmerzhafteste für Liyun und Yaojun ist noch nicht einmal der Tod des Sohnes, sondern die ständig wiederkehrende Erinnerung daran. Die beiden Hauptdarsteller Yong Mei und Wang Jing-chun stellen über drei Jahrzehnte und Filmstunden eindrucksvoll den natürlichen Alterungsprozess dar und zeigen darüber hinaus, wie der Schmerz seine Spuren im Körper hinterlässt. Dafür wurden sie bei der diesjährigen Berlinale verdientermaßen mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet.