Schlechte Schauspieler wissen nicht, wohin mit den Händen. Hinter den Rücken? Vors Gesicht? Bisschen winken? Draufsetzen? Hier aber, im Deutschen Theater, gibt es keine schlechten Schauspieler. Hier weiß ein jeder bis in den Fingernagel, was er tut.

Die Hände von Felix Goeser scheinen sogar unabhängig von Felix Goeser selbst zu wissen, was zu tun ist. Immer hat der von Goeser gespielte Industrielle Friedrich Hofreiter seine Hände an irgend einem Körper. Entgegen seinem Ruf als Fremdgeher meistens am Körper der Gattin Genia (Maren Eggert), die er eigentlich nicht mehr zu begehren glaubt, zumindest nicht ausschließlich und besonders in der letzten Zeit nicht mehr. Ihre Tugend, wegen der sich der abgewiesene Pianist Korsakow umgebracht hat, ist dem notorisch untreuen Gatten unheimlich.

Das hält ihn aber nicht davon ab, sie immer wieder zu befühlen, zu kneten, zu wringen. Ähnlich zudringlich und gierig sind seine Blicke, die seine Frau absuchen, in Augenschein und in Besitz nehmen. Erkennen, Ergründen und Haben scheint sein ehelicher Anspruch zu sein. Dazu gehört natürlich auch die verbale Ebene. Auch mit Worten tatscht Hofreiter seine Frau ab, bugsiert sie mit Argumenten in die Ecke. Dazu sind die Dialoge von Arthur Schnitzler sehr geeignet. Am Freitag kam sein Stück „Das weite Land“ in einer sinnvoll gekürzten und sprachlich verheutigten Fassung zur Premiere und wurde schön bejubelt.

Diese Anfasserei mit allen Sinnen hat nicht nur mit sexuellem Begehren zu tun. Es ist ein Vergewisserungs- und Festhaltezwang, aufgedrückt von der Furcht vor der Einsamkeit und vor dem Sterben, aufgedrückt von der Sehnsucht nach etwas Verlässlichem. Deutlich wird das, als die Katastrophe geschieht und Friedrich den jungen Liebhaber, den sich Genia inzwischen quasi auf des Gatten Geheiß zugelegt hat, bei einem Duell tötet. Wieder fasst Friedrich nach Genia, reißt sie an sich, wühlt seinen Kopf in ihren Leib, will sich in ihr verstecken oder sie mit in den Abgrund reißen. Oh, Mann, da hat er sogar uns Zuschauer angefasst.

Die Inszenierung von Jette Steckel bietet ziemlich sensationelles Schauspielertheater mit Goeser im Zentrum. Er nimmt Hofreiter nichts von der Selbstgerechtigkeit und Rücksichtslosigkeit, aber diesem inakzeptablen Verhalten, mit dem er alle, die ihm in die Quere kommen, bis zur seelischen Vernichtung kränkt, wohnt eine Ehrlichkeit und eine Unbedingtheit inne, dass einem zwischendurch die bürgerlichen Tugenden wie Höflichkeit, Treue und Kompromissbereitschaft peinlich sind und verlogen vorkommen.

Auch die anderen im Ensemble sind große Figurenbeglaubiger: Maren Eggert scheint manchmal ein bisschen den Faden zu verlieren, aber sie kann sich innerhalb von Sekunden von der abgekühlten, unverletzlichen Diva zum durchscheinenden Unschuldsmädchen verwandeln.

Ulrich Matthes spaziert als wohlgelaunter, spätjugendlicher Doktor Mauer über die Bühne, als wäre sie sein Wohnzimmer, um dann, nach der sehr tiefsinnigen Frage von Genia: „Lüge? Gibt’s denn das in einem Spiel?“ − einen umso effektvolleren Wutausbruch hinzulegen: „Spiel? Ja, wenn es das wäre! Ich versichere dir, Genia, nicht das Geringste hätt’ ich einzuwenden gegen eine Welt, in der die Liebe wirklich nichts andres wäre als ein Spiel... Aber dann... dann ehrlich!, bitte ehrlich bis zur Orgie!“ Herrlich selbstreflexive Sätze − gesprochen im wasserfesten Als-ob des stadtbesten Figurenbeglaubigungstheaters!

Mit Klugheit und Seele gespielt

Doch weiter: Ole Lagerpusch, dieser elastischste aller Trauertröpfe, katapultiert als unglücklich verliebter Fähnrich im Walzerschritt durchs Geviert, sterben muss der blutig ernste Jungbold, ist ja klar. Die lebenskluge, menschenfreundliche Almut Zilcher spielt seine Mutter, die eine lebenskluge, menschenfreundliche Schauspielerin ist − es ist entweder das einfachste oder das schwerste auf der Bretterwelt: eine Schauspielerin zu spielen, bei der man nie weiß, ob sie gerade spielt. Und zu erwähnen ist unbedingt noch das neuste Geschoss im Ensemble: Anna Drexler. Sie spielt sehr geradeaus jene junge Erna, die mit berechnender Verbissenheit den Schmelz ihrer Jugend einzusetzen weiß, um Hofreiters Lebensgier noch einmal so richtig auflodern und leider auch prompt abfackeln zu lassen.

In einer hübschen Bergziegen-Liebesszene erklimmen die beiden den bühnenbeherrschenden Aigner-Turm, einen Dolomiten-Gipfel, der bei Schnitzler viel metaphorische Last zu tragen hat. Im DT handelt es sich hierbei um zirka fünfzig graue kastenförmige Zweisitzersofas, die der Bühnenbildner Florian Lösche zu einem Gebirge aufgestapelt hat, das meist von Nebelmaschinenwolken verhangen ist und oft von dramatischem Scheinwerfersonnenlicht gestreift wird. Es könnte ganz gemütlich sein, wenn jeder wüsste, wo er zu sitzen hat, und neben wem − und wenn er dann in Gottes Namen seine Zeit da in aller Ruhe absitzen könnte.

Was auch immer dieses Möbelmonstrum noch bedeuten könnte, es bleibt eine etwas zu vordergründige Nebensache, ähnlich wie die illustrativen Musikeinspieler, der routinierte Einsatz von Mikroports und die trendigen Kostüme. Derlei Verdeutlichungs- und Aufblasungstechniken wirken kalkuliert, als ginge es darum, eine Lücke zu kaschieren. Als wäre ein mit Wucht, Klugheit und Seele gespielter, in die Gegenwart gerückter Schnitzler zu wenig. Ist es nicht!