Schwer zu sagen, wie viele Leute die Hommage am Ende des Konzerts tatsächlich erkannt haben. Jeff Tweedy jedenfalls, Chef der Countryrocker Wilco, gab keinerlei Hilfestellung. Als vorletzte Nummer spielte er eine tweedyfizierte Version von „True Love Will Find You in the End“, eines der etwas bekannteren Stücke des am Mittwoch gestorbenen Daniel Johnston, mit dem Wilco in der Vergangenheit ein paarmal aufgetreten sind – beiläufig, kommentarlos.

Jeff Tweedy ist kein Mann vieler Worte. Aber wenn er etwas sagt, hat es Hand und Fuß. Eine knappe halbe Stunde dürfte im satt gefüllten Tempodromsaal vergangen sein – die Leute in den vorderen Reihen waren längst aufgestanden – als der Frontmann und Chef von Wilco das erste Mal das Wort ans Publikum richtet. „Danke dass Sie stehen“, sagt er. „Und schön, so viele Kids hier zu sehen – unser normales Publikum wird langsam alt und stirbt“. Um sich sodann in „Handshake Drugs“ mit seiner früheren Tablettensucht zu beschäftigen und den folkigen Tonfall des Titels konsequent in den ersten von einigen lauten, psychedelischen Freak-Outs mit der Band zu schicken.

In der Tat hatten sich eine ganze Menge junger Menschen unter die am Ende natürlich doch recht gesetzte Fanschar gemischt – Wilcos Indierock beruht schließlich  auf sogenannter Americana, also Folk und Country, sowie den daraus seit den 60er- und 70er-Jahren gewachsenen Rockmischungen.

Tweedy ist schon seit 25 Jahren mit seinem Projekt unterwegs

Außerdem ist Tweedy, 52, mit seinem Projekt ja doch seit immerhin 25 Jahren unterwegs, und schon damals kam er von der Neo-Countryband Uncle Tupelo. Deren wenig populäres, aber einflussreiches Schaffen verlängerte Tweedy mit Wilco sozusagen ins Freigeistige und wurde damit zu einem der erfolgreichsten Indierocker der letzten zwei Jahrzehnte. Kaum ein neues Wilco-Album vergeht, ohne dass es für einen Grammy nicht mindestens nominiert ist.

Indierock ist hier als Genrebegriff zu verstehen, die Band stand mehr oder weniger durchgängig beim Major Warner unter Vertrag. Mit „Ode to Joy“ erscheint dort bald das elfte Album, dessen neue Songs die Band nahtlos in den Fluss der 27 Stücke streute. Das gelang auch deshalb, weil sie sowieso Temperaturen und Farben wechselt wie andere Leute das Hemd.

Gemeinsam ist den Stücken höchstens, dass sie selten bei den  Schlüsselreizen und Stimmungen bleiben, sondern bis in die Liebes- und Lebenskrisen der Texte meist von allerlei quer laufenden Ideen angefressen oder verdichtet werden.

Fast plakativ wirkt in diesem Sinne das neue „Bright Leaves“, mit dem sowohl das Album wie das Konzert eröffnet. Dessen mühsam stapfenden Drums läuft nicht nur der zärtlich resignierte Gesang entgegen, auch die freihändig spröden, knarrenden Keyboardgeräusche und Gitarrenschnipsel befreien das Stück von der Schwere und Sturheit des Rhythmus. „You never change, you never change, you never change“, singt Tweedy warm gegen die Erstarrung der Beziehung an.

Die grundsätzliche Flanellhaftigkeit des Singer-Songwritertums

Er findet mit seinen fünf ausgezeichneten Musikern stets überraschende Wege, die grundsätzliche Flanellhaftigkeit des Singer-Songwritertums durch harmonischen Einfallsreichtum und ausgetüftelte Arrangements zu öffnen. Er spielt überaus erfindungsreich mit Dur- und Mollverschiebungen, mit dynamischen Wandlungen und kleinen Tricks in den Arrangements: eine seltsam geleckte Gitarrenfigur des virtuosen Leadgitarristen Nels Cline, präzises akustisches Picking oder ein möhrend brachialer Lärmschub von ihm selbst, dazu schön diverse Orgel-, Synthie- oder Klavier-Unterlagen von zwei Keyboardern. Wie auch in den Texten bleibt der Musik so immer ein mindestens ambivalenter Ton.

In den schönsten Stücken, wie dem wunderbar melodischen „Jesus, Etc.“ oder den beatlesartigen Songs wie „Hummingbird“ und – ein neues – „Hold me Anyway“, öffnet sich über der Melancholie immer auch der Blick ins Helle. Aggressivere Stücke wie „Random Note Generator“ bekommen eine zerbrechliche Note, „Impossible Germany“, das den Kick der Liebe mit der Fremdheit in fernen Ländern erklärt, zerstäubt in einem minutenlangen, irrwitzig komplizierten Solo Clines.

Der Schriftsteller George Saunders hat Tweedy einmal „den großen amerikanischen Dichter des Trostes“ genannt: Tweedy schiebe die Wunden und den Schmerz in den weiten und letztlich beruhigenden Rahmen der grundsätzlichen Vergänglichkeit. Ganz zum Schluss, nach dem stillen Gedenken an Daniel Johnston, spielt die Band daher logischerweise noch „The Late Greats“, eine Widmung an alle beste Musik und alle besten Helden, die ewig ungehört bleiben.