„Freiheit ist ein viel zu abstraktes Konzept“: Zoë Beck malt ein düsteres Zukunftsbild.
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BerlinVon Rostock, so leid es uns tut, wird in nicht zu ferner Zukunft wenig mehr übrig bleiben als ein paar Inseln, Warnemünde etwa, „etwas kompliziert zu erreichen und im Grunde von der Versorgung mit Elektrizität und sauberem Wasser abgeschnitten“. Aber auch sonst sind in Zoë Becks dystopischem Thriller „Paradise City“ weite Teile Norddeutschlands vom Meer verschluckt. Auch ist Berlin nicht mehr Hauptstadt, sondern Frankfurt, das mit dem gesamten Rhein-Main-Gebiet zu einem Moloch mit zehn Millionen Einwohnern verschmolzen ist.

Jenseits dieser urbanen Großzentren ist das Land weitgehend entvölkert. Ein mutiertes Masernvirus hat zu einem Massensterben geführt und die Bevölkerung um etwa vierzig Prozent dezimiert. Als „Seuchenzeit“ ist diese Heimsuchung, es sind die 30er-Jahre des 21. Jahrhunderts, ins Bewusstsein der Menschheit eingegangen.

Nur einige wenige Verrückte entziehen sich dem vermeintlichen Komfort der neuen Megacitys, in denen Vollbeschäftigung herrscht, die Straßen sauber sind und auch sonst kein Mangel herrscht: „die Parallelen“ heißen sie, „Menschen, die nicht dazugehören wollten. Es gab nur wenige Informationen über sie, und viele Gerüchte“, heißt es in dem Buch: dass sie graugesichtig seien, abgemagert, im eigenen Dreck krepierten, Krankheiten verbreiteten, die längst ausgerottet seien, und voller Hass und Verachtung seien auf den Rest der Welt.

Diese Welt hat viele Dinge überwunden, die uns heute plagen: Armut, Hunger, CO2. Entsprechend glücklich und gesund sind die Menschen. Sie haben gelernt aus der Klimakatastrophe, aus den Pandemien, sie sind vernünftig – sie überlassen sich dem Staat. Eine Gesundheits-App namens KOS, die über einen im Körper implantierten Chip funktioniert, sorgt dafür, dass man rund um die Uhr versorgt und betreut ist: Medikamente werden geliefert, Untersuchungen angemahnt; sogar die Einkäufe werden mit KOS abgeglichen, damit die Ernährungsweise kontrolliert wird.

Hauptfigur von „Paradise City“ ist eine junge Frau mit Namen Liina. KOS leistet ihr gute Dienste, denn sie lebt mit einem neuen, aus Stammzellen gezüchteten Herzen. Als Liina jedoch schwanger wird, jubelt ihr das System Pillen unter, die sich erst viel später als Abtreibungspillen erweisen. Sie erleidet eine Fehlgeburt. „Bedrohliche medizinische Unklarheiten sind nicht erwünscht. Sie sind nicht Teil des Systems“, heißt es – und im Zweifelsfall kennt KOS bzw. die Künstliche Intelligenz dahinter kein Erbarmen und gibt sich auch nicht mit ethischen Fragen ab.

Das alles ist beängstigend – und doch nicht so abwegig. Wie schon in ihrem Post-Brexit-Roman „Die Lieferantin“ tut Zoë Beck nicht viel mehr, als bestehende Situationen weiterzudenken – das allerdings so brillant und radikal wie niemand jenseits von Fantasten wie Andreas Eschbach oder Frank Schätzing. Tatsächlich scheint es von der Corona-Warn-App zu einem implantierten Chip, der die Gesundheitsversorgung steuert, weniger weit, als einem lieb sein kann. Und natürlich ist die Fürsorge des Staates für seine Bürger hehren Ursprungs – inklusive der nahezu vollständigen Verstaatlichung der Nachrichten, um der Fake News Herr zu werden. So ist eine Öko- und Gesundheitsdiktatur entstanden, in der jeder Bereich des Lebens überwacht und kontrolliert wird, und die Menschen nehmen dies in Kauf: „Es fehlt ihnen an nichts, weil sie daran glauben, dass es ihnen an nichts fehlt, und Freiheit ist ein viel zu abstraktes Konzept.“

Liina arbeitet im Übrigen als Rechercheurin für eines der letzten unabhängigen Nachrichtenportale. Dann hat ihr Chef einen mysteriösen Unfall und eine Kollegin wird ermordet aufgefunden. Liina forscht nach, woran die beiden gearbeitet haben, und kommt einem Skandal auf die Spur, der die schöne neue Welt zum Einsturz bringen kann.

So ist „Paradise City“ neben aller düstrerer Zukunftsfantasie auch ein irre spannender, von Zoë Beck gewohnt clever konstruierter und schnörkellos geschriebener Thriller – eine Art Endzeit-Noir mit philosophischen Zügen und langem Nachgang, während dem man hofft, die Autorin möge mit alldem doch bitte auf dem ganz falschen Dampfer sein. Die Hoffnung schrumpft allerdings mit jedem Tag.


Zoë Beck: Paradise City.

Roman. Suhrkamp, Berlin 2020. 280 S., 16 Euro