Der Ernst-Reuter-Platz in Berlin-Charlottenburg.
Foto: imago images/Günter Schneider

Was ist, was war das beste, schönste, effizienteste Berlin? Wer die gerade im Kronprinzenpalais gezeigte Ausstellung „Unvollendete Metropole“ besucht, erfährt zumindest, wie sich der ehrwürdige Architekten- und Ingenieursverein dieses Ideal-Berlin vorstellt: Als eine Kommune mit vielen schönen Parkanlagen und grünen Plätzen, dicht gestellten Häusern mit anständigen Wohnungen, eleganten Straßen, einem öffentlichen Nahverkehr, der gegen die Autoflut durchgesetzt werden muss, eine enge Bindung an das brandenburgische Umland sowie einem bürgerlichen Selbstbewusstsein gegenüber dem Staat und sehr viel  Exemplare einer von diesem Staat geförderten Kultur.

Schon vor fünf Jahren begann eine Gruppe im weiteren Umkreis um den Soziologen und Stadtplaner Harald Bodenschatz mit der Vorbereitung der Schau, die aus einem historischen Teil und der Präsentation eines Wettbewerbs zur Gestaltung von Berlin und Brandenburg im Jahr 2070 besteht. Auf diesen Teil des Projekts werden wir demnächst noch zurückkommen, zeigt er doch, dass die Planungsgeschichte kein Ende kennt.

In Berlin, betont Bodenschatz im Gespräch mit der Berliner Zeitung, haben weit mehr als in München, Wien, Paris oder London die politischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts auch städtebaulichen Ausdruck gefunden. Wie der Alexanderplatz und am Breitscheidplatz im Verlauf von nicht einmal 100 Jahren gleich mehrmals grundlegend neu gestaltet wurden – in der Weimarer Republik, in der Nazizeit, in der DDR und in West-Berlin, seit 1990 wieder in der neuen Bundesrepublik – das sei ohne Vergleich. Umso überraschender, dass in dieser Ausstellung keine Parallelen zu ähnlich dynamischen amerikanischen Städten wie New York oder Chicago gezogen werden.

Im Eingangsgeschoss werden erst einmal die heroischen Kernthemen der Berliner Stadtplanung verhandelt: Die Gründung von Groß-Berlin als Akt des Verwaltungshandelns 1920, die Entwicklung einer systematischen Verkehrsplanung mit der Gründung der BVG durch Ernst Reuter, die immer neuen Anläufe, um die Wohnungsfrage zu lösen und öffentliches Grün zu garantieren. Es hat in Corona-Zeiten eine Bedeutung erlangt wie zuletzt in der Kaiserzeit und Weimarer Republik, als Tuberkulose eine Massenkrankheit war. Im Obergeschoss wird dann etwa die Frage gestellt, wie sich der Staat in der Stadt repräsentiert habe – mit Großbauten für Parlament und Regierung, aber auch mit baulichen „Geschenken“ an Berlin, die wie die „Einheitswippe“ oder das Museum der Moderne jede städtische Eigeninitiative erdrückten.

Im großen Festsaal strahlt schließlich die Parade der staatlich approbierten Pläne für ein ideal-schönes und ideal-funktionales Berlin. Es ist ein nicht zuletzt grafisches Erlebnis: Der Liegenschaftsplan von 1929 zeigt den Stolz auf erfolgreiche Grundstücksankäufe der neuen Großkommune in lebendigem Gelb und Blau. Auf Hitlers und Albert Speers Plänen für die Welthauptstadt Berlin werden die roten Umbauzonen wie Keile in die graue Stadtmasse getrieben.

In Abstufungen von Zartrosa deutet der Vier-Sektoren-Plan von 1945 eine Einheit an, die es unter den Alliierten schon 1946 kaum noch gab. Der legendäre West-Berliner Flächennutzungsplan von 1965 ist auch ein Pop-Art-Kunstwerk mit den radikal durch das Rot der Wohnbauten geschlagenen gelben Autobahnschneisen, ebenso der Ost-Berliner Generalbebauungsplan mit seinen straffen Straßenlinien und weit gezogenen Halbkreisen.

Der Flächennutzungsplan von 1984, der mit all diesen stadtfeindlichen Utopien Schluss machte, zeigt dagegen bis in seine fisselige Grafik den mühsamen Beginn jener Bürgerbeteiligung, die sich hier erstmals Planungsraum verschaffte. Erstaunlicher Weise fehlt hier das Planwerk Innenstadt von 1999 in dieser Versammlung von Stadtutopien – dabei hatte Hans Stimmanns Projekt einer Rekonstruktion der dicht gepackten bürgerlichen Stadt international so große Wirkungen wie kaum ein anderer Berliner Plan.

Wer hier seine Handykamera eifrig einsetzt, hat schnell eine Art Lexikon Berliner Stadtplanungskultur der Moderne zusammen. Zwei, drei Stunden sind schnell vergangen – trotz der rigide einheitlichen Gestaltung der Ausstellung durch das Büro Franke, Steinert und seafood, die ein immer gleiches Raster von Stahlrohren mit angehängten Planwänden entwarfen. Oft wirkt die Ausstellung so wie eine dreidimensionale Version des zweibändigen Katalogs – der nicht nur als Materialsammlung, sondern auch in seinen stadtplanungshistorischen Essays ausdrücklich zu empfehlen ist (DOM-Verlag Berlin, 49 Euro). So solle, verteidigt Bodenschatz das strenge Konzept, die über die politischen Systeme hinausreichende Wirkung von Stadtplanung gezeigt werden.

Das Resultat aber ist anstrengend bis hin zur didaktischen Zumutung, vor allem, wenn man es mit der poppig-lustigen Stadtplanungscollage Living The City im Flughafen Tempelhof vergleicht. Sie zeigt, wie man auch komplexe Themen der Stadtplanung mit Lust auf Sinnlichkeit vermitteln kann. Allerdings geht es dort bis hin zur Geschichtsvergessenheit nur um das bunte Jetzt. Im Kronprinzenpalais dagegen wird ein mehr als 100-jährger, komplizierter Prozess rekonstruiert: Tesla kann heute im Südosten Berlins seine Autofabrik bauen, weil die planerischen Grundlagen für die automobile Gesellschaft in der Kaiserzeit und der Weimarer Republik gelegt wurden. Dieses urbane Desaster ist wohl kaum mit heiterer Lockerheit zu zeigen.

„Unvollendete Metropole – 100 Jahre Städtebau für Groß-Berlin“, Kronprinzenpalais, Unter den Linden 3, Montag bis Sonntag, 10–18 Uhr