Die Spiegel in den Rieck-Hallen der Flick-Collection müssen bald abgebaut werden.
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BerlinDer fragile Stolz, mit dem sich Berlin in den vergangenen Jahren als attraktive Kunststadt präsentieren konnte, basierte immer auch auf einer Wette auf die Zukunft. Der kreative Glanz, der sich oft in unscheinbaren Sumpfblüten verbarg, war selten ökonomisch grundiert. Im knallharten Wirtschaftsjargon ausgedrückt, hieß das: Berlin ist kein Käufermarkt. Die großen Geschäfte mit dem An- und Verkauf von Kunst wurden anderswo gemacht, und wer nicht dauernd zwischen London, Miami oder Basel unterwegs sein mochte, zog für seinen Kunsterwerb meist Köln oder Düsseldorf vor.

Das hielt niemanden davon ab, sich hier an dem Ort zu wähnen, an dem man unbedingt zu sein hatte. Berlin wurde zur Stadt der Künstler, weil sich nach 1989 Räume aller Art auftaten, die wenig kosteten und große Entfaltungsmöglichkeiten boten. Der eher bürokratisch anmutende Begriff Zwischennutzung wurde zu einem Zauberwort ästhetischer Produktivität, zu der Galeristen ebenso beitrugen wie Sammler und Künstler, von denen einige mit sorgsam ausgestatteten Manufakturen samt Personal anrückten. Berlin war deshalb für viele so verlockend, weil es weder Fragen stellte noch Bedingungen diktierte.

Die zunächst nicht enden wollende Vernissage ist inzwischen vorbei, die Anziehungskraft der einstigen Mauer- und Nischenstadt hat nachgelassen. Die Stadt ist voller und komplizierter geworden. Eine Zeit lang schien man die wachsende Unlust mit einem Achselzucken beantworten zu können. Nun aber wirken in kurzer Folge angekündigte Abgänge wie der der Sammlung von Christian Flick aus den Rieck-Hallen am Hamburger Bahnhof, Thomas Olbrichts Me Collectors Room in der Auguststaße sowie die Nachricht eines nicht verlängerten Mietvertrags mit der Medienkunstsammlung von Julia Stoschek in der Leipziger Straße wie plötzliche Panikverkäufe. Der Kunstbetrieb ist aufgeschreckt. Etwas vornehmer ausgedrückt könnte man von einem Strukturwandel sprechen, der wohl auch mit der Kränkung einhergeht, in Berlin weder die öffentliche noch die politische Aufmerksamkeit erfahren zu haben, die in Essen, Düsseldorf oder Darmstadt ganz selbstverständlich gewesen wäre.

Die Motive für die Richtungsentscheidungen so angesehener Sammler mögen sehr unterschiedlich sein und auf eine je eigene Leidensgeschichten verweisen. Schwer zu sagen, ob eine besonnene Kulturpolitik in der Lage gewesen wäre, eine Stimmungsänderung herbeizuführen. Sich nun jedoch über fehlendes Fingerspitzengefühl auszulassen, ist ebenso müßig. Berlin ist für seine Hemdsärmeligkeit berühmt, sie ermöglichte über viele Jahre erst jene viel gepriesene kommunikative Reibung jenseits starrer Barrieren und Hierarchien. Angesichts eines drohenden, durch die Corona-Krise auf jeden Fall forcierten Galeriensterbens scheint es sogar fast ein wenig unanständig, sich eingehend mit den Immobilienproblemen prominenter Kunstmarktakteure zu befassen.

Die Sammlungen, deren Verlust in den letzten Tagen wortreich und mit vielen Mutmaßungen beklagt worden ist, stellen gediegene Präsentationsformen beruhigter Kunst dar. Zweifellos tragen sie nachhaltig zum Profil einer ambitionierten Stadtgesellschaft bei. Zur Vitalität einer Metropole aber gehört die flirrende Geschäftigkeit sich wechselseitig durchdringender Szenen, die hier und da aufschlagen und sich nicht vorschriftsgemäß an Einlassregeln halten. Junge Kunst ist flüchtig, und oft erfährt man erst sehr viel später, ob man zur rechten Zeit am richtigen Ort war. Der abgegriffene Satz Karl Schefflers, dem zufolge Berlin dazu verdammt sei, immer zu werden und niemals zu sein, besitzt für die Kunst nach wie vor Gültigkeit.

Wenn man sich um die Attraktivität des Kunststandortes Berlin sorgt, dann sollte sich die Aufmerksamkeit nicht auf jene beschränken, die an etablierten Orten einen Tapetenwechsel vornehmen oder sogar den Umzugswagen bestellen. Vielmehr geht es um die Räume und Entstehungsbedingungen einer schöpferischen Unruhe, die für die ganze Gesellschaft von existenzieller Dringlichkeit ist.