Szene aus dem Film „Pippi in Taka-Tuka-Land“ mit Inger Nilsson als Pippi Langstrumpf (1970).
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BerlinPippi bleibt immer neun Jahre alt. Dank einiger erbsengleicher Krummelus-Pillen, die auch ihren Freunden Tommy und Annika ewige Kindheit verschaffen sollen. Und so dürfte Pippi wohl, wenn sie nicht die berühmteste Erfindung der schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren wäre, erstaunt sein, dass die Welt schon ihren 75. Geburtstag feiert.

Nach Angaben des Verlags von Astrid Lindgren ist Pippilotta Viktualia Rullgardina Krusmynta Efraimsdotter Långstrump am 21. Mai 1945 in die literarische Welt geboren worden. Ein Mädchen, das auf dem eigenen Leben besteht, großartigen Humor hat, bürgerliche Ordnung, Hierarchie, Sicherheit oder Geld viel weniger wichtig findet als Freundschaft, Liebe und Spielen.

66 Millionen Exemplare von Pippi Langstrumpf wurden bisher verkauft, davon allein 8,6 Millionen im deutschsprachigen Raum. Inzwischen ist Pippi Langstrumpf in 77 Sprachen übersetzt worden, sogar in der Volksrepublik China weit verbreitet, in der doch alles Anarchische überaus streng betrachtet wird. Und anarchisch ist Pippi nun wirklich – dies Mädchen, das Pferde stemmt, das ihren ständig abwesenden Vater innig liebt, sich auf der Suche nach ihm ganz gegen alle europäische Gewohnheit vor Schwarzen freundlich auf den Boden wirft, das allein – Schrecken aller Sozialarbeiter! – in einem Holzhaus wohnt, mit gemütlicher Veranda, Türmchen, weit auskragendem Dach.

Die etwas verschrottete Villa Kunterbunt wurde zum Traumhaus ungezählter Kinder und Kinderläden. Sie ist gebauter Teil der Gegenwelt, die Lindgren mit ihren Büchern zum kühl-rationalen, umfassend sorgenden Wohlfahrtsstaat Schweden errichtete, zu seinen sauberen Krankenhäusern und Schulen, den gleichförmig roten oder gelben Einfamilienhäusern mit Satteldach, glattem Rasen und Rosenbeeten davor. Hunderttausende Menschen zogen um in die Mietshausviertel um Stockholm, Göteborg oder Umeå, akzeptierten um des guten großen Ganzen willen auch tiefe Eingriffe des Staats in das persönliche Leben, selbst die gegen gesellschaftliche Außenseiter und Behinderte gerichtete Eugenik, die in Schweden von Staats wegen bis in die 1970er-Jahre betrieben wurde. Die kleinen Bauern aber, die noch Selma Lagerlöf 1906 in „Nils Holgersson“ als soziale Grundlage der schwedischen Welt beschrieben hatte, verschwanden.

Diese Realität des Umfelds, in dem Pippi entstand, wird im stark idealisierten deutschen Schwedenbild oft ignoriert. Lindgren setzte mit Pippi und allen ihren Kinderfiguren gegen den sozialen Konformitätsdruck auf Individualität, das Recht auf Gefühl, Liebe, auf Anderssein. Auch das machte sie so erfolgreich in einem Jahrhundert, das die Abweichung von der Norm als modernes Ideal entdeckte.

Schriftstellerin Astrid Lindgren, die Erfinderin von Pippi Langstrumpf.
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Pippis Welterfolg ist untrennbar verbunden mit der Auflösung sozial vorgeschriebener Lebenswege, wie sie schon die 1950er-Jahre vor allem in Westeuropa und Nordamerika prägten, mit dem Aufstieg der antiautoritären Kindererziehung in den 1960ern, dem Feminismus, der Liberalisierung der 1970er und 1980er, mit dem Beginn einer globalisierten Weltkinderkultur in den 1990ern.

1944 allerdings schreckten schwedische Verleger vor solcher Radikalität zurück, Lindgren schrieb das Buch einmal grundlegend um, erst dann konnte es veröffentlicht werden.

Und im Jahr 1946 begann eine wüste Kampagne, als ein Professor der Universität Lund in den Erzählungen das schiere Kinderverderben witterte. Ein Vorwurf, der noch Jahrzehnte später besorgte Bürger die Bücher aus nordamerikanischen Gemeindebibliotheken räumen ließ. Zugleich machte diese Debatte aber Pippi in Schweden zum Markenartikel, in wenigen Jahren wurden sensationelle 300000 Bücher verkauft.

Trotzdem lehnten auch in Deutschland fünf Verlagshäuser eine Übersetzung ab, bis 1949 der Hamburger Friedrich Oetinger es wagte. Pippi wurde zur Grundlage eines Millionengeschäfts – heute bis in die letzte Ziffer und Pippi-Puppe durchkalkuliert durch den Clan der Lindgren-Erben.

Oetinger war mutig, aber er konnte auch auf einen aufnahmebereiten Markt rechnen. Fest verankert war seit der Kaiserzeit über alle politischen Grenzen hinweg das überaus positive Vorurteil gegenüber Schweden: Es erwartete von dem Land im Norden wider alle Realität gerade gesellschaftliche, strindbergsche Unkonventionalität. Und nach zwei Jahrhunderten Dauerfrieden schienen hier unter einer mächtigen Sozialdemokratie, aber mit dem Segen eines Königs Kapitalismus und Sozialismus, Pazifismus und politische Eigenständigkeit zusammengefunden zu haben, metropolitaner Modernismus und kleinstädtisch-dörfliche Idylle.

Die schwedische Erstausgabe von 1945.
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Pippi füllte dabei in der alten Bundesrepublik geradezu idealtypisch eine ideologische Lücke: Die neue Demokratie gab nämlich kein straffes Weltbild mehr vor – im Unterschied zum Kaiserreich, zum Nationalsozialismus, auch zum Sozialismus der DDR. In der durfte Pippi Langstrumpf charakteristischerweise erst 1974 und dann in kleiner, nie wiederholter und zudem stark zensierter Auflage erscheinen. Hier war man bis 1989 auf Mitbringsel der Verwandtschaft angewiesen – die es nach Aussagen von Freunden auch reichlich gab. Pippi ließ sich nicht durch die Mauer aussperren.

Im Westen dagegen platzte Pippi frisch in den Wiederaufbau hinein, war dynamisch, zeigte von der Kleidung über die körperliche Kraft bis zu den knallroten Zöpfen ein radikal der Konvention von Kinder-Küche-Kirche entgegengesetztes Mädchen- und Frauenbild – und das in bestem Hochschwedisch, klarem Hochdeutsch, ohne jeden Dialekt.

Und Oetinger ließ auch ihr Bild anpassen: Die Illustratorin Ingrid Vang Nyman hatte die schwedische Ausgabe 1945 nach den Vorskizzen von Lindgren mit einem wirklich frechen Kind versehen, mit schiefen Zöpfen und finnougrisch schmalen Augen. Der deutsche Illustrator Walter Scharnweber dagegen entwarf sie 1949 als langgliedrige Frühjugendliche, auch frech, aber sittlicher mit längerer Hose und symmetrischen Zöpfen, vor allem aber mit europäischen Augen. Die dann mit neun Jahren auf die Krummelus-Pillen sahen, als Pippi mit Tommy und Annika den Zauberspruch sagt: „Liebe kleine Krummelus, niemals will ich werden gruß.“

Aber hat der Spruch gewirkt? Pippi selbst deutete an, die Pillen seien recht alt und vielleicht überlagert. Radelt Frau Långstrump gerade grauhaarig-frisch auf einem sicheren Dreirad ins Dorf? Das sollte man sich doch wirklich mal fragen.