Mit einem großen Hund fällt man sogar in der Großstadt auf. Die Erzählerin in der „Der Freund“ hat eine Dogge.
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BerlinDieses Buch ist nicht so, wie man denken könnte, wenn man es zur Hand nimmt. Zwar stimmt der erste Satz des Klappentextes, der besagt, die Ich-Erzählerin, eine in New York City lebende Schriftstellerin, erbe nach dem Tod ihres besten Freundes dessen Hund. Der sieht ungefähr so aus wie das Tier, das auf dem ansonsten streng grafisch mit bunten Farbblöcken gestalteten Cover hockt: eine Harlekindogge. Im Buch findet sich bald eine Angabe zu deren Ausmaßen: fünfundachtzig Zentimeter von der Schulter bis zur Pfote. Achtzig Kilo. Ein Rüde namens Apollo.

Man muss Hunde nicht mögen, um von diesem Buch so gefangen genommen zu werden, dass man, wenn man es beiseitegelegt hat, die Stunde herbeisehnt, da man wieder mit ihm zusammen sein kann. Aber Hundefreunde sind vermutlich besonders froh über das Buch. Die Ich-Erzählerin sieht sich selbst als Katzenmensch, Apollo wird diese Vergangenheit in der Wohnung erschnuppert haben, das weiß sie. „Der Freund“ bietet keine der typischen rührenden Hundegeschichten von Treue und Beschützerinstinkt, auch wenn die Erzählerin schildert, wie sie in ihrer winzigen Wohnung versucht, Apollo über die Trauer um seinen Herrn hinwegzuhelfen, wie sie beim Tierarzt darum ringt, ernst genommen zu werden. Der Hund füllt in diesem Roman etwas aus, das sonst nicht greifbar ist: Er ist die leibhaftige Verbindung zwischen einem lebenden und einem gestorbenen Menschen.

Während die Trauernde über den Freund nachsinnt, denkt sie auch über das sich wandelnde Frauenbild in der Gesellschaft nach, die Möglichkeit von Frauen, mit einem Nein gehört zu werden. Ihr Freund stammt in diesem Punkt aus einer anderen Zeit. Sie erzählt davon mit Nachsicht, so wie sie auch über dessen Ehefrauen eins bis drei ohne Groll schreibt. An einem Versuch, ein Liebespaar zu sein, wäre ihre Freundschaft fast zerbrochen. Sie wuchs, als beiden klar wurde, dass ihre Beziehung keine Berührung braucht und über Entfernungen hinweg halten kann.

Jedes Kapitel eröffnet einen neuen Weg des Nachdenkens. Weil die Ich-Erzählerin selbst Schriftstellerin ist und Schreibkurse an der Universität gibt, beschäftigt sie auch der Neid im Literaturbetrieb, die Hybris junger Autoren, der zweifelhafte Glaube, durch das Schreiben zu Ruhm zu kommen. Mitten hinein platzt sie mit Nachrichten, die sie aufschnappt: „Zweiunddreißig Millionen erwachsene Amerikaner können nicht lesen. Die potenzielle Leserschaft von Gedichten ist seit 1992 um zwei Drittel geschrumpft.“

Sigrid Nunez: Der Freund

Roman
Aus dem Amerikanischen von Annette Grube. Aufbau, Berlin 2019. 238 S., 20 Euro.

Man muss Hunde nicht mögen, um von diesem Buch so gefangen genommen zu werden, dass man, wenn man es beiseitegelegt hat, die Stunde herbeisehnt, da man wieder mit ihm zusammen sein kann. Aber Hundefreunde sind vermutlich besonders froh über das Buch. Die Ich-Erzählerin sieht sich selbst als Katzenmensch, Apollo wird diese Vergangenheit in der Wohnung erschnuppert haben, das weiß sie. „Der Freund“ bietet keine der typischen rührenden Hundegeschichten von Treue und Beschützerinstinkt, auch wenn die Erzählerin schildert, wie sie in ihrer winzigen Wohnung versucht, Apollo über die Trauer um seinen Herrn hinwegzuhelfen, wie sie beim Tierarzt darum ringt, ernst genommen zu werden. Der Hund füllt in diesem Roman etwas aus, das sonst nicht greifbar ist: Er ist die leibhaftige Verbindung zwischen einem lebenden und einem gestorbenen Menschen.

Während die Trauernde über den Freund nachsinnt, denkt sie auch über das sich wandelnde Frauenbild in der Gesellschaft nach, die Möglichkeit von Frauen, mit einem Nein gehört zu werden. Ihr Freund stammt in diesem Punkt aus einer anderen Zeit. Sie erzählt davon mit Nachsicht, so wie sie auch über dessen Ehefrauen eins bis drei ohne Groll schreibt. An einem Versuch, ein Liebespaar zu sein, wäre ihre Freundschaft fast zerbrochen. Sie wuchs, als beiden klar wurde, dass ihre Beziehung keine Berührung braucht und über Entfernungen hinweg halten kann.

Jedes Kapitel eröffnet einen neuen Weg des Nachdenkens. Weil die Ich-Erzählerin selbst Schriftstellerin ist und Schreibkurse an der Universität gibt, beschäftigt sie auch der Neid im Literaturbetrieb, die Hybris junger Autoren, der zweifelhafte Glaube, durch das Schreiben zu Ruhm zu kommen. Mitten hinein platzt sie mit Nachrichten, die sie aufschnappt: „Zweiunddreißig Millionen erwachsene Amerikaner können nicht lesen. Die potenzielle Leserschaft von Gedichten ist seit 1992 um zwei Drittel geschrumpft.“

Die 1951 geborene Sigrid Nunez, Tochter einer Deutschen und eines Vaters mit chinesisch-panamaischen Wurzeln, veröffentlicht seit 1995 Bücher, einige wurden ins Deutsche übersetzt, so ihr Virginia-Woolf-Roman „Das Krallenäffchen“. Sie schrieb ein Erinnerungsbuch über die Zeit, als sie in den 70er-Jahren eine Art Sekretärin für Susan Sontag war und sich in deren Sohn David Rieff verliebte: „Sempre Susan“ (2011). Mit „Der Freund“ erlebt sie ihren bisher größten Erfolg, der Roman gewann den National Book Award in den USA und war auch in Irland und Frankreich für Preise nominiert.

Kein Wunder, denn das Buch ist auf der Höhe der Debatten der Gegenwart, etwa wenn es ein Rechercheprojekt der Erzählerin über Zwangsprostitution aufgreift und ganz schlicht von einzelnen Frauen berichtet. Das Buch ist aktuell, wenn es der Frage nachgeht, ob man die moralische Integrität eines Autors von seinem Werk trennen sollte – hier anhand von Vladimir Nabokov und von jenem fiktiven Schriftsteller, der Suizid beging und seinen Hund zurückließ. Der Roman geht in einen Dialog mit Menschen, die gern lesen, denn die Erzählerin beschäftigt sich mit Rainer Maria Rilke, Christa Wolf, Toni Morrison und mit der Frage, was für eine Art von Literatur man heute noch schreiben kann. Sie führt dabei bis zur Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und ihrer Methode, aus dokumentarischem Material ein Zeitbild zu schaffen.

Die Dogge hat ein Problem mit dem derzeit gefeierten Autor Karl Ove Knausgard: Sigrid Nunez schreibt eben nicht nur ernst und reflektierend, sie rettet ihre Erzählerin manchmal in den Humor.

Je näher ihr der Hund zum Freund wird, desto näher ist sie auch am Menschen. „Es ist seltsam, wie der Akt des Schreibens zu Geständnissen führt.“ Der Hund ist sehr beeindruckend. Doch den Sog der Lektüre bewirkt der Erzählstrom. Die Frage, was einen guten Roman ausmacht, hat Sigrid Nunez für sich gelöst, weil sie im Schreiben über ihr Thema die Bedingungen ihres Alltags einfließen lässt, die Welt hineinholt und sogar den Entstehungsprozess dieses Buchs.

Die 1951 geborene Sigrid Nunez, Tochter einer Deutschen und eines Vaters mit chinesisch-panamaischen Wurzeln, veröffentlicht seit 1995 Bücher, einige wurden ins Deutsche übersetzt, so ihr Virginia-Woolf-Roman „Das Krallenäffchen“. Sie schrieb ein Erinnerungsbuch über die Zeit, als sie in den 70er-Jahren eine Art Sekretärin für Susan Sontag war und sich in deren Sohn David Rieff verliebte: „Sempre Susan“ (2011). Mit „Der Freund“ erlebt sie ihren bisher größten Erfolg, der Roman gewann den National Book Award in den USA und war auch in Irland und Frankreich für Preise nominiert.

Kein Wunder, denn das Buch ist auf der Höhe der Debatten der Gegenwart, etwa wenn es ein Rechercheprojekt der Erzählerin über Zwangsprostitution aufgreift und ganz schlicht von einzelnen Frauen berichtet. Das Buch ist aktuell, wenn es der Frage nachgeht, ob man die moralische Integrität eines Autors von seinem Werk trennen sollte – hier anhand von Vladimir Nabokov und von jenem fiktiven Schriftsteller, der Suizid beging und seinen Hund zurückließ. Der Roman geht in einen Dialog mit Menschen, die gern lesen, denn die Erzählerin beschäftigt sich mit Rainer Maria Rilke, Christa Wolf, Toni Morrison und mit der Frage, was für eine Art von Literatur man heute noch schreiben kann. Sie führt dabei bis zur Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und ihrer Methode, aus dokumentarischem Material ein Zeitbild zu schaffen.

Die Dogge hat ein Problem mit dem derzeit gefeierten Autor Karl Ove Knausgard: Sigrid Nunez schreibt eben nicht nur ernst und reflektierend, sie rettet ihre Erzählerin manchmal in den Humor.

Je näher ihr der Hund zum Freund wird, desto näher ist sie auch am Menschen. „Es ist seltsam, wie der Akt des Schreibens zu Geständnissen führt.“ Der Hund ist sehr beeindruckend. Doch den Sog der Lektüre bewirkt der Erzählstrom. Die Frage, was einen guten Roman ausmacht, hat Sigrid Nunez für sich gelöst, weil sie im Schreiben über ihr Thema die Bedingungen ihres Alltags einfließen lässt, die Welt hineinholt und sogar den Entstehungsprozess dieses Buchs.