Nichts ist so bewegend wie die Wahrheit“, steht auf der Einladung zur Lesung mit Adriaan van Dis. Der Autor, der lange als Reporter gearbeitet hat, beschäftigt sich in seinen literarischen Arbeiten seit einigen Jahren mit der eigenen Familie, mit ihrer Verwurzelung auf zwei Kontinenten und mit der Last des kulturellen Bruchs. Derzeit ist er auf Lesereise durch Deutschland.

Herr van Dis, Sie bezeichnen Ihr jüngstes Buch als Roman, obwohl es die Geschichte Ihrer Familie, vor allem Ihrer Mutter ist. Gibt Ihnen die Bezeichnung „Roman“ gewisse Freiheiten?

Ich sage immer: Wenn ein Schriftsteller „Ich“ benutzt, fängt er schon an zu lügen. Ich schreibe hier über meine Mutter, als sie hundert Jahre alt und am Ende ihres Lebens eine böse Frau ist. Und ich wollte mir gern eine bessere Mutter geben, ich habe auch versucht zu verstehen, wie meine Mutter gelebt hat. Sie war 18, 19 Jahre alt, ein Bauernmädel aus einer protestantischen, schwer gläubigen Waldenser-Familie, als sie einem jungen Mann begegnete, Offizier der Kolonialarmee, der in Holland ausgebildet wurde. Er war sehr braun, fast schwarz, von den Banda-Inseln. Das war natürlich eine unglaubliche Sache, dass so ein junges Mädel über die Farblinien geheiratet hat. Ich habe meiner Mutter sehr viele Fragen gestellt; über manches hat sie nur einen Satz gesagt. Doch es hat mir die Inspiration gegeben, neue Geschichten zu erzählen. Zum Beispiel: Ja, natürlich gab es Schwierigkeiten, wenn wir zusammen waren, mein schwarzer Mann und ich. Und wenn wir in einem Restaurant saßen in Niederländisch-Indien und er seine Uniform nicht getragen hat, wurden wir oft nicht bedient. Es gab auch in der Kolonie Apartheid.

Das nahm man erst später wahr.

Wir gucken jetzt anders zurück auf diese Kolonialzeit. Dass Leute sich nie gefragt haben: Was suchen wir hier? Es gibt hier doch schon eine Kultur, was haben die Holländer dem hinzuzufügen? Wir haben 6000 Kirchen gebaut ins größte muslimische Land der Welt. Jetzt haben wir in Holland 500 Moscheen und haben Angst davor. Sie sind hier, weil wir dort waren. In den hundert Jahren, die meine Mutter gelebt hat, hat sich die Welt verändert, eine neue Farbe bekommen. Drei Schwestern habe ich, Halbschwestern, braun sind sie, der Mann meiner Mutter wurde enthauptet, von den Japanern, denn die Kolonie Niederländisch-Indien wurde im Pazifikkrieg von den Japanern besetzt. Später gab es einen anderen Mann, ein Mischling, der ihr sagte: Ich will dir helfen. Das Resultat dieser Hilfe sitzt Ihnen gegenüber. Ich habe mit dieser autobiografischen Wahrheit eine neue Geschichte geschaffen. Vielleicht kann ich auch sagen, dass ich mit diesem Roman für mich selbst eine neue Wahrheit gefunden habe. Eine Wahrheit, die vielleicht wahrer ist als die kahle, nackte Geschichte zuvor.

Es ist ein schonungsloses Buch.

Das habe ich gelernt. Ich war beim Psychoanalytiker, um meiner Kindheit Platz zu geben in meinem Leben. Mein Vater war nach dem Krieg ein geisteskranker Mann. Er hat als Arbeitssklave an der japanischen Eisenbahn mitgearbeitet. Er war mit 6000 anderen Kriegsgefangenen auf einem Schiff, das wurde von den Engländern torpediert; von diesen 6000 haben 400 überlebt. Mein Vater war also ein schuldiger Überlebender. Und der Krieg hat, als er 1946 zurückkam, noch zehn Jahre länger gedauert in dem Haus, in dem ich aufwuchs. Denn es war ein Haus mit Repatrianten. Mit Leuten, die entwurzelt waren, die das Paradies Indonesien verlassen und ein neues Leben aufbauen mussten in Holland. Doch die Holländer wollten nichts davon hören.

Das Wort Repatriantenheim habe ich in Ihrem Buch zum allerersten Mal gelesen.

Von Patria, Vaterland, aber mein Vater war nie in Holland gewesen. Sie haben mir in der Schule alle Bahnhöfe beigebracht, aber es war, wie wenn man etwas über ein fremdes Land lernt. Ich war das rosarote Schweinchen in einem Haus voll brauner Kinder, wollte gern zu ihnen gehören, zu ihrer Farbe, ihrem Krieg – das hat mich zum Schriftsteller gemacht. Das ist die Schatzkammer meiner Geschichten.

Wie reagieren Ihre holländischen Leser auf Ihre Romane, wenn sie doch von der Kolonialzeit lieber nichts hören möchten?

Ich war mit „Indische Dünen“ (1994, d. Red.) der erste, der über das Leben der Leute schrieb, die aus den Kolonien kamen. Ich dachte: Jetzt sind sie alle böse auf mich. Aber ich hatte das Glück, dass ich zur richtigen Zeit davon erzählte. Ich war die Stimme der zweiten Generation. Die erste Generation hat nie über den Krieg geredet. Wir haben das Schweigen, die Lügen, die Pein unserer Eltern wahrgenommen – und darüber habe ich geschrieben. Nach diesem Buch dachte ich, jetzt bin ich fertig. Aber ich habe dann gesehen, wie Europa sich änderte, dass neue Flüchtlinge ins Land kamen, aus Jugoslawien, dass Gastarbeiter blieben. Ich habe anders auf die Vergangenheit meiner Eltern, meiner Schwestern geschaut und gesehen: Wir sind alle Migranten. Auch für die Menschen hier ändert sich die Welt, sie merken, dass sie neue, braune Nachbarn haben, dass die Metzgerei Lammschnitten verkauft, dass es nicht mehr das schöne deutsche dunkle Brot gibt.

Sie schreiben, die Vergangenheit Ihrer Mutter habe sie „gezeichnet“. Was war es, was sie gezeichnet hat?

Ich weiß nicht, ob man sich, wenn man 18, 19 ist und sich verliebt in einen jungen Mann, immer bewusst ist, was man da tut. Erst später denkt man nach, was passiert ist. Am Ende ihres Lebens, plötzlich, war diese ganze Erfahrung so stark, dass sie heftig darunter gelitten hat. Wenn unsere Eltern 90 werden und älter, dann wird ihr Widerstand schwächer und alles kommt wieder nach oben, die Erfahrungen des Kindes, die Kriegserfahrungen ... Das passiert jetzt überall, wir hören mehr Geschichten von der anderen Seite.

Und von Seiten der Migranten?

Lediglich neun Prozent der Weltbevölkerung ist weiß. Die Zeit, in der die ganze Welt weiß dachte, in der es nur Goethe, Schiller und Erklärungen gab, ist vorbei. Es gibt auch Stimmen aus Indien, aus China, aus Afrika. Und jetzt lesen wir von jungen Historikern plötzlich, was die Leute dachten, als wir es sehr normal fanden, Indien britisch zu machen, als wir es sehr normal fanden, diese 17.000 Inseln holländisch zu machen.

Sie sind viel in Afrika gewesen, haben Afrikaans gelernt. Gingen Sie dann für Ihre Bücher ins ehemalige Niederländisch-Indien, nach Indonesien?

Nicht für die Bücher. Ich habe eine Dokumentarfilm-Reihe gemacht, acht Filme insgesamt. Ich hätte meine anderen Bücher nicht schreiben können, wenn ich zuerst nach Indonesien gefahren wäre. Ich habe dann Indonesisch gelernt und dort alte Leute aufgesucht. Ich wollte wissen, wie viele Einheimische studiert haben, welche Möglichkeiten Menschen hatten, die nicht von Adel waren. Die Möglichkeiten waren sehr gering.

Schlägt sich die Sprache, die Ihre Mutter in Indonesien aufgenommen hat, in Ihren Romanen nieder? Das ist in der Übersetzung schwer zu beurteilen.

Ich habe versucht, die Heimweh-Wörter nicht zu benutzen, mit denen die Leute, die die koloniale Erfahrung haben, gern ihre Sprache färben. Das habe ich nicht getan. Aber ich habe versucht, mich ein bisschen poetisch auszudrücken. Wenn ich zum Beispiel schreibe „bibelschwarzstrümpfige Welt“, dann ist das kein korrektes Holländisch. Aber die Sprache ist elastisch. All diese neu Ankommenden machen etwas mit unserer Sprache, geben ihr eine neue Farbe, machen auch etwas mit unserer Grammatik. Und das liebe ich sehr.