Gefahr von oben: Szene aus dem Film „Independence Day“
Foto:  Imago Images/Everett Collection

BerlinIm Film „Independence Day“, in nicht wenigen Aspekten kitschig, pathetisch, greift eine Spezies aus den Tiefen des Alls die Erde an. Anfangs wird die Meinung vertreten, die Aliens kämen vielleicht in friedlicher Absicht, alles werde nicht so schlimm. Es gibt Demonstrationen auf Dächern von Wolkenkratzern, bei denen Parolen des Tenors „Beam me up, Alien“ auf Spruchbändern in den Himmel gereckt werden. Dann fangen die Außerirdischen mit der Vernichtung der Städte an.

Die Geschichte, die „Independence Day“ erzählt, ist eine Mischung aus Rührstück, Klamotte und Heldenepos. Die Menschheit, hoffnungslos unterlegen, bar aller Satelliten, aber erfinderisch, entsinnt sich einer alten Technik, indem sie: morst.

An dieser Stelle gelingt dem Film – der, wie gesagt, mit Pathos nicht geizt – ein, wenn man dafür empfänglich ist, ergreifender Augenblick: Überall auf der Welt gibt es versteckte Kampfjeteinheiten, die auf den Moment gewartet haben. Nun ist er da – wehe den Aliens.

Das Virus, das uns dieser Tage beschäftigt, ist eine Spezies, die ihren Weg mit Sicherheit nicht aus dem All zu uns gefunden hat und mit ziemlicher Sicherheit auch nicht aus einem Biowaffen- oder sonstigen Labor. Das Virus ist aus einer Mutation hervorgegangen, wie die Natur (die wir so gern besingen) sie unablässig hervorbringt. Es hat seinen Weg zum Menschen über tierische Zwischenwirte gefunden, mit einiger Gewissheit Säugetiere, die gejagt oder gezüchtet und auf Märkten verkauft werden, weil Menschen sie essen oder sich von ihnen Heilkraft versprechen. Appetit, Hunger oder Aberglaube haben eine neue Art zu uns gebracht, die für uns nicht angenehm ist.

Zuerst hieß es: Na ja, China. Es hätte auch heißen können: Klar, Afrika. Dann war es da, das Virus, mit modernem Verkehrsmittel angereist, beim Skifahren verbreitet, und plötzlich sieht man im Fernsehen Bilder eines Militärkonvois, der nächtens heimlich Särge aus einer lombardischen Kleinstadt schafft.

Nur wenig später wird der oft nicht unbedingt leise auftretende Boss der Briten, der eben noch Hände in Kliniken geschüttelt hat, per Video, mitgenommen und sichtlich bleich, in die Wohnstuben gehängt und findet sich kurz danach auf der Intensivstation.

Als Finale des Dreischritts: die Situation in New York.

Den Aliens in „Independence Day“ wird eine Intention angedichtet. Im Film muss das so sein. In der uns bedingenden Wirklichkeit ist eine herbeikonstruierte Intention Blödsinn. Das Virus, nach wie vor weitgehend unbekannt, kennt keine Absicht, nur den Drang zur Vermehrung, exponentiell.

Foto: dpa/Jens Kalaene
Der Autor

Michael Wildenhain ist in Berlin geboren, wo er auch heute lebt. Nach einem Philosophie- und Informatikstudium begann er zu schreiben, 1983 erschien sein erster Roman „zum beispiel k.“. Der Roman „Das Lächeln der Alligatoren" war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und wurde mit dem Brandenburger Kunstpreis ausgezeichnet. Sein Roman »Das Singen der Sirenen« erschien 2017 und war für den Deutschen Buchpreis nominiert, 2018 würdigte das Literaturforum im Brecht-Haus sein Gesamtwerk mit einem Symposium.

Es sind viele Aspekte des weiteren Verlaufs hervorgehoben worden. Das Reden darüber wird weitergehen und die Stimmen, die in verblüffender Verblendung Wissenschaft mit Religion gleichsetzen, werden nicht verstummen. Es wird auch weiterhin Demonstranten geben, die Schilder hochhalten mit der Parole: „Please, beam me up, Alien!“

Der vorliegende Sachverhalt bleibt davon unberührt: Es stehen sich zwei Arten gegenüber, die einander unverträglich sind.

Die meisten Menschen haben das in dem Moment begriffen, als sie sich vorgestellt haben, wie sie auf überfüllten Krankenhausgängen, mit Schläuchen im Gesicht und am Körper, im grünlichen Licht kollabieren oder ersticken.

Diejenigen an der Spitze der Staaten Europas und Amerikas benötigten hie und da ein bisschen länger, bis sie verstanden haben: Nix China und nix Afrika, das Ding reist mit dem Flugzeug um die Welt. Das, ungefähr, war der Zeitpunkt, als allgemein erkannt wurde, dass der Natur Diskurse gleichgültig sind und dass die Wirklichkeit für Menschen zu jeder Zeit tödlich sein kann. Trotz Tablet, Krankenversicherung, lebenslanger Pampers-Strampelhose.

Wieder besann man sich einer alten Kulturtechnik: der Quarantäne – Isolation und Distanz.

Die Begleitmusik kam unterschiedlich daher: Italien, Spanien, Frankreich – markige Minister/Präsidenten, die sich im Krieg sahen. Sogar der harmlose Olaf Scholz fuchtelte mit der Bazooka. Wir hatten das Privileg, in zentraler Entscheidungsfunktion eine promovierte Physikerin vorzufinden, die weiß, was Naturwissenschaft ist und dass der Umgang mit der Wirklichkeit nicht beliebig diskutiert werden kann. Halte dich, wenn möglich, fern, warte ab, bis du halbwegs begreifst, was geschieht – dieser Reflex kann als Schlüssel gelten, um sich eine Ausgangsposition zu verschaffen.

Am Schluss von „Independence Day“ kommt es, wie es in Hollywood kommen muss – die Menschheit ist gerettet. Der Kampf gegen das Virus hingegen beginnt: jetzt.

Es wäre viel gewonnen, wenn wir verstünden, dass wir an einem erstaunlichen Vorgang teilhaben: Trotz aller Reibung, trotz allen Gegeneinanders versucht die Menschheit, physisch recht mangelhaft ausgestattet, ihren Einfallsreichtum einzusetzen, um als Gattung möglichst schadlos gegen eine wenig erfreuliche Mikrobe zu bestehen, die urplötzlich aufgetaucht ist und sich schlagartig um die Welt verbreitet hat. Mit all ihrer Findigkeit, dem akkumulierten Wissen, der über Jahrhunderte entwickelten naturwissenschaftlichen Methodik und vor allem, indem sie die Fährnisse der Wirklichkeit akzeptiert, stellt sich die Gattung einer anderen Spezies entgegen, die bedrohlich ist.

Noch hocken wir, um im Bild zu bleiben, mit unseren versprengten Einheiten in der Quarantäne versteckter Täler rund um den Globus. Wir sollten uns daran erinnern, dass selbst die alte Kulturtechnik des Morsens zu einem koordinierten Vorgehen durchaus genutzt werden kann.

Michael Wildenhain ist Schriftsteller. Zuletzt erschien sein Roman „Das Singen der Sirenen“.