Köln - Weiter, immer weiter. Vom Schreiben und von der Öffentlichkeit hat Siegfried Lenz nie lassen können. Da mochten die körperlichen Gebrechen – Wirbelsäule, Nackenwirbel, Handschmerzen – mit dem Alter noch so sehr an Bedeutung gewinnen: Dem Wort blieb er bis zuletzt treu.

 Daher passt es nur zu gut ins Bild, das wir von dem großen deutschen Schriftsteller haben, dass just an diesem Mittwoch eine Auswahl einiger seiner Essays erscheint:  „Gelegenheit zum Staunen“. Und mehr an aktuellen Spuren sind zu finden. So wird im kommenden Monat   erstmals der Preis der  von Lenz selbst gegründeten Siegfried-Lenz-Stiftung  überreicht – an Amos Oz, den bedeutenden israelischen Autor.  Und eben erst ist  ein Band auf den Markt gekommen, in dem Lenz und Altkanzler Helmut Schmidt über Gott und die Welt reden.

Die beiden   Herren verband   vieles: eine sehr lange, in den frühen 60er Jahren entstandene  Freundschaft, zudem ihre über Jahrzehnte hinweg offensiv gepflegte Nikotin-Leidenschaft und natürlich die hanseatische Vornehmheit. Noch bis zuletzt sprachen sie sich zwar   mit Vornamen an, aber gleichwohl blieb es  bei der respektvollen Anrede: „Sigi, Sie...“

Natürlich geht es in diesem Gesprächsband  auch um die zentralen Metiers des Autors und des Politikers. „Schreiben ist, ganz schlicht, eine von mir erprobte Selbsttherapie“, sagt dort Lenz. „Wenn ich am Abend oder am nächsten Tag entdecke, dass ein oder zwei, drei Seiten – Gott geb’s! – geschrieben sind, fühle ich mich besser. Vielleicht ist das Illusion, ich weiß es nicht, aber das allgemeine Befinden bessert sich, wenn ich auf die geschriebenen Seiten blicke.“

Eine der ersten Lenz-Texte, die Schmidt, der  ältere von beiden, zu Gesicht bekommen hat, war  „So zärtlich war Suleyken“ aus dem Jahre 1955. Eine liebevoll-schelmische Reminiszenz  an  Masuren, jenes versunkene  Land, in dem sich das Örtchen Lyck befindet, in dem Lenz am 17. März 1926 zur Welt kam und das heute polnisch ist.  „Meine Heimat“, schreibt  Lenz  „lag sozusagen im Rücken der Geschichte.“ Sie habe keine berühmten Personen hervorgebracht, aber „das unscheinbare Gold der menschlichen Gesellschaft“, das habe sich dort reichlich finden lassen.

Doch Kindheit und Jugend hatten  auch ihre bitteren Seiten – es war nicht alles so wie in den Geschichten aus Suleyken.     Nach dem frühen Tod des Vaters, eines Zollbeamten,  verließen Mutter und Schwester  Lyck – und ließen Siegfried bei der Großmutter zurück. Im Weltkrieg diente Lenz in  der Marine.  Die Akten der NSDAP weisen ihn als Mitglied der Partei aus, mit dem Beitrittsdatum vom 20. April 1944, wovon Lenz nach eigenen Angaben nichts gewusst hatte.  Er desertierte  kurz vor Kriegsende nach Dänemark (was zu einer lebenslangen Verbundenheit mit dem Nachbarland führte) und geriet in britische Gefangenschaft.  Nach dem Krieg arbeitete er als Kultur-Journalist für die Tageszeitung „Die Welt“, wo er seine spätere Ehefrau Lieselotte kennenlernte, mit der er 57 Jahre lang, bis zu ihrem Tod  im Jahre 2006,  verheiratet war. Ulla wurde im Juni 2010 seine zweite Frau.

Es waren „Habichte in der Luft“   war  der erste Schritt in die Literatur als Arbeitsfeld. Die Erfahrungen mit der Diktatur, das Beharren auf  moralischen Vorstellungen   – sie sind hier gespiegelt in der Figur eines Dorflehrers in Karelien. Der will sich der  kommunistischen Doktrin nicht unterordnen und flieht – doch die Flucht, sie gelingt ihm nicht. Tödlich getroffen bleibt  er zurück. 

Wie das Vergangene fortwirkt ins Gegenwärtige, hat  Lenz immer wieder erzählt. Nicht zuletzt in seinem bekanntesten Roman, der „Deutschstunde“ (1968), die ja tatsächlich ein Fall für viele Deutschstunden und viele Lehrer-Schüler-Dialoge  wurde. „Die Freuden der Pflicht“ lautet das Thema der Strafarbeit, die Siggi Jepsen abliefern soll – doch ihm kommt nur der Fluch der Pflicht in den Sinn.  Eine unbequeme Lektüre für all jene, die  in der Bundesrepublik versicherten, in der NS-Diktatur nur  getan zu haben, was ihnen befohlen worden war.

 Lenz war  eben ein Aufklärer, der seine Sache aus Erfahrung vertrat. Das tat er nicht nur als Autor von 14 Romanen und vielen Novellen,  Erzählungs-Bänden, Theaterstücken und Essays. Sondern auch als Zeitgenosse, der sich in die Politik einmischte – damals, als es noch üblich war, dass Intellektuelle in den öffentlichen Debatten eine Rolle spielten. Da trat Lenz nicht zuletzt Seit’ an Seit’ mit Heinrich Böll und Günter Grass an, um Willy Brandts Ostpolitik zu preisen.  Mit dem Ergebnis war er zufrieden, konnte er doch  1970 die  Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages  in Warschau  persönlich erleben.  Im tiefen Bewusstsein um den Irrsinn des Krieges und die deutsche Schuld waren  Polen und Israel jene  Länder, um deren Nähe er sich besonders bemühte.   Auch die Umwelt war ihm lieb und teuer. „Die Schöpfung muss nicht im atomaren Blitz untergehen, der die Ozeane zum Kochen, die Gebirge zum Schmelzen bringt.“ heißt es in einem seiner  Essays. „Sie kann an unserer Verachtung und an unserem Egoismus zugrunde gehen.“

Gedächtnisarbeit stand für Lenz im Mittelpunkt. Diesen  Meister der Bescheidenheit zeichnete als Autor der  genaue Blick auf Individuum und Gesellschaft aus.  Stilistisch ist sein Werk  eingewoben in eine konventionelle Erzähltradition. Da ist er kein Neuerer, sondern sorgt für ein behutsames Voranschreiten. Dies mag auch ein Grund seines anhaltenden Erfolgs in der Leserschaft sein.

 Dieser Stil zeichnet nicht zuletzt den ebenfalls sehr erfolgreichen Roman „Heimatmuseum“ (1978) aus, in dem Zygmunt Rogalla zunächst alle möglichen Memorabilia aus seiner masurischen Heimat am neuen Wohnort in Norddeutschland ausstellt. Denn Weltkunde, meint der besessene Sammler, beginne mit der Heimatkunde. Oder sie endet mit ihr. Denn als Rogalla bemerkt, dass in dem Heimatmuseum die Geschichte gesäubert werden soll von dunklen Flecken,  lässt er die Sammlung in Flammen aufgehen.

Kann die Lektüre eines Buches ein Leben verändern, haben wir Siegfried Lenz einmal gefragt. Der Autor, im sonnendurchfluteten Zimmer seines Hamburger Verlags sitzend, zündete zum wiederholten Male ein Streichholz an, um seiner Pfeife Feuer zu geben. Dann sagte er ganz ohne Pathos: „Ja, ich glaube schon. Nicht in dem Sinne, dass es ein Leben glücklicher macht, auch nicht im kalkulierten Sinne, dass einer also sagt: Nächsten Dienstag werden wir handeln wie Werther oder Michael Kohlhaas, sondern auf unerwartete, stillschweigende, manchmal dem Leser gar nicht bewusste Art. So stelle ich es mir vor.“

Nicht zuletzt das melancholisch-heitere Werk des Siegfried Lenz, das selbst eine Art Heimatmuseum ist,  wäre eine gute Wahl, die Probe aufs Exempel zu machen.  Nun ist der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller, der mit Heinrich Böll und Günter Grass  die frühen Jahre der Bundesrepublik Deutschland  literarisch geprägt hat,  am Dienstag im Alter von 88 Jahren gestorben.