In diesem Augenblick trat Major Crampas an Effi heran und bat, sich nach ihrem Befinden erkundigen zu dürfen. Effi war wie mit Blut übergossen. Die wenigen Zeilen aus „Effi Briest“ eröffnen den Kosmos von Theodor Fontane: Gesellschaftliche Konvention trifft auf überbordende Emotionalität, preußische Offiziere begehren Frauen, die kindlich empfinden. Das reibt sich, ist voller Widerspruch – und nahezu immer verlieren am Ende die Frauen, so wie Effi Briest, die berühmteste von Fontanes Figuren.

Daran, dass er das für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit hält, lässt Fontane keinen Zweifel. Der Schriftsteller ist berühmt für die empathische Darstellung seiner Heldinnen. Im Fontane-Jahr entdecken die Leserinnen und Leser ihn neu und sind fasziniert, wie tief er in die Psyche der Frauen eintaucht. Vor 200 Jahren geboren scheint er Frauen besser zu verstehen als mancher Mann heute. Das macht neugierig, sich ihn als Autor und Mann näher anzugucken. War er wirklich so ein Frauenversteher, wie der erste Eindruck vermittelt?

Theodor Fontane ist hin und her gerissen

Gehen wir zurück zu Effi: Sie liebt und leidet – und stirbt am Ende klaglos im elterlichen Garten. Und nicht nur Effi fällt ins Bodenlose. Der tiefe Sturz nach hohem Flug ist ein wiederkehrendes Motiv. Corinna Schmidt wehrt sich in „Frau Jenny Treibel“ gegen ihr Schicksal, um sich dann mit dem ihr gesellschaftlich zugedachten Weg zu bescheiden. In „Irrungen, Wirrungen“ verzichtet Lene auf ihr Glück, damit ihr Geliebter, ein verarmter Baron, eine reiche Frau heiraten kann. Der Dichter scheint hin- und hergerissen dazwischen, Frauen zu ermutigen und an tiefkonservativer Konvention festzuhalten.

Wie wichtig ihm Frauen sind, schreibt Fontane in einem Vers. „Was ist aus Dichtern schon alles geworden? Hofräte, mit und ohne Orden; - Mir aber scheint der Preis auf Erden: „Von Frauenherzen verstanden zu werden“. Die Zeilen stammen vermutlich aus dem Jahr 1853. Drei Jahre zuvor hatte Fontane im Alter von 30 Jahren seine Jugendfreundin Emilie Rouanet-Kummer geheiratet und ein langes Junggesellenleben aufgegeben.

„Das war eine libertinäre Zeit – besonders für Männer“

Eines, das er für manches Abenteuer genutzt hat, wie die Schweizer Fontane-Biografin Regina Dieterle weiß. „Er erzählt einmal als 24-Jähriger, wie er eine 32-jährige Dame zu verführen versuchte“, berichtet sie. Reif, groß und dunkelhaarig gefielen ihm die Frauen. Fontane hatte Glück: Seine Zeit auf Freiersfüßen fiel in die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts. „Das war eine libertinäre Zeit – besonders für Männer“, sagt Dieterle. Die französische Revolution und die Herrschaft Napoleons hatten die Länder Europas durcheinandergerüttelt. Die romantische Epoche mit der Musik von Franz Schubert und den Gedichten von Novalis schwang nach.

Fontane hatte – trotz seiner Neigung zur Literatur – zunächst eine Apothekerausbildung angetreten und vollendete diese in Anstellungen in Berlin, Leipzig und Dresden. Überall fand er schnell Freunde: Sein Witz, seine Stegreifgedichte, seine Rollenspiele machten den gutaussehenden jungen Mann auch in höheren Kreisen beliebt. Und bei Frauen. „Die jungen Mädchen rissen die Fenster auf“, wenn Fontane in Leipzig durch die Gassen kam, schreibt eine Zeitzeugin.

Ein Draufgänger, der um seine Wirkung wusste

Und der Apothekergehilfe scheint öfters stehen geblieben zu sein. „Ein Brief Fontanes aus dem Jahr 1847 belegt, dass er – vermutlich in Dresden – zwei uneheliche Kinder hatte, für die er zahlte“, sagt Dieterle. Ein Dresdner Gericht verdonnerte Fontane zu den Alimenten. Wer die Kinder waren, wo sie geblieben sind, ist unbekannt. Fontanes Frau räumte später – mit Einverständnis ihres Mannes – die Korrespondenzen auf und vernichtete, was die Öffentlichkeit nichts anging.

Ein Draufgänger also und einer, der um seine Wirkung wusste. Ein Dresdner Freund nennt Eitelkeit Fontanes „Hauptschwäche“, wie beim Theodor-Fontane-Archiv Potsdam zu lesen ist. Dieterle sieht ihn eher als jemanden, der das Leben liebt und auskostet. Die unehelichen Kinder, glaubt sie, entsprangen keiner ernsthaften Beziehung, eher Liebeleien.

Der Dichter war empfindlich und oft kränklich

Seine Ehefrau war, so die Einschätzung der meisten Biografen, die mit Abstand wichtigste Frau in seinem Leben. Mit ihr pflegte Fontane eine fast tägliche Korrespondenz, wenn er auf Reisen oder sie bei Freunden zur Sommerfrische war. Den Briefen entnimmt man: Der Dichter war empfindlich und oft kränklich, Emilie zumeist die Tatkräftigere. Sie schrieb alle seine Manuskripte ins Reine und übte gelegentlich auch Kritik an Textstellen. „Du hast den Storm’schen Bibber nicht“, warf sie ihm einmal vor und meinte, seine geschilderten Liebesszenen vibrierten zu wenig. Sie glaubte zuweilen weniger an sein Talent als manch außenstehender Förderer. Aber sie hielt ihm den Rücken frei.

Wenn Fontane ihr auch etliche Gelegenheitsgedichte widmete, seine Muse war Emilie nicht. „Keine seiner Romanfiguren ist nach ihrem Vorbild angelegt“, sagt Dieterle, „mit Ausnahme vielleicht der lebenspraktischen Titelheldin Mathilde Möhring.“

Theodor Fontane hatte ein enges Verhältnis zu seiner Tochter

Seine Hauptinspiration in der Familie war seine Tochter Martha. 1860 kam sie zur Welt. Fontane war bereits 40 Jahre alt, verdiente seinen Lebensunterhalt als Journalist und kämpfte immer noch um Anerkennung als Literat.

Das Verhältnis zur Tochter war überaus eng. Romanfiguren wie Corinna Schmidt gestaltete er nach ihrem Vorbild. Martha reiste mit ihm und leistete ihm gerne Gesellschaft. Sie war ausgebildete Lehrerin, was in Deutschland, wo Frauen der Zugang zur Universität noch verwehrt war, der bestmöglichen Ausbildung entsprach. Dass sie intelligent und geistreich war, erkannte ihr Vater. Auch ihr Talent zur Schriftstellerin. „Martha schrieb eine Novelle, die Fontane einer modernen Frauenillustrierten anbot“, sagt Dieterle. Die Zeitschrift lehnte ab und die Tochter gab auf.

Theodor Fontane war ein guter Zuhörer

Zu Martha kamen Freundinnen ins Haus. Sie inspirierten Fontane, der seit 1876 nur als Roman-Schriftsteller arbeitete. „Manche der jungen Frauen“, sagt Dieterle, „brachten ihm Geschenke – Blumen, Honig, sie bewunderten ihn.“ Er hörte sich ihre Geschichten und Sorgen an. Aus seinen Briefen, besonders aus den Briefen an Tochter Martha, lässt sich herauslesen, dass er auch medizinische Ratschläge gab. Sein Apothekerwissen weckte Vertrauen, sich zu öffnen und mehr preiszugeben, als die Konvention vorsah.

Fontane war ein guter Zuhörer. Manche Episode mag in seine höchst aktive literarische Produktion eingeflossen sein. Zu politischen Schlussfolgerungen animierte ihn seine Empathie fürs weibliche Geschlecht nicht. Die Frauenbewegung war Fontane ein Gräuel. Den Zeitgenössinnen, die George Sand nacheiferten, warf er „Emanzipationssucht“ vor. „Hosen tragen, Zigarren rauchen, die freie Liebe postulieren – wo bleibt da die Weiblichkeit“, beschreibt Dieterle Fontanes Auffassung in den vierziger Jahren. Im Alter hatte sich dies nicht geändert. Erst die emanzipierte Melusine in seinem letzten Roman „Der Stechlin“ raucht, was der alte Dubslav von Stechlin keineswegs verurteilt.

Theodor Fontane wollte kein Happy End

Dabei waren die adeligen Frauen seiner Zeit durchaus in der Lage, auch ohne Männer ein zufriedenes Leben zu führen. Der Berliner Autor Robert Rauh hat sich auf die Spuren von Elisabeth von Ardenne begeben, die das Vorbild für Effi Briest war. Nach dem Scheitern ihrer Ehe und dem Tod ihres Liebhabers lebte von Ardenne bis zum Alter von 98 Jahren in Lindau, wo sie – „nobelig bis zu dem letzten Schnaufer“ – verstarb, wie ihre Krankenschwester berichtete. Der traurige Abgang von Effi blieb Elisabeth erspart.

Fontane wollte kein Happy End. Die Frauenfiguren könnten, so mutmaßt Biografin Dieterle, letztendlich für den Schriftsteller selbst gestanden haben. „Er war selbst äußerst sensibel und befand sich als Künstler und Schriftsteller in permanentem Konflikt mit der Gesellschaft“, sagt sie. Als Sohn eines einflusslosen Apothekers aus Brandenburg musste Fontane sich jedes Privileg, jede Unterstützung durch Verlage und öffentliche Geldgeber hart erkämpfen.

„Die Sachen von Marlitt, von Max Ring, von Brachvogel, Personen, die ich gar nicht als Schriftsteller gelten lasse, erleben nicht nur zahlreiche Auflagen, sondern werden auch wo möglich ins Vorder- und Hinter-Indische übersetzt; um mich kümmert sich keine Katze“, klagte er 1879 in einem Brief an Emilie, nachdem er mit dem Erfolg von „Grete Minde“ nicht zufrieden war.

„Wie definieren Sie die Liebe?“ – Mir zu schwer

Erst „Effi Briest“ bescherte ihm 1895 große Aufmerksamkeit. Fünf Auflagen wurden schon im ersten Jahr gedruckt – „der erste wirkliche Erfolg, den ich mit einem Roman habe“, jubelte der Schriftsteller in einem Brief. Die gescheiterte Frau brachte Fontane das, wonach er sein ganzes Leben lang gehungert hatte.

Einige Jahre zuvor, 1891, hatte der Dichter einen feuilletonistischen Fragebogen beantwortet, in dem auch sein Verhältnis zum anderen Geschlecht Thema war. „Wie definieren Sie die Liebe? – Mir zu schwer. Wie definieren Sie die Frau? – Noch schwerer“, antwortete er, wie Dieterle zitiert. Acht Jahre später, am 20. September 1898, hörte Fontanes Herz auf zu schlagen. Tochter Martha war im Nebenzimmer.

Regina Dieterle: Theodor Fontane. Biografie. Carl Hanser, 34 Euro

Robert Rauh: Fontanes Frauen. Fünf Orte – fünf Schicksale – fünf Geschichten. be.bra verlag, 22 Euro.