Erholungssuchende dieser Tage  im Domino-Park von Brooklyn, New York.
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BerlinDie Weichheit einer saftigen Birne, das knackig Feste eines säuerlichen Apfels … Ich vergleiche beide so gerne und bilde mir ein, dass das geht. To compare apples with oranges, will man es englisch. Ziemliche Mühe wandte ich auf, im letzten halben Jahr mein Englisch aufzufrischen. Im Juli sollte es für drei Monate nach Los Angeles gehen, in die Villa Aurora. Daraus wird nun nichts. Sars-CoV-2 sei's gedankt? Ich bin nicht sicher. Ich freue mich aber, dass der Villa Aurora & Thomas Mann House e.V. meinen Aufenthalt in den USA um genau zwölf Monate verschoben hat. Natürlich würde ich mich im kommenden Jahr impfen lassen, wenn es denn einen Impfstoff gibt. Sonst würde man mich womöglich gar nicht einreisen lassen.

Trotzdem finde ich es in der gegenwärtigen Situation geradezu albern, alle Hoffnungen auf einen Impfstoff zu fokussieren. Ein Virus verändert sich, ohne diese Fähigkeit hätte dieses, das uns nun in Schach hält, gar nicht entstehen können. Es wird beileibe nicht das letzte Virus sein, das uns zu schaffen macht. Und: Es ist kein Killervirus. Das sagte zum Beispiel der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel am 8. Mai auf einer Pressekonferenz des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg. Bis zum 7. Juni ist sie in der NDR-Mediathek abrufbar.

Püschel konnte sich offenbar mit zwei Dingen nicht abfinden: Zum einen nicht mit der Tatsache, dass eine mit Corona infizierte gestorbene Person unabdingbar als Opfer der Krankheit angesehen wird, und zum zweiten nicht mit der absurden Empfehlung des Robert-Koch-Instituts, das Obduzieren dieser Leichen zu unterlassen. Die Ergebnisse seiner Obduktionen sprechen eine deutliche Sprache: Das Durchschnittsalter der untersuchten Toten liegt bei 80 Jahren, und etwa 80% von ihnen litt unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Ich möchte niemandem das Recht absprechen, auch im hohen Alter die bestmögliche medizinische Behandlung zu erhalten. Jedoch ist die - hoffentlich für alle begreifbare - Wahrscheinlichkeit, in einem Alter von etwa 80 Jahren zu sterben, für jeden, der es erreichte, ungleich höher als für einen, sagen wir, 40-Jährigen. Auch die Zahl der Vorerkrankungen nimmt mit steigendem Lebensalter naturgemäß zu, wir sind irgendwann altersschwache Lebewesen, um nicht zu sagen, Tiere. Wäre das nicht so, gäbe es keinen Tod, der uns alle irgendwann erreicht.

Dass dieser Zeitpunkt in unseren Breiten, unter unseren Bedingungen, später eintritt als in anderen Teilen der Welt, in Afrika, Vorderasien oder Südamerika zum Beispiel, „verdankt“ sich, ich muss es so sagen, zu großen Teilen der Tatsache, dass wir mächtig genug sind, unsere Ressourcen dort gelegenen Ländern zu entziehen. Zum einfachen Beispiel kleiden wir uns gern und gut und immer wieder um. Bevorzugen, ökologisch korrekt?, Baumwolle.

Nun kann man den Syrienkrieg unter anderem auch als Folge einer ökologischen Krise betrachten: Schon von 2006 bis 2010 herrschte dort eine Dürre, die das Land in den Ruin zu treiben drohte. Das Assad-Regime förderte zudem den Anbau exportfähiger Baumwolle. Baumwolle braucht sehr viel Wasser, was die Bauern dazu brachte, unerlaubterweise Brunnen zu bohren. Der Grundwasserspiegel sank. Ein Bevölkerungswachstum von 4 auf 20 Millionen innerhalb von nur 60 Jahren tat ein Übriges, die Lage in der Landwirtschaft zu verschärfen.

Eine Steigerung der Getreidepreise um mehr als ein Viertel führte dazu, dass immer mehr Menschen nicht genug Lebensmittel kaufen konnten, die Mangelernährung, besonders unter Kindern nahm zu. Aufgrund der durch die Dürre sinkenden Agrarproduktion flohen viele bäuerliche Familien in die Städte, wo sie in der Konkurrenz um Jobs, Nahrung, Wohnung kaum eine Chance hatten. Die Proteste gegen das Regime waren eine Folge. Wir hätten das so sehen können, wenn wir es gewollt hätten. Der Blick reicht aber - insbesondere, wenn auch hierzulande der Verteilungskampf zunimmt, die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht - nicht über den Tellerrand. Es hängt eben alles mit allem zusammen in unserer globalisierten Welt.

Ein weiterer Punkt, wenn wir uns ein wenig erheben und von weiter oben auf die Problematik schauen, ist die Tatsache, dass nicht zuletzt die Pharmaindustrie ihren Anteil daran hat, dass wir alt werden können. Gut situierte Rentner sind eine wichtige Klientel, denn es gibt in den Industrieländern eine große Zahl von ihnen. Kleinere Gruppen, betroffen von nicht so häufigen Krankheitsbildern wie denen der Alterserscheinungen, bleiben hingegen oft außen vor.

Symptomatisch hierfür ist zum Beispiel der am 13. Mai in dieser Zeitung erwähnte Hilfeaufruf des Historikers und Autors Ilko-Sascha Kowalczuk. In einem offenen Brief fordert er die Politik auf, sich stark zu machen für immerhin eine Viertelmillion in der Bundesrepublik an Myalgischer Enzephalopathie/Chronic Fatigue Syndrom Erkrankter. Obwohl die WHO die Krankheit bereits vor über 50 Jahren als Schwererkrankung anerkannte, gibt es bis heute weder klare Diagnose noch zielführende Therapie. Forschung hierzu findet weltweit nur vereinzelt statt - und wenn, dann meist gefördert durch private Stiftungen. Kowalczuk, selbst betroffen, fordert vom Bundesgesundheitsminister die Bereitstellung entsprechender Forschungsmittel. Die Pharmaindustrie wird nicht von selbst das Pferd satteln, um in den Kampf zu ziehen. Allein der in Aussicht stehende Gewinn könnte sie dazu veranlassen, wie die Überalterung unserer Gesellschaft sie dazu brachte, sich der Alten anzunehmen.

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Die Autorin

Kathrin Schmidt hat Psychologie studiert, zunächst als Kinderpsychologin und als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berliner Institut für Vergleichende Sozialforschung gearbeitet, bevor sie 1994 freie Schriftstellerin wurde. Seit 1982 veröffentlicht sie Lyrik, 1998 erschien ihr erster Roman. 2009 erhielt sie den Deutschen Buchpreis für „Du stirbst nicht“. Zuletzt erschien ihr Roman „Kapoks Schwestern“.

Es stört mich, wenn mir vorgemacht wird, ich müsse Angst haben. Vor einem Virus. Die viel zu lange von den Grundlagen jeder ernstzunehmenden Statistik abstrahierende Präsentation von Zahlen in den täglichen Nachrichtensendungen entbehrt der Verlässlichkeit, weil es einen Überblick über insgesamt Getestete, tatsächlich Infizierte wie an oder wegen Corona Verstorbene im Grunde nicht gibt. Setzt man die vorhandenen, ohnehin wenig validen Zahlen zur Gesamtbevölkerung ins Verhältnis, etwas anderes bleibt ja kaum übrig, ergibt sich am 18. Mai folgendes Bild:

In den USA beträgt der Anteil der erfassten Infizierten an der Gesamtbevölkerung am heutigen Morgen 0,46%, der Anteil der vermeintlich daran Gestorbenen 0,027%. Für Großbritannien betragen diese Zahlen 0,37 bzw. 0,052%, für Schweden 0,29 bzw. 0,035%, für Spanien 0,49 bzw. 0,058%, für Italien 0,37 bzw. 0,053%, für die Bundesrepublik 0,21 bzw. 0,0097%. Einzurechnen in die Todesfallzahlen wäre natürlich nun noch die Altersverteilung. Aber auch ohne das, finde ich, sieht die Lage anders aus als die abstrakte, ansteigende Zahl der Infizierten verheißt. Sie kann ja auch nur zu-, nicht abnehmen.

Erst in den letzten Tagen ging man im öffentlich-rechtlichen Rundfunk dazu über, zunächst ein Diagramm einzublenden, das deren tägliche Abnahme präsentiert. Es ist davon auszugehen, dass in allen genannten Ländern der Anteil der tatsächlich mit Corona Infizierten weit höher liegt als der durch Tests bestätigte. Und man vergleicht Äpfel mit Birnen auf eine Weise, die eben nicht geht, wenn man die Zahl der Todesfälle nicht bei jeder Darstellung nach Alter und Vorerkrankungen aufschlüsselt, sondern per se als repräsentativ verkauft. Wenn das so schnell nicht zu berechnen ist, könnte es zumindest als Vorbehalt mitgeteilt werden. In der Bundesrepublik sterben täglich, ohne Corona, etwa 2570 Menschen, mehr als 70% von ihnen sind älter als 75 Jahre.

Als ich im März  vor zwei Jahren 60 wurde, veranstaltete ich eine für meine Verhältnisse ziemlich große Feier. Vielleicht war ich sogar froh, dass etwa 25% der Eingeladenen kurzfristig absagen mussten, denn der gemietete Raum war auch ohne sie sehr voll. Sie lagen flach. Es war das Jahr der letzten großen Grippewelle. Damals sollen, nach Schätzungen des RKI!, trotz Impfstoff in Deutschland 25.100 Menschen an den Folge der Grippeerkrankung gestorben sein. (Da muss das jetzige Virus noch ganz schön rackern.) Soweit ich weiß, gab es nirgends einen geschlossenen Kindergarten. Nirgends einen Lockdown.

Als der jetzige uns beehrte, hoffte ich heimlich, er könne einiges verändern. Die Autoindustrie krachen gehen lassen zum Beispiel. Die Einfuhr von chinesischem Billigunsinn stoppen. Wenn die Luft sich erholt, würde der nächste Urlaub vielleicht wirklich nicht mehr Übersee oder Malle zum Ziel haben, weil die Erfahrung ungewohnt freien Einatmens die Menschen innehalten lässt. Das ist passé. Vielmehr denke ich jetzt, und nehme die Regierenden damit auch noch in Schutz!, der gegenwärtige Zustand verdankt sich nicht der Wissenschaft, sondern dem Glauben an Wissenschaft. Die ist aber unter unseren Augen eine geworden, die sich um jeden Preis Geld beschaffen muss. Die Kleider des Kaisers sind nicht neu.