Es wird viel mehr getestet als vor einem Vierteljahr: Hier erhält ein Abstrich für einen Coronavirus-Test seinen Strichcode. 
Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild

Am 20. Mai veröffentlichte die Berliner Zeitung einen Beitrag von mir, in dem ich mich, erstaunt über die mediale Zurichtung der Zahlen zur Corona-Pandemie, kritisch zu selbiger zu äußern versuchte. Zeit ist seither vergangen, in der ich mich tiefer und tiefer in die Materie eingearbeitet habe, und inzwischen bin ich nicht mehr erstaunt, sondern fassungslos darüber, was der Spaltpilz Corona mit unserer Gesellschaft anzurichten vermochte. Mit einer Gesellschaft, deren Grundgesetz ich hoch achtete und mich froh machte, ihm und nicht mehr der Gesetzlichkeit der DDR zu unterliegen.

Aber ist wirklich Corona der Spaltpilz, der Gräben gerissen hat, die wir uns alle vor einem Dreivierteljahr nicht vorzustellen vermochten? Ich gebe die Antwort auf diese eigentlich rhetorische Frage vorab: Nein. Und Gräben gab es schon lange vorher, nur traten sie weniger Menschen als heute so deutlich zutage.

Nun glaube ich in allerletzter Zeit zu bemerken, dass sich „etwas tut“. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlichte in ihrer ersten Oktoberausgabe ein Streitgespräch zwischen Kritikern der sogenannten Corona-Maßnahmen und dem Berliner Innensenator Andreas Geisel, dem ich es anrechne, sich diesem Gespräch überhaupt gestellt zu haben. Selbstverständlich wurde man sich im Verlaufe in keiner Weise einig. Das Feigenblattgefühl stellte sich umgehend ein, weil während des Gespräches deutlich suggeriert wurde, wer recht hat. Kein Meilenstein, der einen Anfang setzt auf dem Weg aus einer verfahrenen Kommunikationssituation, sondern eher ein Kieselchen, das den einen Hoffnung geben kann, anderen aber als Beweis dienen wird: Es nützt nichts.

Dann aber sendete die Deutsche Welle, immerhin Mitglied der ARD, jüngst ein Gespräch zwischen dem emeritierten Professor Sucharit Bhakdi, der an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz das Institut für medizinische Mikrobiologie und Hygiene leitete, derzeit eine Gastprofessur in Kiel innehat und gemeinsam mit seiner Frau, Karina Reiss, als Autor des Bestsellers „Corona – Fehlalarm?“ hervorgetreten ist, und Ulrich Mansmann, Direktor des Instituts für medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie an der LMU München. Das Gespräch wurde als eines der Auseinandersetzung angekündigt. Umso erstaunter war ich, dass Mansmann in durchaus wesentlichen Fragen Sucharit Bhakdi zustimmte. Andere blieben offen, was selbstverständlich im wissenschaftlichen Diskurs sein sollte.

Meines Wissens war es das erste weder lächerlich machende, vorab korrigierende noch von leider fragwürdigen Faktencheckern diskreditierte Auftreten des seriösen, bescheidenen, stillen, in der Entwicklung seit März des Jahres manchmal Verzweiflung nicht verbergen könnenden Bhakdi im öffentlich-rechtlichen Rundfunk seit Beginn der „Pandemie“. Als sei nun doch ein Stein(chen) ins Rollen gekommen, zog die ARD kurz darauf mit einem „ARD-extra“ nach, in dem die berühmten Zahlen erfreulicherweise in ihre Verhältnisse zurückbeordert wurden. Das ZDF wartete in einer „heute“-Sendung mit einem Beitrag auf, der die Sterblichkeit in Deutschland analysierte, und der WDR  brachte mit seinem Format „Ihre Meinung“ gar eine anderthalbstündige Diskussionssendung aus Lindlar, die sehr gegensätzliche Auffassungen offenbarte. Zum Beispiel jene eines Verfassungsrechtlers von der Uni Münster, der die Verfassungskonformität des Lockdowns im Frühjahr negierte.

Das Coronavirus ist ein saisonales Virus

Unterdessen wurde die 4000er-Marke der sogenannten Neuinfektionen geknackt. Damit war zu rechnen gewesen. Das Coronavirus ist, wie andere Viren auch, ein saisonales Virus, und wer sein Nichtauftreten im Sommer allein auf die disziplinierte Einhaltung nicht evidenzbasierter Maßnahmen wie Masketragen zurückführt, verschließt die Augen nicht zuletzt vor der Wissenschaft, die er damit, eben in der Abwesenheit von Evidenz!, zum bloßen Vorwand für diese Maßnahmen degradiert. Es ist nicht nur die Tatsache, dass, wer sucht, auch mehr findet, die die Darstellung von Absolutzahlen in den Nachrichtensendungen obsolet macht.

Eine Pandemie im Wortsinne bemisst sich nach meinem Dafürhalten, freilich nicht nach den Richtlinien der WHO, an einem großen Anteil von schweren Krankheitsverläufen und erhöhten Todeszahlen unter den Erkrankten. Davon kann aber heute keine Rede sein, und zwar weder in Deutschland noch in anderen Staaten, deren diesbezügliche Kurven sich auffallend gleichen. In Deutschland sterben täglich ca. 2500 vorwiegend alte Menschen. Darunter im Moment 10–20 an oder mit Covid-19, das damit gegenwärtig zu einer der seltensten Todesursachen gezählt werden muss.

Eine Pandemie im Wortsinne bemisst sich nach meinem Dafürhalten, freilich nicht nach den Richtlinien der WHO, an einem großen Anteil von schweren Krankheitsverläufen und erhöhten Todeszahlen unter den Erkrankten. Davon kann aber heute keine Rede sein.

Kathrin Schmidt

Der erste Pandemie-Plan der WHO wurde 1999 aufgestellt, zwei Jahre nach der Vogelgrippe von 1997. Natürlich braucht die WHO Experten, auf die sie sich bei ihren Entscheidungen stützen kann. Unter diesen Experten befand sich die European Scientific Working Group on Influenza, ESWI, ein maßgeblich von Roche und anderen Grippemittelherstellern finanzierter Zusammenschluss, der sich durchaus als Lobbygruppe gegenüber Regierungen versteht, ihnen die Sicherheit und Wirksamkeit antiviraler Medikamente zu vermitteln, ihnen die Impfstoffforschung nahezulegen und sie zu einer gewissen Vorratslagerung von Medikamenten und Impfstoffen für Pandemien zu veranlassen. Weiterhin waren Koautoren einer von Roche finanzierten TAMIFLU-Studie beteiligt.

Diese Studie wurde im Fortgang von der WHO auch gleich noch in einer Kronzeugenfunktion herangezogen. Unmittelbar vor Ausrufung der Schweinegrippen-Pandemie, im April 2009, ließ die WHO einen Passus unter den Tisch fallen, in dem es hieß, dass eine Pandemie mit einer enormen Zahl von Erkrankungs- und Todesfällen einherzugehen habe. Selbst wenn man nicht so weit geht, der WHO diese Veränderung auf direkten Druck der Pharmalobby anzulasten, so bleibt unzweifelhaft bestehen, dass sie von den Interessenskonflikten vieler ihrer Experten und Expertengruppen wusste und diese nicht kommunizierte.

Die Schriftstellerin Kathrin Schmidt.
Foto:
Sebastian Wells/OSTKREUZ

Und selbstverständlich profitiert nun auch die IT- und Pharmabranche überproportional von der Krise. Wenn die Berliner Zeitung am 8. 10. unter der Überschrift „Ultrareiche trotz Corona noch reicher“ schreibt, das Vermögen der mehr als 2000 Dollarmilliardäre weltweit habe sich bis Ende Juli auf einen Rekordwert von 10,2 Billionen Dollar vergrößert, und es weiter heißt, „Covid-19 beschleunigt nun überdurchschnittlich das Vermögenswachstum in den innovationsgetriebenen Bereichen wie dem Technologie- oder Gesundheitssektor und sorgt damit für eine Verschiebung des Vermögens“, so muss die Überschrift des Beitrages eigentlich lauten, „Ultrareiche wegen Corona noch reicher“.

Reich werden auch die Hersteller von PCR-Massentests, deren Aussagekraft bei Symptomlosigkeit mehr als fraglich ist. In einem Gespräch mit der „Wirtschaftswoche“ vom 16.5.2014 wurde Christian Drosten befragt, wie er sich eine in der saudi-arabischen Stadt Dschidda plötzlich explodierende Fallzahl an MERS-CoV-Erkrankten erkläre. Er antwortete, dass in Saudi-Arabien eben im Moment am intensivsten getestet werde, mit einem PCR-Test. Auf die Bemerkung des Interviewers, dass das doch modern und zeitgemäß sei, sagte er: „Ja, aber die Methode ist so empfindlich, dass sie ein einzelnes Erbmolekül dieses Virus nachweisen kann. Wenn ein solcher Erreger zum Beispiel bei einer Krankenschwester mal eben einen Tag lang über die Nasenschleimhaut huscht, ohne dass sie erkrankt oder sonst irgend etwas davon bemerkt, dann ist sie plötzlich ein Mers-Fall. Wo zuvor Todkranke gemeldet wurden, sind nun plötzlich milde Fälle und Menschen, die eigentlich kerngesund sind, in der Meldestatistik enthalten. Auch so ließe sich die Explosion der Fallzahlen in Saudi-Arabien erklären. Dazu kommt, dass die Medien vor Ort die Sache unglaublich hochgekocht haben.“

Genau das, was Drosten hier sagt, halten ihm heute seine Kritiker entgegen.

Die Zahl positiver Tests wird weiter ansteigen, nachdem sie die Sommermonate über konstant im Grundrauschen der Falsch-Positiven-Rate dahindümpelte, weil das Virus derzeit die neue Saison einläutet und diese Rate verlassen wird.

Gesellschaftliche Gräben

Um aber an meinen Artikel vom Mai anzuknüpfen: Dieses Virus ist kein Killervirus. Es kann jedoch insbesondere alte Menschen und solche mit Vorerkrankungen empfindlich treffen und töten. Das können aber andere Erreger auch, es liegt in ihrer und unserer Natur. Wenn wir alle Aufmerksamkeit auf Sars-CoV-2 konzentrieren, eines unter vielen, die uns von allem Anfang an begleiten und unausrottbar sind, vergessen wir beispielsweise, dass wichtige Impfkampagnen wie die in Afrika gegen Masern, Poliomyelitis, Tuberkulose oder auch die Malaria-Prophylaxe derzeit stocken, gar auf Eis liegen, weil Lieferketten und Personalkapazitäten, coronabedingt, nicht mehr da sind. Ich halte das angesichts der jährlichen Todeszahlen durch diese Krankheiten, auch unter Kindern und jungen Menschen!, für nicht hinnehmbar und möchte zum Beispiel dagegen aufbegehren. Wie kann ich das tun angesichts der gesellschaftlichen Gräben, die durch die Corona-Maßnahmen umso sichtbarer wurden?

Es zeichnete sich in den letzten Jahren bereits sehr deutlich ab, dass die Debattenkultur auch hierzulande schweren Schaden nimmt, wenn sie zu einer Art Gesinnungsbeweiskultur verkommt. Ich vermisse auch Intellektuelle unter jenen, die sich dem nicht beugen wollen. Dabei weiß ich durchaus, wovon ich spreche: Zum Beispiel würde auch ich nicht wagen, meine derzeitige, nicht gerade einfache Hypothese der Überrumpelung oder Inhaftnahme von Regierungen weltweit durch überwachungskapitalistische und pharmaindustrielle Interessenverbände, die sich dem Aus des kapitalistischen Finanzsystems im Februar/März 2020 gegenübersahen und denen ein plötzlich auftauchendes Virus gerade recht kam, überall frank und frei und detailliert zu äußern, weil ich mich gesinnungsdiktatorischen Angriffen nicht gewachsen fühle.

Gesinnungsgräben stehen letztlich jedem wissenschaftlichen Diskurs im Wege. Aber auch ein einfacher Austausch von Argumenten funktioniert im Moment nicht. Eine meiner Grundannahmen, aus meiner Berufszeit als Psychologin herrührend, ist jene, dass jedwede Handlung eines Menschen, sei er nun Politiker oder Bürger, einfachen menschlichen Bedürfnissen folgt. Die sind oft nicht leicht auszumachen, es braucht Empathie und Urteilsfreiheit im eigentlichen Sinne, sie aufzuspüren. Solche einfachen Bedürfnisse sind jene nach Nahrung, Liebe, Anerkennung, Ruhe oder auch das Bedürfnis, keine Angst haben zu müssen. Aus Letzteren ließe sich übrigens sowohl das Verhalten der Maßnahmen-Befürworter als auch das der erbitterten Gegner relativ schlüssig erklären.