Schriftstellerin Ulrike Draesner: Mit anderen Augen

Es gibt drei Berufe, die nützlich sind, weil man sie auch im Krieg brauchen kann: Ärzte, Bäcker und Juristen. Das haben ihr die Eltern mitgegeben, sagt Ulrike Draesner. Im Krieg? Sie wurde 1962 in München geboren. Doch während sie aufwuchs, spürte sie ein fernes Echo des Krieges, ohne dass ihr damals der Grund bewusst war: Sie sprach nicht Bayrisch, sie war nicht katholisch; ihr Vater war als Flüchtling aus Schlesien gekommen.

Ulrike Draesner wählte keinen der nützlichen Berufe. Sie wurde Schriftstellerin. In ihrem Roman „Mitgift“ (2002 erschienen) gibt es eine Kunstmanagerin, in „Spiele“ (2005) eine Fotojournalistin, in „Vorliebe“ (2010) eine Astrophysikerin. In ihrem jüngstem Buch, „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“, sind die zentralen Figuren Affenforscher, Vater wie Tochter.

Wie findet sie die Berufe für ihre Helden? Warum schickt sie den 83-jährigen Eustachius und seine 48-jährige Tochter Simone zu Affen? „Er ist nach meinem Vater erfunden“, sagt Ulrike Draesner beim Treffen in Berlin, „und sein Beruf hatte mit Flucht und Vertreibung zu tun. Er ist Architekt. Er möchte mit Grund und Boden verwurzelt sein.“ Doch zu nah am eigenen Vater sollte der Alte im Roman nicht sein, also gab sie ihm eine andere Statur, anderen Humor – und einen anderen Beruf.

Unmöglich viel Recherchearbeit

Als sie über die Kriegskinder las, fand sie, dass viele in den medizinischen Bereich gingen. „So etwas dachte ich mir auch für Eustachius.“ Doch da er auf der Flucht mit Mutter und Bruder aus Breslau erlebt hatte, wie aggressiv Menschen gegenüber Menschen sein können, wendet er sich noch im Studium dem Tier zu. Er wählt das uns am engste verwandte. Und die Tochter? „In ihrer Beschäftigung mit den Affen kann sie dem Vater begegnen. Es ist dieses Fremdsprechen. Da können sie etwas teilen und zusammen sein.“ Denn „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ ist auch ein Generationenroman; es geht um „transgenerationelle Traumatisierung.“

Also recherchierte sie über das Fortwirken von Prägungen, über das Weitertragen von Erinnerungen, Schuldgefühlen, Hoffnungen. Sie traf sich mit dem Neurophysiologen Wolf Singer in Frankfurt am Main, der zum freien Willen auch an Affen forscht. Ein paar Mal sei sie zu ihm gefahren, erzählt Draesner, habe ihn ausgefragt. „Meine seltsamen Fragen“, murmelt sie. Ja, sie müsse nachhaken, in verschiedene Richtungen, über die Grenzen des jeweiligen Fachs. Für den Roman „Mitgift“ suchte sie einen Psychotherapeuten auf, um die intersexuelle Figur zu verstehen. Für „Vorliebe“ sah sie sich am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching um.

Der Beruf ihrer Helden gibt ihren Romanen einen besonderen Dreh, verankert sie in einer Gegenwart. Draesner schreibt über Menschen in ihrer emotionalen und psychischen Dimension. Mit der Arbeit weist sie ihnen einen Platz in der Gesellschaft zu.

Die Kunstmanagerin beschäftigt sich mit Abbildern, hat aber mit ihrem eigenen Körperbild Probleme, wird magersüchtig. Die Fotojournalistin rekonstruiert die Wahrnehmung des Attentats bei den Olympischen Spielen in München 1972. Die Astrophysikerin meldet sich für eine Reise ins All und trifft ihre Jugendliebe wieder, einen Pfarrer, mit anderen Ansichten vom Himmel. Und wenn dann wie in „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ Affenforscher aus zwei Generationen auftreten, knüpfen sich an sie wissenschaftsethische Fragen: Simone erlebte als Kind, wie Tierschützer gegen ihren Vater protestierten. Der erforscht nun die Kommunikation zwischen Mensch und Affe auch privat. Sie interessiert sich für das Hirn, arbeitet auf einem sich mit dramatischer Geschwindigkeit entwickelndem Gebiet.

Die Welt durch immer wieder andere Brillen sehen

Ulrike Draesner erzählt lebhaft von ihren Recherchen: „Ich spalte mich dann auf: Da gibt es die Person Ulrike, die sich für das Thema interessiert und viel aufnimmt. Der andere Teil ist die Romanschreibern Ulrike, die ganz viel davon nicht gebrauchen kann.“ Also lässt sie das Material erst einmal liegen. Oft arbeitet sie dann an einem Essay oder sie schreibt Gedichte. Sie wartet, bis sie frei mit dem Wissen umgehen kann. „Zum Glück prägen sich Vergessenskapazitäten mit zunehmendem Alter aus“, sagt sie lächelnd, „da findet eine Sortierung statt.“

Neugier treibt sie an, in viele Richtungen. Wenn man sich ihren Weg in die Literatur ansieht, fallen die Studienfächer – Recht, Anglistik, Germanistik, Philosophie – und Orte auf: München, Salamanca, Oxford. 1992 promovierte sie über Wolframs von Eschenbach „Parzival“. Drei Jahre später kündigte sie an der Uni, seit 1996 lebt sie in Berlin. In ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg erzählt sie zwischendurch, wie das Haus gebaut ist, zeigt auf die Wände und erklärt die Wärmedämmung. Da muss jetzt endlich gefragt werden: „Sind Sie eigentlich hochbegabt?“ „Jaja“, sagt sie, als wäre das peinlich. Das Stipendium der Stiftung Maximilianeum, das sie als eine der ersten Frauen überhaupt in Anspruch nehmen konnte, öffnete ihr alle Türen in die Räume des Wissens. Das nahm ihr die sonst mit dem Abitur verbundene Last, sich schnell für einen Weg zu entscheiden. Durch das Schreiben kann sie heute überall sein.

„Es ist toll“, sagt Draesner, „die Welt immer wieder durch eine andere Brille zu sehen, durch eine grüne Brille, eine rosa Brille, eine Affenforscherbrille oder die Physikerbrille.“ Die Bilder zusammenzusetzen, aus dem eigenen Blick und dem der Figuren oder auch dem der Figuren auf andere – wie von der Tochter Affenforscherin über den Psychologen auf ihren Vater Affenforscher, das sei es, was sie so fasziniere: „Da packt es mich, da lebt die Literatur mit, das kann die Literatur am besten.“