Wenn sie verrät, über wie viele Schuhe sie verfügt, dann dürfte Liza Snook sich des Respekts der meisten Frauen auf Erden gewiss sein: Es sind 2500 Paar. Allerdings besitzt sie sie nicht alle im wahren Leben. Die niederländische Grafikdesignerin – Jahrgang 1965, Schuhgröße 40 – ist Direktorin und Gründerin eines Museums im Internet, in dem sie Abbildungen hinreißend künstlerischer, wahnwitziger und mitunter völlig untragbarer Modelle versammelt: Sandalen mit Bürstensohlen für den Frühjahrsputz, Pumps, die aus einem Miniatur-Frauenkörper in Peepshow-Verrenkung bestehen, mit Vogelfutter besetzte Slipper, Plateausohlen aus Elefantendung, Absätze mit Fangzähnen, Stiefeletten aus Pferdehufen.

Daraus ist nun eine reale Ausstellung im Leipziger Grassi-Museum geworden. Pumpswetter herrscht dort nicht gerade, deswegen erscheint Liza Snook zur Vorbesichtigung in Adidas-Basketballstiefeln. Aber natürlich nicht in irgendwelchen, sondern in einem Modell aus knallblauem Satin, bestickt mit Rosen, bestückt mit Flügelchen und entworfen vom Modedesigner Jeremy Scott zu Ehren des chinesischen Neujahrsfestes. Limitiert und gerade erst gekauft, sagt sie mit diesem gewissen Glitzern in den Augen.

Wie viele Paar Schuhe besitzen Sie selbst eigentlich?

Wenn wir von den Schuhen ausgehen, die mir tatsächlich passen, dann sind es um die 150 Paar, von Sneakers bis hin zu extremen High Heels.

Und die tragen Sie auch alle?

Manche sind einfach zu schön, um sie anzuziehen, manche sind zu empfindlich, da habe ich Angst, sie zu beschädigen. Es kommt auch auf das Wetter an; ich habe einige handbemalte Exemplare, die kann man bei Regen nicht tragen, dann ziehe ich Gummistiefel mit hohen Absätzen vor.

Wie alt waren Sie, als Sie das erste Mal ein Paar Schuhe ganz unbedingt haben wollten?

Als ich drei Jahre alt war, hatte meine Mutter ganz hohe aus schwarzem und goldenem Leder … Und als ich so sechs, sieben war, da schenkte meine Großmutter mir ein Paar in Violett, auch schon mit Absätzen, aber das musste ein Geheimnis bleiben. Ich und die Schuhe, das ist also bereits eine lange Geschichte.

Wann wurde die Geschichte denn museumsreif?

Mit dem Sammeln habe ich begonnen, als ich 25 war, es ging los mit Postkarten aus dem Londoner Victoria & Albert Museum, dann habe ich Bücher gekauft, bin gereist, habe Schuhe gekauft, von Sandalen buddhistischer Mönche bis hin zu Barbie-Schühchen aus Mexiko. Und nachdem ich ihm ewig in den Ohren gelegen hatte, wie mühselig es sei, alles immer aus Kartons zu nehmen, um es den Leuten zu zeigen, da sagte mein Lebensgefährte im Jahr 2004: Ich baue dir ein Museum – im Internet!

Manche Designer stellen sich ganz schön an

Wie viele Schuhe gibt es in Ihrem Museum?

2500 Paar ungefähr, aber in meinem Rechner gibt es noch mal genauso viele, die nur darauf warten, online gestellt zu werden. Ich mache allerdings alles selbst, die Bildbearbeitungen, die Beschreibungen, die Übersetzungen, deswegen dauert es.

Was sagen die Designer, wenn Sie um Fotos für Ihr Museum bitten? Manche stellen sich ja ganz schön an mit einer Bildfreigabe.

Manche sind auch nicht drin. Aber die meisten Bilder, die ich zeige, sind ohnehin schon auf den Homepages der Designer erschienen. Und wenn sie in meinem Museum auftauchen, bekommen sie mitunter mehr Aufmerksamkeit als auf ihrer Homepage. Mittlerweile wollen eigentlich alle gerne rein.

Von Christian Louboutin, der seine High Heels durch rote Sohlen berühmt gemacht hat, gibt es kein einziges Paar bei Ihnen.

Nein, denn es dreht sich bei mir nicht unbedingt um die Popularität oder um die teuersten Paare. Mit geht es um die künstlerischen Schuhe, um solche, bei denen man überlegen muss, ob das überhaupt noch ein Schuh ist. Ich wünschte, sowas würde von Leuten mit Geld und Einfluss auch mal auf Galas oder bei den Oscars getragen, damit junge Designer mehr Aufmerksamkeit bekommen. Aber das traut sich wohl nur Björk. Vielleicht geht in den Niederlanden ja bei Prinzessin Máxima künftig noch was.

Sind Frauen eigentlich überall auf der Welt so wild auf Schuhe wie hierzulande?

Es gibt auch Männer, die sich beschweren, dass es keine ausreichende Schuhauswahl für sie gibt. Kobi Levi macht tolle Herrenschuhe, beispielsweise mit einem Haigebiss darauf … Aber es stimmt schon, Frauen sind eigentlich überall verrückt nach Schuhen. Vielleicht, weil man damit ein billiges Outfit komplett verwandeln kann. Ein simples Kleid wird von einem Paar hoher goldener Schuhe so richtig rausgerissen. Umgekehrt funktioniert es allerdings nicht. Man sieht es Schuhen immer an, wenn sie billig gemacht sind.

Ich habe noch eine andere Theorie, warum Frauen es so sehr lieben, Schuhe zu kaufen: Weil sie sich dabei keine Gedanken darüber machen müssen, ob sie schon wieder eine Konfektionsgröße zugenommen haben. In der Regel bleibt die Schuhgröße dieselbe.

Stimmt! Und das Gute ist: Wenn man viele hat, dann bleiben sie einem auch lange erhalten. Ich habe einige Paare, die ich schon vor 20 Jahren gekauft habe.

Schuhmode: Noch höher hinaus

Wohin entwickelt sich denn momentan die Schuhmode? Noch höher hinaus?

Viele Modelle sind sehr architektonisch. Es gibt tatsächlich momentan einige Architekten, die Schuhe entwerfen, Zaha Hadid etwa oder Julian Hakes. Sie kennen sich aus mit Konstruktion, daraus entstehen interessante Silhouetten, solche, die die Form des Fußes überwinden. Manchmal sind die Reaktionen darauf jedoch ziemlich humorlos.

Was ist mit der Rückkehr der flachen Sohlen, wie es derzeit die Magazine propagieren?

Es gibt tolle flache Schuhe, doch im Moment tragen trotzdem alle weiterhin hohe Absätze. Selbst Schuhe bei Ketten wie H & M scheinen von Lady Gagas gigantischen Absätzen inspiriert zu sein. Ballerinas sind allerdings toll zum Einwechseln, wenn man eine ganze Nacht getanzt hat.

Interview: Carmen Böker