Wandmosaik von Walter Womacka am Haus des Lehrers in Berlin.
Foto: Imago Images/Enters

BerlinEs gibt Lektionen, die prägen einen für das Leben, indem sie Wunden reißen, die nicht heilen. Da tritt man sich in der Erinnerung dann wieder und wieder entgegen, in immer verschiedenen Rollen, die alle fremd bleiben. So hört das Lernen nicht auf, die Erinnerung vernarbt nicht, sondern wechselt ihre Gestalt, ohne an subjektiver Wahrheit einzubüßen. Und insofern gehört sie in unsere Lehrer-Serie über die Schulzeit in Ost-Berlin.

Zu verdanken habe ich die Lektion der Staatssicherheit. Als ich in der zehnten Klasse war, kam es in unserer Schule zu einem Streich, der zum Politikum hochstilisiert wurde. Die Porträts führender Kommunisten, die mit strengen Blicken das Treiben in den Fluren zu missbilligen schienen, waren geschändet worden. „Der ist doof“, stand unter Karl Marx. „Und der ist noch viel doofer“, unter Wladimir Iljitsch Lenin. Die gesamte Schülerschaft wurde unter Verdacht genommen, es wurden Handschriften-Proben genommen. Die i-Punkte der staatsfeindlichen Schriftzüge waren als Kullern ausgeführt.

Im Zuge der Ermittlungen wurde ich ins Direktorat zitiert. Warum ich? Wenn ich davon erzähle, erwähne ich gern meine gesellschaftskritische Haltung, die mir einigen Ärger eingebracht hatte. Trotzdem war ich noch nicht verloren gegeben, galt ich noch als Mitstreiter im siegreichen Kampf der Arbeiterklasse. Und es stimmt, tief in meinem Herzen, unter all dem Hass auf die DDR-Engstirnigkeit, pochte noch die Utopie.

Umso entrüsteter war ich, dass man annehmen konnte, ich sei der Schmierfink gewesen. Als ein mir fremder Mann hereinkam, verließen alle anderen bis auf den Parteisekretär der Schule den Raum. Erst dann übernahm der Mann freundlich das Wort. Er sei – und ich solle jetzt keinen Schreck bekommen – von der Staatssicherheit. Die Sache sei sehr ernst, aber nach allem, was er über mich gehört habe, falle ihm schwer zu glauben, dass ich die Wand beschmiert hätte. Allerdings sei ich doch recht kritisch eingestellt. Und deswegen könne er sich vorstellen, nein, wisse er, dass ich mich mit anderen kritischen Geistern austausche. Kurz: Ob ich was gehört habe. Ich solle mal in Ruhe nachdenken.

Das war der Moment, in dem mir das Herz doch in die Hose rutschte. Ich versuchte, meine Entrüstung einzufangen, weil es nun darum ging, Theater zu spielen. Ich dachte nach. Darüber, wie ich aus dieser Geschichte rauskomme. Dabei war mir bewusst und recht, dass es von außen so aussehen könnte, als krame ich in meinem Gedächtnis und durchforstete meinen Bekanntenkreis nach möglichen Staatsfeinden. Der Stasimitarbeiter setzte nicht nach, es schien ihn gar nicht mehr zu interessieren. Ich könne mich ja, wenn ich was beobachten sollte, beim Parteisekretär melden. „Nein, ich werde niemanden verraten“, dachte ich, und in mir jubelte der Heldenmut.

Was man jedoch von außen hörte, war, dass ich einwilligte. Dann durfte ich den Raum verlassen. Ich weiß nicht, ob es damit in Zusammenhang steht, dass es eine Täterakte von mir gibt. Man hatte mir, dem Sechzehnjährigen, sogar schon einen Decknamen ausgesucht. Allerdings wurde die Akte vor der ersten Kontaktanbahnung im November 1989 „wegen Perspektivlosigkeit“ geschlossen. Ich hätte Nein sagen sollen.