Berlin - Frau Rüdiger war eine polierte und voluminöse Lehrerinnenerscheinung mit sanft gequetschter Soubretten-Stimme und einem fast durchsichtigen Nervenkostüm. Schulweit, wenn nicht noch darüber hinaus, war sie für ihre Schimpfarien bekannt. Der kleinste Anlass konnte zu leise und zart beginnenden, sich zuverlässig steigernden, Umwege nehmenden Klagegesängen führen.

Frau Rüdiger ließ hierbei scheinbar ermattend Sätze unvollendet in Kunstpausen enden, setzte dann aber in höherer Lage und Lautstärke zu einem neuen Kapitel an, das mit dem vorherigen in keinem erkennbaren Zusammenhang stand und schon gar nicht mit dem, was ihren Gesang ausgelöst hatte. Ja, was war gewesen? Ein scheeler Blick? Eine vergessene Hausaufgabe? Ein falscher Fall oder Aspekt? Ein Rülps? Ein Lacher? Nichts war zu klein, um es zum Generalangriff auf unsere undankbare Generation aufzupusten. Immer hatte man mindestens das Andenken an die antifaschistischen Widerstandskämpfer beschmutzt, dem Klassenfeind in die Hände gespielt oder den Aufbau des Kommunismus torpediert. Das ideologische Vokabular muss man hierbei nicht überbewerten, es fand lediglich deshalb Verwendung, weil es nun einmal zur Verfügung stand.

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