Wie Corona die Kunst in ihrem Kern berührt, veranschaulicht das „Schwanensee“.
Foto: Staatsballett

Berlin„Wir sind wieder da!“, jubeln die Theater. Endlich hat die Spielzeit begonnen – wenn auch im Parkett große Lücken klaffen und nur wenige in den Genuss von Live-Kultur gelangen. Freude herrscht auch bei den Künstlerinnen und Künstlern. Endlich wieder auftreten können! Jubelschreie stießen denn auch die Tänzer des Staatsballett aus, als sich der Vorhang senkte nach ihrer Auftakt-Gala „From Berlin With Love 1“ an der Deutschen Oper – der ersten Aufführung seit März. 

Eigentlich geplant war zum Saisonstart eine Uraufführung von Alan Lucien Øyen, noch von der Ex-Intendanz Johannes Öhman und Sasha Waltz, die nach ihrem öffentlichen Zerwürfnis Anfang des Jahres im Juli abgetreten ist. Abgesagt ist die Uraufführung. Und die Premiere des „Dornröschen“ von Ballett-Legende Marcia Haydée ist, ebenso wie Sasha Waltz’ „Sym-Phonie 2020“, bis auf unbestimmte Zeit verschoben. „Mit Corona waren diese Planungen sofort Makulatur“, erklärt Christiane Theobald. Die langjährige Co-Intendantin ist als Interims-Intendantin nun dafür zuständig, einen neuen, coronatauglichen Spielplan zu entwickeln. Statt großer Produktionen sind drei Abende mit kurzen Stücken und kleiner Besetzung möglich.

Wie Corona die Kunst in ihrem Kern berührt, veranschaulicht das „Schwanensee“-Adagio, von Iana Salenko und Marian Walter als Pas de deux ohne die übliche Tüll-Staffette der 18 Schwäne getanzt. Aus dem Orchestergraben tönt kein rauschender Sehnsuchtsklang – Klavier, Geige und Cello zitieren ein fernes Echo der Originalversion. Kraft gekostet hat diese Klassiker-Reduktion dennoch. Proben sind nur unter strengen Hygieneauflagen möglich: Im Studio wird durchgehend der CO2-Gehalt gemessen. Sechs Meter Abstand empfiehlt die Berufsgenossenschaft nach wie vor, zwei Meter sind Minimum. Bei der Corona-Anpassung des Repertoires wird mit dem Zollstock nachgemessen, erzählt Christiane Theobald.

Drei Quadratmeter Tanzteppich

Im März katapultierte der Shutdown das 91-köpfige Ensemble aus seinen Trainingsroutinen. Statt sieben Stunden täglich im Probensaal zu schuften, fanden sich die Spitzenathleten beim provisorischen Exercise zu Hause wieder. Drei Quadratmeter Tanzteppich ließ ihnen die Ballettleitung liefern, und auf diesem Rechteck sollten sie mit täglich eineinhalb Stunden Training via Online-Konferenztool ihre körperliche Leistungsfähigkeit erhalten. Illusorisch, denn für die raumgreifenden Sprünge des Balletts braucht es Platz, und wenn er fehlt, bilden sich die entsprechenden, feinen Muskeln zurück.

Ansatzweise meinte man das bei der Gala zu sehen: In Anton Dolins Herren-Quartett „Variations For Four“ blieb selbst der als potenzieller Star nach Berlin geholte Daniil Simkin eher bodenverhaftet. Nur Dinu Tamazlacaru schien auf der Höhe seiner Sprungkraft und steppte mit „Les Bourgeois“ sogar noch eine lockere Tanzpantomime zum Jacques-Brel-Chanson auf die Bretter.

Kondition ist zeitaufwändig. Ab Mai fanden wieder Trainings statt, durch die Einteilung in kleine Gruppen jedoch in vermindertem Umfang. Strenge waltet auch hier: Ausnahmen wie für Athletinnen oder Ballett-Tänzerinnen und -Tänzer in Baden-Württemberg gibt es in Berlin nicht. Und anders als im Tanzsport ist Paartanz verboten, außer bei „Infektionsgemeinschaften“ aus einem Haushalt. Während in der Hasenheide sorglos Partys gefeiert wurden, stand das Ensemble mit Maske an der Ballettstange. „Es ist ein permanentes Oszillieren zwischen Hoffnung, Frustration und Kreativität“, beschreibt Christiane Theobald die Situation. Aber Tänzer sind flexibel, nicht nur körperlich, und wer Ballett auf Spitzenniveau tanzt, ist eisernes Arbeiten gewöhnt.

Wie gut die Profis den Ausfall kompensieren können, erwiesen Polina Semionova und Iana Salenko. Mit jeder Körperfaser machte sich Semionova die exzentrisch zuckende, verdrillte Bewegungssprache von Mauro Bigonzettis „Cinque“ zueigen, überzeugte mit athletischer Spannkraft und inniger Eleganz. Salenko wiederum schwebte im „Pas de Quatre“ nach Jules Perrot geradezu als Idealbild der romantischen Ballerina über die Bühne.

Vorrang für die Ersten Solisten galt in der Gala, nach etablierter Ballett-Hierarchie. Kreativen Freiraum für Ensemblemitglieder eröffneten jetzt die „Lab_Works Covid_19“ an der Komischen Oper. Neun Choreografien, im Shutdown entstanden. Ihre Mehrzahl vermittelte Schwermut, aber auch eine fast verzweifelte Nähe. Nicht wenige Stücke endeten im Schwarz, in dem der Atem der Tänzerinnen und Tänzer als letztes Lebenszeichen verging. Gespenstisch. Jetzt, da sich überall wieder die Türen öffnen, wird deutlich, welche Spuren die Pandemie hinterlässt. Ganz wieder da? Ist die Kunst mitnichten.

Weitere Termine für „Lab_Works Covid_19“: 5.9., 4.10., 22.10.