Die sächsische Kulturmetropole Dresden kam zuletzt aus den negativen Schlagzeilen nicht heraus. Die Staatlichen Museen registrierten 2016 einen Besucherrückgang auf knapp 2, 1 Millionen Gästen, das bedeutete einen Rückgang von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Da war es naheliegend, auf der Suche nach Motiven für das Fernbleiben vieler Besucher an die Pegida-Wolke zu denken, die das kulturelle Leben in Dresden noch immer verdunkelt.

Stoff für Diskussionen

Aber Dresden kann auch anders. Ein schwarzer Christus schwebt frei auf gelbem Bilduntergrund – ohne Kreuz. Auf dem Motiv darunter mahnt ein Flüchtlingsboot im blauen Meer. Das Pietá-Motiv daneben ist umgedreht: Ein Mann trägt eine leblose Frauenfigur – herkömmlicherweise trägt Maria den toten Jesus. Die südafrikanische Künstlerin Marlene Dumas hat mit ihrem ersten Altarbild reichlich Diskussionsstoff geliefert.

Das Werk, ein Lebensbaum auf hellem Grund mit sechs großen, farbigen runden und ovalen Medaillons quasi als Blätter, wurde am Sonntag in der Dresdner Annenkirche offiziell an die Gemeinde übergeben. „Wir sind nicht das Zentrum des Universums, aber ein Teil davon“, sagte Dumas im Festgottesdienst. Vier Jahre lang hat sie an dem Altarbild gearbeitet. Während des Entstehungsprozesses blieb sie im Gespräch mit der Gemeinde, die sich unter anderem Motive der Hoffnung und der Gegenwart gewünscht hatte.

Acht mal 3,5 Meter

Dumas schuf den Lebensbaum unter Mitarbeit ihres Lebenspartners Jan Andriesse und ihres Künstlerfreundes Bert Boogaard. Für das etwa acht mal 3,5 Meter große Altarbild hat sich die 63-jährige intensiv mit der Geschichte der Annenkirche, der Geschichte Dresdens und vor allem mit dem Symbol des Kreuzes beschäftigt. Ihr Kreuz auf einem der Medaillons ist weiß auf blauem Grund und wie ein Fenster gestaltet.

Das moderne Altarbild selbst ist ein Geschenk der Künstlerin an die Annenkirchgemeinde. Für Arbeiten im Kirchraum sind Kosten von rund 190 000 Euro angefallen, die vom Bund, von Stiftungen und der sächsischen Landeskirche gedeckt werden. 70 000 Euro übernimmt die Gemeinde als Eigenanteil.

Wenig Kritik

Zu dem zeitgenössischen Kunstwerk hatte es zum Teil heftige Kritik gegeben. Nach Ansicht des Pfarrers der Annenkirche, Christfried Weirauch, muss ein Altarbild nicht immer „leichte Kost sein“. Aber natürlich könne über Kirchenkunst gestritten werden. Kritische Stimmen gebe es aber nicht viele in der Gemeinde, es überwiege die Freude über das neue Werk, sagte Weirauch.

Die Direktorin des Albertinums der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Hilke Wagner, würdigte den Malstil der Künstlerin als „expressiv-gestisch“. Ihre Werke seien eine „außergewöhnliche Konstruktion von Intensität und Intimität“ und beschäftigten sich mit existenziellen Themen.

Dumas lebt und arbeitet in Amsterdam. Sie stellte bereits im Museum MoMA in New York und im Münchner Haus der Kunst aus. Der im Jugendstil gehaltene Innenraum der Dresdner Annenkirche war für rund 1,6 Millionen Euro saniert worden. Um einen Gegenwartskünstler für das neue Altarbild zu finden, wurde eigens eine Kommission eingesetzt. (BLZ/epd)