Köln - Die Moderatorinnen

Können beide nicht, was Moderatorinnen zwingend können sollten: moderieren. Werden es nach acht („Schwiegertochter gesucht“) respektive in der zehnten Staffel („Bauer sucht Frau“) auch nicht mehr lernen. Verfügt bei „Schwiegertochter gesucht“ über bis zu drei verschiedene Gesichtsausdrücke, diese Vera Int-Veen. Kombiniert ihre Mimik nachgerade kongenial mit den zweieinhalb Gesten, die sie genauso fehlerfrei beherrscht wie eine Schlagersängerin aus den 70ern. Grient feist in die Kamera und hat das falscheste Lächeln im deutschen Farbfernsehen. Auch nicht echt: die gusseiserne Freundlichkeit, die die gelernte Schlagersängerin Inka Bause bei „Bauer sucht Frau“ offeriert. Sortierte in der aktuellen Folge Hühnereier in einen Korb. Wirkt dabei in etwa so glaubwürdig wie ein Hahn, der im Akkord Eier legt. Trägt Klamotten, die ihr wahrscheinlich die Redakteure des Nostalgiefetisch-Magazins „Landlust“ rausgelegt haben. Weil die Häme, die Vera Int-Veen im Off-Ton über ihre Kandidaten auskübelt, noch offensichtlicher und fieser ist als die, die bei „Bauer sucht Frau“ vorherrscht und Inka Bauses größter (und einziger) Vorteil bleibt, dass sie nicht Vera Int-Veen ist: saurer Drops für „Schwiegertochter gesucht“ beim Duell Not gegen Elend. Eins zu null.

Der Alliterations-Faktor

War seinerzeit mal ausgewogen. Ist er aktuell nicht mehr. Während bei „Bauer sucht Frau“ die Alliterationen deutlich zurückgefahren werden und weiterhin gestelzt, aber nicht mehr in Gänze dämlich wirken – „freilaufendes Federvieh“, „rosige Rüsseltiere“ –, galoppiert der Alliterations-Wahn und -Unsinn bei „Schwiegertochter gesucht“ noch in vollem Tempo. Synapsen anschnallen, Hirn auf Stand-by schalten und beim nächsten Satz am besten erst gar nicht damit anfangen sich vorzustellen, wie Vera Int-Veens Stimme klingt, wenn sie  ihn spricht: „Der zielstrebige Zeltaufbauer trotzt den wehenden Winden und manövriert jeden hellgrauen Hering in den belastbaren Boden.“ Der Pflock in das Zentrum fürs Sprachgefühl wird gesetzt von, genau: „Schwiegertochter gesucht“. Zwei zu null. 

Der Vorführ-Aspekt

Ist hier wie da reichlich vorhanden. Ja, Ingo aus „Schwiegertochter gesucht“ ist nicht die hellste Kerze auf der Torte. Und ja, er ist nicht dick angezogen, sondern einfach so dick. Beziehungsweise: richtig fett. Weshalb die RTL-Kamera auf seine Wampe zoomt, während er sich auf einem Trimmgerät abmüht und Vera Int-Veen aus dem Off reichlich vergiftetes Lob spendiert und den „Fitness-Freund Ingo“ für seinen „Astral-Körper“ lobt. Ingo ist mit 23 nicht in der Lage, eine handelsübliche Weinflasche zu entkorken? Ingo pult sich zwischen den dreckigen Zehen, während er seiner Herzdame (die ihm mittlerweile flöten gegangen ist) mit ungelenken Worten eine „romantiche Liebeserklärung“ (Sprachfehler inklusive) macht? Ran mit der Kamera. RTL inszeniert seine Kandidaten als Menschen, die man wegen ihrer Schrullen und Unzulänglichkeiten, wegen ihrer Beziehungsunfähigkeit und mitunter ob ihrer geistigen Schlichtheit ausführlich verachten darf; der Zuschauer soll beim Gucken ein Überlegenheitsgefühl entwickeln. Redakteure, Texter und Cutter, die armen Tröpfe, die nicht wissen, wie und was ihnen geschieht, derart vorführen, sind de facto aber diejenigen, die man verachten sollte.

„Bauer sucht Frau“ funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie „Schwiegertochter gesucht“. Schäfer Rainer und seine Auserwählte Heike scheitern beim  Bedienen einer handelsüblichen Pad-Maschine und erleben ihr Fiasko an der Kaffeemaschine? Die RTL-Kamera bleibt dran, und die Musik dazu ist die Fernseh-Titelmelodie von „Dick und Doof“. Hass und die Häme in den (a)sozialen Netzwerken ist somit sicher, und auch vermeintlich liebevolle Momente kriegt RTL klein, dafür reicht schon eine Einblendung. Als Hobbybauer Ralf, 38 und voller Aufregung vor der ersten Beziehung, seiner Herzdame in spe zeigt, wie man Hühnereier vor dem Verkauf klassifiziert, wird bei Ursula Folgendes eingeblendet: „Kann auch mit rohen Eiern umgehen“. Minus-Punkt für beide; insgesamt drei zu eins für „Schwiegertochter gesucht“.

Der Running Gag

Ist bei „Schwiegertochter gesucht“ natürlich, Achtung, RTL-Häme: die „begabte Beate“. Gefühlt war die „kluge Kurzhaarträgerin“ (dito) bei allen Staffeln dabei. Steht komplett unter der Fuchtel ihrer Mutter Irene, die Beate. Ist vor allem deshalb schwer vermittelbar. Hat auch zum Finale der aktuellen Staffel keinen Mann abbekommen respektive haben wollen. Wird deshalb als Maskottchen des Formats auch an der nächsten Staffel teilnehmen. Hat sich darauf in dieser schon vorbereitet, indem sie sich erstmals in ihrem Leben komplett die stark behaarten Beine enthaaren ließ. Dafür, dass sie stärker behaart ist als die meisten Hobbits, kann Beate nichts. Dafür, dass RTL die Enthaarungsprozedur zeigt, kann der Kölner Sender alles. Und klar, Beate kann schwer nerven. Zum Beispiel dann, wenn sie erklärt, warum sie bisher bewusst auf Pelztierbeinchen setzte: „Ich hatte das schon mal ein bisschen versucht mit enthaarten Beinen. Aber im Kühltruhenbereich vom Supermarkt war mir das zu kalt“. Drei Vorschläge zur Güte, RTL. Erstens: Ihr lasst Beate in Ruhe und versprecht ihr ausnahmsweise mal nicht das Blaue vom Liebeshimmel. Zweitens: Ihr hübscht Beate genauso auf wie die Kandidatinnen eines anderen Kuppel-Formats und lasst sie an der nächsten „Bachelor“-Staffel teilnehmen. Drittens: Ihr besorgt eine Genehmigung vom zuständigen Standesamt; Beate heiratet ihre Mutter und ist raus. Keine Punkte – weiterhin drei zu eins für „Schwiegertochter gesucht“.   

Zweierlei Maß

Die Kandidaten von „Schwiegertochter gesucht“ haben oft schlecht bezahlte Hiwi-Jobs, können kaum Englisch, tragen geschmacksferne Klamotten, verwenden Fremdwörter falsch, sind meistens dick – und werden wegen all dem vom Privatsender wenig subtil gemobbt. Das Raster, mit dem RTL festlegt, weswegen man die Kandidaten doof und verachtenswert finden soll, ist so starr wie simpel – und gilt erstaunlicherweise für die Frau, die die ganze Chose präsentiert, leider nicht. Vera Int-Veen ist alles andere als schlank. Ihr Klamottengeschmack: Schwämmchen drüber. Kann sie das, was sie können sollte, nämlich moderieren? Nein. Ach ja, das Endergebnis beim Duell Not gegen Elend: „Bauer sucht Frau“ ist meistens schlimmes Vorführ-Fernsehen; „Schwiegertochter gesucht“ ist es immer.