Wie so mancher Bewohner Berlins saßen Fräulein S. und ich am Montagabend in unserer Wohnung und schwitzten. An sich ist unsere Wohnung, da im ersten Stock gelegen, bei sommerlich niederschmetterndem Gute-Laune-Wetter wie dem derzeitigen noch recht barmherzig; ich denke da etwa an den viertstöckig mietenden Freund K.: Als ich ihn anrief, ob er nicht mitkommen wolle, um im Kreuzberger Veranstaltungsort Westgermany das US-amerikanische Unterhaltungsduo Quintron and Miss Pussycat zu begutachten, lehnte er ab. Jedes Sich-Erheben vom Sofa sei mit Kreislaufkollapsgefahr verbunden, außerdem habe er soeben zwei Schnitzel und einen Topf Nudeln zu sich genommen, und überhaupt wisse man ja, dass es sich im genannten Veranstaltungsort bereits bei winterlichen Veranstaltungen vor Hitze kaum aushalten ließe. Auch Fräulein S. erklärte mit ähnlichen Argumenten, sie ziehe es vor, in der Wohnung liegen zu bleiben.

„Nun gut, wo K. und S. recht haben, haben sie recht“, murmelte ich, als ich dann den Veranstaltungsort betrat. Falls es tatsächlich noch Leser gibt, denen das in dieser Zeitung über die Jahre ausgiebig besprochene Westgermany kein Begriff ist: Es handelt sich hierbei um eine ehemalige Dermatologie-Praxis, die durch krudes Kacheln-Abreißen und Trennwand-Einschlagen jeglichen medizinischen und der Gesundheit zuträglichen Charakters beraubt und somit zur passenden Plattform für kulturelle Veranstaltungen mit einem gewissen Subversions-Selbstverständnis wurde. Ein wichtiger Punkt auf der für die Subversionseignung solcher Veranstaltungsorte unerlässlichen Gesundheitsschädigungsfaktorencheckliste ist ja neben ungenügenden sanitären Anlagen und hörschädigend rückkoppelungsfiependen Tonanlagen auch die mangelnde Klimatisierung. Letztere ist eben im Westgermany besonders mangelnd, sodass am Montagabend vor der Bühne ein Klima herrschte, das, so ein anwesender Brasilien-Experte, vergleichbar sei mit den Konditionen, unter denen so manche Nationalmannschaft bei nachmittäglichen WM-Spielen in der Arena da Amazônia in Manaus zu leiden hatte.

Quintron and Miss Pussycat kommen zwar nicht aus Brasilien, aber immerhin aus New Orleans, und in den Swamps von Louisiana wird die Atmo ja gerne auch mal ganz schön triefig, die beiden sollten die Hitze also gewohnt sein. Trotzdem sah man selten einen Musiker auf einer Bühne so ausgiebig triefen wie Robert Rolston alias Quintron, als er allerlei selbstgebautes Instrumentarium bearbeitete und dabei mit Unterstützung von seiner Gattin Panacea Pussycat, auch Miss Pussycat genannt, eine erbaulich primitive Klangkreuzung aus dröhnendem Swamp-Rock und B-52s-haftem Tanzpop erzeugte.

Zu Beginn der Veranstaltung hatte es wie eh und je bei Quintron-and-Miss-Pussycat-Darbietungen unter der Regie von Miss Pussycat ein viertelstündiges Puppentheaterstück gegeben, in welchem unter liebevoll trashigem Sound-Design ein Kuchenback-Wettbewerb dargestellt wurde. Der sprechende „Goblin Cake“, zu Deutsch „Koboldkuchen“, gewann. Er sah sehr verbrannt aus und hatte eine Koboldfratze. Also: Ich hätte einen anderen Kuchen gewählt, aber schließlich handelte es sich ja um eine kulturelle Veranstaltung subversiven Inhalts, und wie so manche US-amerikanische Band beherrschen Quintron and Miss Pussycat das die US-amerikanische Kultur einerseits Feiernde, andererseits Subvertierende besonders gut: Wettbewerb, aber Kobold, Swamp-Rock, aber trotzdem Punkrock.

Vor allem aber machten der psychedelisch leuchtende Drum Buddy (ein von Quintron gebauter, von Lichtsensoren getriggerter Drumcomputer), dessen primitive Rhythmen und natürlich die unfassbare Hitze die Veranstaltung zu einer nahezu transzendentalen Erfahrung – verstärkt von der hitzebedingten Geschwindigkeit, mit der man das gute Eichendorfer Pils trank.

Zu Hause wand sich Fräulein S. erstaunlicherweise nicht angewidert von meinem schweißgetränkten Körper ab, und wir fragten uns zusammen noch ein bisschen, warum man trotz fortgeschrittenen Alters immer noch so gerne in diese ungesunden Veranstaltungsorte aus der Hölle geht anstatt in klimatisierte Säle.