Es weht keine Regenbogenfahne an der Lützowstraße 73, doch das Spektral-Farben-Logo an der Hauswand deutet unmissverständlich an, was dahinter Sache ist. Noch hantieren Bauarbeiter an der gelb-oliv-terrakottafarbenen Fassade, wurden vorige Nacht hektisch die letzten Kartons in die Archivständer, Bücher zur Gender-Thematik in die Bibliotheksregale gepackt, Bilder gehängt, Vitrinen gefüllt, Scheiben geputzt.

Das Schwule Museum Berlin am neuen Ort – eine ehemalige Druckerei mit großem Gewerbehof – ist empfangsbereit, das Datum gut gewählt. Heute ist der internationale Tag gegen Homophobie und Transphobie, passend also für die Eröffnung eines Hauses mit so selbstbewusst bekennendem Namen. Schließlich sind es nicht Wände, Türen, Fenster, die das Schwulsein verkörpern. Es sind die Inhalte, denen das von einem Förderverein getragene und vom Senat seit 2010 mit 250.000 Euro pro Jahr unterstützte Museum – bisher das einzige in Europa – sich verschrieben hat: der Emanzipation, der Gleichstellung, dem Respekt und der Toleranz anderer Lebensweisen.

Aus vormals 600 Quadratmetern Ausstellungs- und Arbeitsfläche am alten Standort Mehringdamm sind jetzt 1.600 Quadratmeter gemieteter Fläche geworden, allein 720 für Ausstellungen, der große Rest für Archiv, Büros, die öffentliche Bibliothek. Dort begrüßt den Besucher beredt eine historische Bronzebüste des Berliner Sexualforschungs-Pioniers Magnus Hirschfeld. Alle Räume auf drei Etagen sind barrierefrei. Mit eher bescheidenen 600.000 Euro wurde das Projekt realisiert. Das Geld kam aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung und von der Deutschen Klassenlotterie.

Heute Abend wird eröffnet, und alle sind willkommen: die schwule, lesbische, transsexuelle Community der Stadt, ebenso die Heteros. Das vor 27 Jahren unter schlichten Bedingungen, aber mit umso mehr Enthusiasmus gegründete Museum ist angekommen, mitten in der heutigen bunten Gesellschaft – hat sich etabliert. Als kulturelle Institution, in der sich sowohl Geschichte als auch veränderte Lebensweisen spiegeln.

In der Lützowstraße – mit seinen Bordsteinschwalben, dem Medienhaus FAB, einem Seniorenzentrum, einem italienischen Ristorante, gegenüber einem Jugendzentrum und einem Backshop gibt es nunmehr das Schwule Museum. Als Instanz der Normalität – mitten in der City und in der Nachbarschaft anderer Museen, Kunsthäuser, Galerien. Eine Normalität, die besagt: Mann und Frau, Mann und Mann, Frau und Frau. Die Liebe ist vielfältig.

Beim Rundgang ist der Wandel in der ideologischen Gemengelage um das jahrhundertelang tabuisierte, diffamierte Thema Homosexualität zu bemerken. Das einst Trotzige, Provokante, Spontane, mit dem das Museum wenige Jahre vor dem Mauerfall vor allem für die Rechte schwuler Männer startete, ist abgelöst von einem profilierten, unaufgeregten Ausstellungskonzept und wissenschaftlicher wie gesellschaftspolitischer Öffentlichkeitsarbeit hinsichtlich der Geschlechterfragen.

Hier erfährt man viel über die Emanzipationsbewegungen, die Verfemung und Verfolgung unter den Nationalsozialisten. Und endlich ist es auch möglich, die Geschichte der Homo- und Transsexuellen in der DDR aufzuarbeiten. Eine Entdeckung heißt Jochen Hass (1917-2000); er war Maler und Restaurator in Ostberlin. Und er malte im Jahr 1951 im Stil der Neuen Sachlichkeit zärtliche Fußballer, mit Bodybuilding-Körper der eine, als Picasso’schen Harlekin den anderen, androgyn fast, mit leichtem Brustansatz unterm Karohemd und unter den Shorts zeichnet sich weich die Hüfte ab.

Ein femininer Spieler tritt da, mit anmutigem Ballettschritt, nach dem harten Ball. Hass bekannte sich auf den Bildern zu seinem Anderssein. Hätte er in der Bundesrepublik gelebt, wäre ihm das noch schlechter bekommen, der Paragraph 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, wurde rigoros angewendet, meint Sylvia Arnout aus dem Kulturmanagement des Hauses.

Die Ausstellung „Zwischen Tradition und Moderne“ breitet den Großteil des Nachlasses dieses Malers aus, der sich seine Bilder nur im Freundeskreis zu zeigen traute. Hass’ Stil, so der Kurator Carsten Wiewiorra, stelle ihn in eine Reihe mit Künstlern wie Marcus Behmer, Herbert List, Herbert Tobias, mit David Hockney und Robert Mapplethorpe.

Birgit Bosold aus dem Vorstand des Museums lenkt unseren Blick auf einen schmalen Durchgang, der alle Ausstellungsräume miteinander verbindet. Die schwarz-weiße Wandfarbe – gewollter Kontrast, der schon im Foyer mit Kassenraum, Café und Buchshop dominiert – lässt ihn wie einen Tunnel erscheinen: Man schaut von einem Ende zum anderen. Und dort hängt ein Porträt von 1920: Es zeigt den jungen, von den Nazis verfolgten Horst Riehmer, Spross jener Familie, die einst die berühmten gründerzeitlichen Hofgärten an der Yorckstraße erbauen ließ.

Mit „Transformation“ ist dieser Bereich überschrieben, den später die Dauerausstellung ablösen soll. Hier gehe es, erklärt Bosold, um Wandlung, Erneuerung, Grenzüberschreitung. Um das große gesellschaftliche Thema der Geschlechterordnung und der Kämpfe um ihre Veränderung. Als Referenzbilder dienen mittelalterliche Stiche aus der 2008 durch die Kulturstiftung der Länder und private Sponsoren angekauften Sammlung Sternweiler.

Die illustren Grafiken zeigen „Sodomiten“ und Sappho und ihre Gespielinnen auf Lesbos, dargestellt im jeweiligen „Sündenpfuhl“. Man steht vor amüsanten Collagen und Zeichnungen, wo etwa die berühmte Herrenimitatorin Vesta Tilley Anfang des 20. Jahrhunderts abgebildet ist. Gemälde und Zeichnungen, Assemblagen und Fototableaus der Vor- und Nachkriegsmoderne und der heutigen Zeit belegen in der Sprache der Kunst die Lebensentwürfe und Identitäten jenseits der Hetero-Norm. Spannend sind die Schnittstellen in den Bildern, oft zwischen bitterer Kritik, harter Selbstironie und Romantik. Die Motive erzählen von Siegen und Niederlagen der Emanzipationsbewegung – auch von fragwürdigen, fatalen, tragischen Kompromissen.

Und in einer dritten Schau ist das ganze Umzugs-Prozedere dokumentiert: „Update*“ erzählt die Geschichte über die Gesichter aller 37 Museumsmitarbeiter auf Fotopapier, als Porträtreihe des Neuanfangs. „Ohne sie alle wäre nichts gelaufen“, sagt Carsten Wiwiorra.Das klingt nach ganz großer Anerkennung und nach Motivation.

Schwules Museum am neuen Standort, Lützowstraße 73 (Tiergarten). Geöffnet So/Mo, Mi–Fr 14–18/Sa 14–19 Uhr. Eintritt 6 Euro/ermäßigt 4 Euro. Mehr Infos unter schwulesmuseum.de

Festliche Eröffnung mit Show am Freitagabend (17.5.), 19 Uhr, Jugendkulturzentrum Pumpe, Lützowstr. 42, direkt gegenüber dem Museum.