Vergessen soll man alles, was man bei Hören der Songs gedacht und gefühlt hat, wie man getanzt und mitgesungen hat. Das ist Scott Matthews Botschaft. Wie der Titel seines neuen, vierten Studioalbums „Unlearned“ andeutet, hat der in Australien geborene Singer-Songwriter erst verlernen müssen, wie die Klassiker im Original klingen, um sie neu zu erschaffen.

Joy Division und die Bee Gees, Neil Young und Charlie Chaplin, Radiohead und Whitney Houston – alle werden sie auf dem reinen Coveralbum, das Ende Juni beim Indie-Label Glitterhouse erschienen ist, vom melancholischen Schmerzensmann mit zarter Stimme neuinterpretiert. „Die Herausforderung war es, die Vorurteile ganz behutsam von den Originalsongs abzulösen“, sagt Matthew und bezieht sich damit auf ein Zitat der amerikanischen Journalistin und Frauenrechtlerin Gloria Steinem, demzufolge das größte Problem nicht das Lernen, sondern das Verlernen sein.

Flehend androgyne Stimme

Es erstaunt allemal, dass der Wahl-New-Yorker mit dem schwarzen Rauschebart und der flehend androgynen Stimme nach drei, viel gelobten Platten mit eigenen Kompositionen nun ein Coveralbum veröffentlicht – an der nötigen Kreativität scheint es kaum zu fehlen. Matthew spielte aber schon letztes Jahr auf Konzertbühnen eigene Versionen seiner „personal hit parade“, aus denen nun „Unlearned“ entstanden ist. Obwohl die Auswahl der Songs zunächst so gar nicht zum introspektiven Sehnsuchts-Indiefolk des Sängers passen will, gelingt die Übersetzung in den Matthew’schen Musikkosmos. Da klingen Neil Youngs „Harvest Moon“ oder Morrisseys „There’s A Place In Hell For You And My Friends“ plötzlich nach demselben bittersüß-innigen Weltschmerz eines postmodernen Großstädters – kurzum, sie klingen wie Scott-Matthew-Songs: Sparsame Klavierakkorde, Streicher und Ukulelengeklimper, entschleunigte Akustikgitarren und seine markante, brüchige Stimme, die klagend zwischen den Tonlagen umher taumelt.

So wird „To Love Somebody“ von den Bee Gees bei Matthew zum Kammerpop in Moll. Nat King Coles „L.o.v.e.“ behält durch die gezupfte Ukulele zwar seine beschwingte Leichtigkeit, ist aber verhauchter, bedachter intoniert als das Original. Die verblüffendste Übertragung gelingt ihm aber mit Whitney Houstons 80er-Bubbelgum-Pophit „I Wanna Dance With Somebody“: Matthew schafft es dem Song alle Dance- und Disco-Euphorie zu entreißen, das Hitparaden-Gewand abzuschälen. Houstons Megahit klingt nicht mehr nach bunter Partynacht und pinken Lippenstift, sondern nach dem müde-sehnsüchtigen Blick ins graue Morgenlicht nachdem die Scheinwerfer schon längst erloschen sind. So reduziert und eingebremst, steht die Popnummer plötzlich so anrührend entblößt vor dem Hörer, dass ihm ganz unvermutet warm ums Herz wird. Ebenso eindringlich dürfte es auch am 17. Juli zugehen – dann spielt Scott Matthew live auf dem Escobar Sun Deck des Badeschiffs Berlin.

Scott Matthew: Unlearned, (Glitterhouse Records/Indigo)