Die Choreographin Sasha Waltz
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BerlinStillgestellte Bewegung ist das Wesen einer Skulptur in der bildenden Kunst. Der Tanz wiederum erschafft flüchtige Skulpturen, Kunstwerke, die im Entstehen vergehen – was den Berliner Bildhauer Georg Kolbe zeitlebens faszinierte. Tänzer waren für ihn ideale Modelle. In seinem Atelier in Westend, das heute das Georg-Kolbe- Museum beherbergt, zeichnete er Berühmtheiten seiner Zeit wie Waslaw Nijinsky, Gret Palucca oder Ted Shawn. Kolbes interdisziplinärem Interesse spürt das Museum ab diesem Jahr in der Festivalreihe „Sculpture“ nach.

Für Mai geplant war der Auftakt. Coronabedingt fand er am Sonnabend mit stark reduziertem Publikum statt, in statischem Setting mit Bestuhlung statt in freier Bewegung im Museum. 35 Personen konnten die vier einmalig aufgeführten Auftragswerke in Kolbes ehemaligem Atelier begutachten, 35 weitere vom Garten aus einen Eindruck erhaschen. Um den Vorwurf allzu großer Exklusivität zu vermeiden, wurde live gestreamt und die Aufzeichnung online gestellt.

Privilegiert fühlte man sich als Besucherin dennoch. Hochkarätig besetzen konnten die Kuratoren Carolin Brandl und Hanno Leichtmann das Programm. Corona machte es möglich – sonst ausgebuchte Künstlerinnen hatten Zeit. Perkussionistin Robyn Schulkowsky etwa, die, angelehnt an Marcel Duchamps „Sculpture Musicale“, die Klangvielfalt eines Gongs erkundete. Mit Schlägeln entlockte sie ihm tief dröhnende Klänge, mit einem Metallstab klopfte sie ein hohes Sirren auf seinen Rand oder zog einen Stock mit Kreischen über die Oberfläche. Musik ist ein Handwerk, wie die Bildhauerei.

Sasha Waltz ließ drei Tänzerinnen ausschwärmen

Scott Jennings vom Tanztheater Wuppertal Pina Bausch vermaß mit Zander Constant choreographisch den Raum. Gestreckte Arme spannten Diagonalen auf, Gliedmaßen verwirbelte die Luft – ein Schelm, wer an Aerosole dachte. Musiker Grischa Lichtenberger steuerte einen flächig vibrierenden Elektrosound bei und manuell auslösbare Klangobjekte: Rattern ertönte via Fußtaster, Schrillen mit dem Schraubenzieher.

Nach einer Pause zum Lüften, die im kühlen Garten das Ende der Open-Air-Saison ahnen ließ, evozierte die Berliner Choreografin Kat Válastur das Wogen von Wasser, mit einem über zwei Ventilatoren gespannten olivgrünen Fallschirm-Kleid. „Angel Green“ erinnerte an die Tänzerin Loie Fuller, die ausladende Stoffe in Bewegung versetze und, eine Muse der bildenden Kunst, von Auguste Rodin in einer Plastik verewigt wurde.

Sasha Waltz schließlich ließ drei Tänzerinnen ausschwärmen, nah ans Publikum heran. Aus dem Strom ihrer Bewegungen, in Zeitlupe mit höchster Körperspannung ausgeführt, kristallisierten sich momentweise Posen heraus, als die flüchtigen Skulpturen, die der Abend versprochen hatte. Sinnfällig erschloss sich die Verschränkung der Künste.

Den Stream zur Auftakt-Veranstaltung von „Sculpture“ kann man auf dem Facebook-Account des Georg-Kolbe-Museums ansehen: https://www.facebook.com/GeorgKolbeMuseum. Für Januar und Mai 2021 sind, im Rahmen der Ausstellung „Der absolute Tanz“, weitere Ausgaben geplant.