Sean Connery in „James Bond - 007 jagt Dr. No“
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Er besitzt die temperamentvollsten Augenbrauen der Filmgeschichte. Gewiss, in seinen Augen blitzen schon Unternehmungslust und Zuversicht auf. Aber was wäre ihr Funkeln ohne die Agilität dieses zusätzlichen Instruments? Sean Connery kann sie in jede erdenkliche Richtung verschieben, sie unterstreichen seine Entschlossenheit, bilden den Rahmen für sein homerisches Gelächter oder das strenge Staunen über den Lauf der Welt. Sie sind das Unterpfand seiner Geistesgegenwart, Indiz einer blendenden Intensität, einer reizvollen, spannenden Virilität.

Als James Bond war er noch glattrasiert. Aber die Ausdruckskraft der Brauen erlosch auch nicht, als er sich danach zu einem exzellenten Schnurr- und Vollbartträger mauserte. Sie ließen vergessen, dass sein Haupthaar längst schütter war und verliehen den Toupets, die er trug, eine besondere Würde. Der Erfinder Bonds, Ian Fleming, hätte lieber Cary Grant in der Rolle des Geheimagenten seiner Majestät gesehen - oder einen anderen, dem man Vornehmheit und Adel zutraute. Immerhin sollte die Figur das Vereinigte Königreich über den Verlust seiner Kolonien und allgemeinen geopolitischen Bedeutung hinwegtrösten. Aber Connery fügte Bonds weltläufiger Eleganz eine Dosis proletarischer Ruppigkeit bei. Mit ihm geriet das britische Klassensystem aus den Fugen: Als Aristokraten kann man sich ihn nicht vorstellen, als König sehr wohl.

Seine Herkunft aus der schottischen Arbeiterklasse ist die oft sichtbare - man achte nur einmal auf die Tätowierungen, die seine Unterarme zieren: „Mum and Dad“ steht auf der einen, „Scotland forever“ auf der anderen -, aber stets auch metaphorische Grundierung seiner Karriere. Er ist als ungemein sparsam bekannt und dafür, sich bei Gagenverhandlungen nicht über den Tisch ziehen zu lassen. Seine Leidenschaft fürs Golfspiel ist legendär (in seinen Verträgen lässt er sich mindestens eine einschlägige Szene zusichern); seine zweite Ehefrau lernte er bei einem Turnier kennen und schätzen. In seiner Freizeit schreibt er Gedichte.

Als Kind trug er zum Unterhalt der Familie bei, indem er sich als Milchmann verdingte. Mit 16 trat er der Marine bei, mit 18 begann er eine erfolgreiche Karriere als Bodybuilder. Anfang der 1950er schnupperte er zum ersten Mal Bühnenluft (zunächst hinter der Bühne), 1954 trat er erstmalig als Statist vor der Kamera auf, drei Jahre später in einer Nebenrolle. Er mochte ein ziemlich unbeschriebenes Blatt gewesen sein, als die Bond-Produzenten auf ihn aufmerksam wurden. Aber er trat selbstbewusst auf und weigerte sich, Probeaufnahmen zu machen. Er hatte die richtige Haltung für Bond. Was Fleming nicht voraussehen konnte, war Connerys Lernfähigkeit. Je mehr seine Rolle mit Gimmicks und Spezialeffekten konkurrieren musste, desto entschiedener überführte er sein Spiel ins Genre der gehobenen Komödie.

Er wirkt in jeder Rolle so entspannt, dass man sein Talent leicht unterschätzen kann. Erst Sidney Lumet, mit dem er sechs Filme drehte, entdeckte seine Vielseitigkeit. Auch in Charakterrollen blieb er stets ein Star, der nicht in seinen Figuren verschwand, sondern stets seine Persönlichkeit durchscheinen ließ. Seinen schottischen Akzent legte er in keiner Rolle ab: Er erinnerte ihn daran, wer er war.

Mitte der 1970er Jahre erreichte seine Karriere ihren zweiten Höhepunkt, als er in drei prächtigen Abenteuerfilmen auftrat: als Berberfürst in „Der Wind und der Löwe“, als Glücksritter in „Der Mann, der König sein wollte“ und als gealterter Robin Hood in „Robin und Marian“. In diesem Hattrick formulierte er seine Leinwandpersona endgültig aus. Sie schillert zwischen Tatendrang und ironisch erfasster Selbsttäuschung. Bond war ein Opportunist, der die erotischen Möglichkeiten nutzte; nun wandelte Connery sich zum Romantiker. Hinter der Prahlerei, Selbstherrlichkeit und Gewaltbereitschaft seiner Figuren legte er die entwaffnende Unschuld eines Kindes frei. Sie mochten die Welt erobern wollen, kapitulierten aber meist vor dem klugen Temperament ihrer Partnerinnen. Sie verzweifelten daran, wie kompliziert die Frauen sind, ahnten jedoch, dass darin eine Botschaft von Vernunft und Reife liegt .

Erst ein Jahrzehnt später konnte er wieder an diese Erfolge anknüpfen. Mit „Der Name der Rose“ und „Die Unbestechlichen“ (für den er 1988 den Oscar als bester Nebendarsteller erhielt) eröffnete er das dritte große Kapitel seines Schaffens, in dem er unversehens wieder zum Kassenmagneten wurde. Er war reifer geworden, hatte an Gravitas hinzugewonnen. Er war vergnüglich als Indiana Jones' Vater, undurchschaubar als sowjetischer U-Boot-Kapitän in „Die Jagd auf Roter Oktober“ und zutiefst romantisch als demütig Liebender in der John-Le-Carré-Verfilmung „Das Russlandhaus“. Das beherrschte Handwerk war bereits seit Bond eine Kardinaltugend seiner Charaktere, nun verkörperte Connery eine Melancholie absoluter Könnerschaft. Er avancierte zum lernfähigen Mentor einer neuen Generation. Seine Virilität blieb ihm erhalten: 1989 wurde er zum „Sexiest Man alive“ gekürt, zehn Jahre später zum „Sexiest Man of the Century“. Wie tröstlich es ist, diesem Schauspieler beim Älterwerden zuzuschauen!