In der Eingangshalle des Himalaya Art Museums in Schanghai steht eine riesige Skulptur – 100 Quader aus Stahl, Umrisse ohne Körper, scheinbar ohne Ordnung aufeinander gesetzt. „China piled up“, China aufeinander gestapelt, heißt das Werk. Es erinnert an Kisten, an Fracht. Von jedem Standpunkt im Raum aus ergibt sich eine neue Perspektive auf den großen Stahlstapel, ein neues Muster aus Streben und Öffnungen. Eine Hommage an die Wirtschaftsmacht China, die sich stetig entwickelnde chinesische Kultur, die Kunst? „Genau das ist es“ sagt Sean Scully.

„China piled up“ ist das Herzstück seiner Ausstellung „Follow the Heart: The Art of Sean Scully 1964-2014“, die am 23. November in Schanghai im Rahmen der Biennale eröffnet wurde. Bis zum 25. Januar ist „Follow the Heart“ dort zu sehen, dann wandert die Ausstellung in das CAFA Art Museum in Peking.

„Follow the heart“ ist die erste Retrospektive eines westlichen ab-strakt arbeitenden Künstlers, die in China gezeigt wird. Sean Scully hat „China Piled Up“ eigens für diese Ausstellung entworfen. Für ihn, der hauptsächlich malt, ist sie etwas Atypisches. „Aber sie verdeutlicht stetigen Wandel. Sie ist im Werden. China ist im Werden. Meine Kunst ist, nach all den Jahren, auch immer noch im Werden“ sagt er.

Scully, der 1945 in Dublin, Irland, geboren wurde, zählt zu den renommierten abstrakten Malern der Gegenwart. Zweimal war er für den Turner Preis nominiert, seine Bilder gehören unter anderem zu den Sammlungen des Museum of Modern Art in New York, der Tate Gallery in London und der Pinakothek in München. Einige Jahre war Scully dort auch Dozent an der Akademie der Bildenden Künste.

Streifen, Blöcke, Farbfelder

In Schanghai werden auch seine frühen, gegenständlichen Arbeiten ausgestellt – das detailgetreue Gemälde eines Kaktus’ beispielsweise. Es gibt nicht viele dieser figurativen Bilder, Scully wandte sich früh der abstrakten Malerei zu und so dominieren auch diese Ausstellung die für den Maler typischen Kompositionen aus Streifen, Blöcken und Farbfeldern. Mal Öl auf Leinwand, mal Wasserfarbe auf Papier, mal Klebeband auf Aluminium, aber durch die Jahre hindurch unverwechselbar die Stimme Scullys.

Kritiker schreiben oft von einem besonderen Licht, das Scullys Bilder ausstrahlen. Sie nennen ihn einen Farbenkünstler oder, wie die Tageszeitung „Welt“ titelte, den „Herrscher der Streifen“. Es fällt schwer, solche Meinungen nachzuvollziehen, wenn man nie selbst vor einem dieser großen Blockgemälde gestanden hat.

Verstehen kann man das erst, wenn man selbst die Augen zusammenkneifen musste um den Schwindel zu unterdrücken, der einen angesichts der „Backs and Fronts“ überkommt – einer riesigen Komposition aus vertikalen und horizontalen Streifen in grellen Farben auf zusammengezimmerten Leinwänden. Auch der Name seiner Serie „Wall of Light“, Mauer aus Licht, macht erst Sinn, wenn man sie wirklich vor sich sieht. Dieses immer gleiche rechteckige Format, die Motive aus vertikalen und horizontalen Balken in unterschiedlichen Farbvariationen. Erst dann nimmt man die Pracht der Farben richtig wahr, wird aus Senfgelb ein Kornfeld und aus Rot die Terrakotta-Wand eines Hauses in der Toskana. „Zur Wall of Light Serie haben mich vor allem meine Reisen nach Mexico inspiriert“ sagt Scully. Es sind weiche Bilder, die Kanten der Blöcke leicht verwaschen mit dem Pinsel gemalt. „Die Wall of Light Serie ist eine lyrische, fast schon poetische Serie, aber dennoch nicht ohne Präzision“ sagt Scully. Einen eigenen Raum widmet der Kurator Philipp Dodd außerdem den Werken des Künstlers, die auf Papier entstanden sind, einem wichtigen Medium in China. Es sind kleine Skizzen, mal mit Wasserfarbe, mal nur schwarz und weiß. In den Bildern auf Papier sieht Dodd Anknüpfungspunkte an die chinesische Kunst. Deshalb habe man Scully auch ausgewählt. „Mit ’Follow the heart’ setzen wir Sean Scullys schwarz-weiße Werke in den Kontext einer Kultur, in der schwarze Tinte auf weißem Papier zu den Herzstücken der Kunst gehört“ sagt er.

Dodd will damit in den kulturellen Dialog zwischen China und dem Westen einsteigen. Dass es diesen Dialog geben muss, das vergisst man in Schanghai nämlich schnell. Hier hat man sich dem Westen längst weit geöffnet, hier reihen sich die Läden europäischer Luxusmarken aneinander wie auf dem Champs-Élysées in Paris und es ist nur eine Frage der Zeit bis die traditionelle Altstadt im Zentrum des Finanzviertels den Neubauten großer Wolkenkratzer weichen muss.

#bigimahe

Das Himalayas Art Museum, in dem die Ausstellung gastiert, ist ein privates Museum und seine Architektur bizarr. Von außen erinnert es ein wenig an Gaudi, in missglückter Form. Ins Museum führt ein Fahrstuhl. Drückt man darin den falschen Knopf, landet man entweder in einem riesigen Einkaufszentrum oder im angrenzenden Fünf-Sterne-Luxus-Hotel, in dem Kunstschnee und Tannenbäume die Gäste aus dem Westen in Weihnachtsstimmung versetzen sollen. Wenn man nicht gerade versucht, mit dem Smartphone Google oder Facebook zu öffnen, kann man in diesem Zentrum des Konsums schnell vergessen, dass man in China ist.

Freiheit für den Kurator

„Der Dialog ist längst eröffnet“ sagt Scully, „er findet statt, während wir hier sprechen“. Auf dem Kunstmarkt haben sich Sammler und Händler aus China mittlerweile etabliert. 2013 eröffnete das große Londoner Auktionshaus Christie’s einen Standort in Schanghai und auf der diesjährigen Schanghai Biennale ließ man dem Berliner Anselm Franke in seiner Auswahl der Künstler so viel Freiheiten wie kaum einem ausländischen Kurator zuvor. Die Namen zeitgenössischer chinesischer Künstler rücken ins Bewusstsein des Westens. „Chinas Kunst war lange Zeit zerschmettert“ sagt Scully, „und kommt zurück wie eine sich entfaltende Blüte. Mit meiner Ausstellung bin ich Teil des 22. Jahrhunderts, denn das entwickelt sich in China.“

Das sich immer Wandelnde, Öffnende, fasziniert den Künstler. Deshalb plant er auch eine Ausstellung in Berlin, im Rahmen der Berlin Art Week 2015 in der Galerie Kewenig. Es wird seine erste große Ausstellung in der deutschen Hauptstadt: „Ich liebe Situationen der Offenheit und Berlin ist voll von jungen Menschen, die etwas bewegen und gestalten wollen“ sagt er. Bald kann man dann also auch in Berlin Sean Scully bestaunen – und verstehen.