Berlin - „Millionär“, „Alles nur geklaut“, „Du musst ein Schwein sein“, „Küssen verboten“: Die Prinzen haben unzählige Hits und gelten als eine der erfolgreichsten Bands Deutschlands. Pünktlich zu ihrem 30-jährigen Jubiläum veröffentlicht die Combo aus Leipzig mit „Krone der Schöpfung“ ein neues Album. Zwölf neue Songs im typischen Prinzen-Gewand und fünf Hits neu interpretiert mit musikalischen Gästen gibt es darauf zu hören. Im Interview erzählt Sänger Sebastian Krumbiegel, 54, was seine Heimatstadt Leipzig Berlin voraus hat und warum er die Aktion #allesdichtmachen zynisch fand, aber die Debatte danach fast genauso unglücklich.

Herr Krumbiegel, „Ich wär’ so gerne Millionär, dann wär’ mein Konto niemals leer“, hieß es in Ihrem Hit von 1991. Davon können viele Künstler derzeit ein Lied singen. Sind Sie erleichtert, wenn Deutschlands Kulturszene wieder öffnet?

Also erst mal hoffe ich, dass den Leuten da draußen Live-Konzerte genauso fehlen wie uns. Denn uns fehlt es wirklich wahnsinnig, nicht nur finanziell. Ich habe früher diesen Spruch immer ein bisschen belächelt: „Der Applaus ist das Brot des Künstlers.“ Ich merke jetzt erst, wie sehr das wirklich wahr ist, und um es mal ganz pathetisch zu sagen, dass wir die Auftritte vor Menschen brauchen wie die Luft zum Atmen. 

Eine Aktion wie #allesdichtmachen, wäre das etwas gewesen, wo Sie mitgemacht hätten?

Nee, das nicht. Ich fand die Aktion wirklich nicht gut, nicht cool und einfach nur zynisch. Aber ich fand den Aufschrei danach, wo Leute sogar Berufsverbote forderten, fast so unglücklich wie die eigentliche Aktion. Es ist meiner Meinung nach nicht schwarz-weiß zu sehen. Man muss tierisch aufpassen, es bilden sich zurzeit so extreme Lager: Die einen machen eine Aktion, die anderen fangen sofort an rumzukreischen. Jeder wird in eine Ecke gesteckt, aus der er schlecht wieder rauskommt. 

Mit dem Albumcover der neuen Platte geben Die Prinzen auch ein Statement ab: Auf „Krone der Schöpfung“ ist ein Froschkönig mit gezündeter Bombe in der Hand zu sehen.

Es ist immer eine Gratwanderung. Du musst sehr aufpassen, dass du nicht anfängst zu missionieren oder die Leute belehren zu wollen. Ich glaube, das haben Die Prinzen immer ganz gut hingekriegt. Für mich ist ein Leitspruch, dass in Unterhaltung das Wort Haltung drinsteckt. Ich möchte nicht nur über Liebe, Triebe, Herz und Schmerz singen, sondern über Sachen, die mich beschäftigen. Dass wir nun mit „Dürfen darf man alles“ wieder die Art von Songs haben, die in diese Richtung gehen, ist auch der Tatsache zu verdanken, dass wir uns von außen haben helfen lassen.

„Ich bin endlich wieder so was von Prinzen-Fan!“, haben Sie jüngst auf Facebook geschrieben.

Ja, das stimmt, das war ja nicht immer so, das muss ich ehrlich sagen. In den 30 Jahren machst du auch Sachen, wo du denkst: „Scheiße, in welche Richtung geht denn das jetzt hier? Das ist ja gar nicht meins.“ Wenn du 30 Jahre zusammen Musik machst und dich über 40 Jahre kennst, ist irgendwann alles erzählt, du drehst dich im Kreis. Es war also eine bewusste Entscheidung, sich mit anderen Leuten zusammenzutun. Wir haben jetzt ein neues Management (Helene-Fischer-Manager Uwe Kanthak, Anm. d. Red.), eine neue Plattenfirma, neue Produzenten, und wir haben mit anderen Leuten zusammen geschrieben. Was dabei rausgekommen ist, stimmt mich euphorisch.

dpa
Die Band

Die Prinzen aus Leipzig gehören mit fast sechs Millionen verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten deutschen Bands. Die Mitglieder um Tobias Künzel und Sebastian Krumbiegel waren in ihrer Jugend Mitglieder des Leipziger Thomaner- und des Dresdner Kreuzchors.

Das neue Album „Krone der Schöpfung“ erscheint am Freitag. Eine Jubiläumstour soll am 18.3.2023 auch in die Berliner Max-Schmeling-Halle führen.

1987 haben Sie sich als Herzbuben formiert. Nach dem Mauerfall nannten Sie sich wegen der Wildecker Herzbuben in Die Prinzen um. Was erinnern Sie von den Anfängen?

Die Prinzen haben Anfang der Neunziger viele Monate in Hamburg gelebt, wo wir unsere erste Platte mit Annette Humpe aufnahmen. Uns hat Udo Lindenberg damals Hamburg gezeigt. Das war schon sehr speziell. Es ist etwas anderes, wenn Lindenberg dich über den Kiez führt. Dann bist du sofort überall drin und im inneren Zirkel, du lernst die ganzen Kiez-Größen kennen. Wir waren mit ihm im Salambo, in der Ritze und all den anderen Szene-Läden auf der Reeperbahn. Das war für uns als junge Band aus Leipzig kurz nach der Wende natürlich ein extremer Kulturschock.

Erinnern Sie sich an einen bestimmten Abend mit Udo?

Das Salambo war schon schräg. Wir kamen da rein und haben zuerst überhaupt nicht gecheckt, was das für ein Laden ist. Weil Udo immer alles bezahlt hat, wollten wir ihn mal einladen, obwohl wir keine Kohle hatten, denn das war ja noch vor unserem Durchbruch. Also sagten wir: „Komm, jetzt übernehmen wir hier mal die Runde.“ Die drei Bier und der eine Kaffee kosteten 50 Mark. Da haben wir große Augen gemacht.

Wie war das, als Die Prinzen vor 30 Jahren den Durchbruch schafften? War das nicht überwältigend, kurz nach der Grenzöffnung zum gesamtdeutschen Popstar zu werden?

Rückblickend auf jeden Fall. Ich muss aber sagen, dass wir damals schon ganz schön überzeugt von uns waren. Für uns war klar, dass wir Popstars werden. Heute wissen wir, dass zu so einer Karriere viel mehr gehört, als nur talentiert, fleißig und irgendwie schrill zu sein. Es gehört eine Riesenmenge Glück dazu. Wir haben das alle verinnerlicht, dass wir da schon auch unserem Schicksal dankbar sein sollten, zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtigen Leute getroffen zu haben, wie eben Annette und Udo.

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Jung und selbstbewusst: Die Prinzen im Jahr 1991

Auf der neuen Platte verpassen Künstler wie Jennifer Weist und Eko Fresh den Prinzen-Hits eine Frischzellenkur. Das Lied „Deutschland“ haben Sie ausgespart. Warum?

Es hätte durchaus missverstanden werden oder von irgendwelchen Leuten beklatscht werden können, die wir gar nicht mit an Bord haben wollen. Wir haben damals mal Post von einem DJ gekriegt, der schrieb: „Ich hab euch immer gern gespielt, und jetzt kommen plötzlich irgendwelche Nazis an und wünschen sich euer Lied.“ Wir sind erschrocken und dachten nur: Was ist da verdammt noch mal passiert? Die haben das als patriotisches, nationalistisches Lied gesehen, was es definitiv nicht ist. Wenn wir das live spielen, gerade bei Festivals, denke ich manchmal, dass da Leute mitsingen, die ich fragen möchte: Habt ihr überhaupt verstanden, worum es geht?

Mit Ihrem neuen Lied „Dürfen darf man alles“ dürfte sich das ähnlich verhalten. Darin thematisieren Sie die Behauptung einiger Leute, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland nicht mehr gegeben ist.

Natürlich sind wir uns im Klaren, dass da erst mal bei einigen eine Sirene angeht und die anfangen zu sabbern. Aber genau das wollen wir aufs Korn nehmen. Ich bin übrigens der Meinung, dass wir es nicht offen gelassen haben, wie wir dazu stehen. In der letzten Strophe sagen wir: „Manche glauben, dass die Welt sich gegen sie verschwört, manche meinen, dass die Wahrheit auch nur ihnen gehört. Manche sagen, was sie denken, dann sagen sie danach, dass man heutzutage ja nichts mehr sagen darf.“

Das macht es eindeutig?

Ich positioniere mich da ganz klar: Man darf alles sagen, so lange man nicht gegen Gesetze verstößt. Man muss nur mit Widerstand rechnen. Die Meinungsfreiheit ist überhaupt nicht in Gefahr, sondern die ist definitiv da, und das sollten wir uns immer wieder klarmachen. 

Als gebürtiger Leipziger – wie stehen Sie eigentlich zu Berlin?

Berlin hat sich in den letzten 15 Jahren ganz schön verändert. Ich bin nach wie vor sehr viel dort. Ich mag die verschiedenen Kieze, die verschiedenen Welten, in denen man da sein kann, merke aber, dass diese Welten mittlerweile mehr und mehr gentrifiziert werden. Ich mochte die Zeit, als es noch das Kunsthaus Tacheles gab. Ich war da total oft – und überhaupt in der ganzen Ecke Mitte und Friedrichshain, Oranienburger Straße und auch Prenzlauer Berg. Berlin hat in den letzten Jahren von seiner „Arm, aber sexy“-Anziehung eingebüßt. Vielleicht ist es der böse Kapitalismus, der da wirklich viel kaputt macht. Der Kampf um die Rigaer Straße ist heftig. Natürlich lehne ich Gewalt ab, aber ich verstehe die Wut der Leute, die da verdrängt werden. Alternative Lebensentwürfe machen eine lebendige Stadt aus, und es ist traurig und schade, dass all das mehr und mehr weggentrifiziert wird. Überall werden neue, kalte Glaspaläste hingebaut. Bezahlbarer Wohnraum verschwindet, und damit auch eine lebendige, bunte Stadt. So wird Berlin für kreative Menschen immer unattraktiver, denn es wird für sie immer schwieriger, dort Fuß zu fassen.

Sie schwören also weiterhin auf Leipzig?

Leipzig ist so ein bisschen die kleine Schwester von Berlin und hat sich das erhalten, was Berlin verloren gegangen ist, aus meiner ganz persönlichen Sicht. Ich bin wirklich mit Leib und Seele Leipziger. Die künstlerische Welt ist hier noch etwas mehr heile, die Szene-Welt und Subkultur noch ein bisschen mehr in Ordnung.