Sebastian Schipper hat ein Problem, von dem er noch nicht genau weiß, wie er es lösen soll. Dabei löst er ganz gern Probleme. Sonst wäre er nicht auf die verrückte Idee gekommen, einen komplett durchgedrehten Film zu machen, 134 Minuten am Stück, in einer einzigen Kameraeinstellung, ohne Schnitt. „Victoria“ tänzelt, taumelt und jagt durchs nächtliche Berlin. Zu Fuß, auf dem Fahrrad, im Taxi und im Fluchtwagen. Es geht über Straßen und Höfe, durch Clubs und Bars, in Keller hinab und auf Dächer hinauf, es gibt einen Bankraub, eine Entführung, eine Schießerei mit der Polizei und schließlich das Finale im Luxushotel. „Victoria“ ist Liebesgeschichte, Streetmovie, Jungsding und Thriller in einem – ein zärtlicher Kraftakt, geboren aus der Wut auf die lähmenden Rituale des Filmemachens, wie Schipper es sagt.

Und nun steht er hier auf dem Parkplatz zwischen Lidl und einem Kosmetikstudio, dort, wo sich Kreuzberg und Mitte gute Nacht sagen, und soll darüber reden, wie sie das alles gemacht haben. Genau das ist sein Problem. „Der Film ist eine Illusion. Wir sind Illusionisten. Immer wieder zu erzählen, wie wir den Zaubertrick geübt haben, das bringt ja nichts.“ Andererseits würde ihn das auch interessieren, wenn er den Film nicht selbst gedreht hätte. Also erzählt er es dann doch immer wieder, so sehr ihn die Frage nach dem Wie und Warum letztlich ermüdet. Seine Stimmung ist anfangs nicht hundertprozentig entspannt.

Der Zuschauer als Komplize

„Ich kann dir sagen, was los ist. Ich habe einen Film gemacht gegen den Dressurbetrieb. Es ging um das genaue Gegenteil von dem, was jetzt die ganze Zeit passiert.“ Schipper, 47, angegrauter Vollbart, Jeans, ist gleich beim Du. Es ist Sonnabendmorgen, er hat einen langen Tag vor sich. Seit er mit „Victoria“, der am Donnerstag in die Kinos kommt, in sieben Sparten für den Deutschen Filmpreis nominiert wurde, ist er in den Ritualen der Filmvermarktung gefangen, die für ihn genauso lähmend sind wie die des Filmemachens. Zeitung, Fernsehen, Interviews. Abends fliegt er dann noch nach Slowenien, wo er Werbung dreht. Was mit Autos, sagt er. Die Reisetasche hat er schon dabei.

Alles in allem nicht die besten Voraussetzungen für einen gemütlichen Spaziergang an die Schauplätze von „Victoria“, aber wie sich dann zeigt, ist Sebastian Schipper ein durchweg freundlicher Mensch, der im Grunde mit großer Leidenschaft erzählt. Er braucht dazu nur keine Fragen. Am besten funktioniert es ohne.

Das erste Bild in „Victoria“ führt in einen Kellerclub, in ein Gewitter aus Technobässen und Stroboskopblitzen. Suchend tastet sich die Kamera an eine der Tanzenden heran, das ist Victoria, eine junge Spanierin, neu in Berlin, ausgelassen, fröhlich und allein. Die erste Szene eines Films kann darüber entscheiden, ob man der Geschichte folgen möchte. Hier hat man gar keine Wahl. Der Zuschauer wird zum Komplizen. Er ist mit dabei, wenn Victoria vor den Club auf Sonne, Boxer, Blinker und Fuß trifft, die vier „real Berliner“, wie sie sich vorstellen, mit denen sie in diese Nacht zieht, die nicht alle von ihnen überleben werden.

An der Eisentür, die zum Keller führt, steht „Stützpunkt Charlotte – Hochspannung Lebensgefahr“. Davor Kippen, Büchsen, Dreck. Aber ein Club ist das hier nicht, sondern ein stillgelegter Transistorenraum, den sich die Filmleute als Kulisse eingerichtet hatten. „Wir brauchten alles dicht beieinander, Club, Bar, Tiefgarage, Hotel“, sagt Schipper und es durfte nicht so viel Betrieb sein. So seien sie bald auf die relativ tote Gegend am südlichen Ende der Friedrichstraße gekommen. „Das ist so ein bisschen Niemandsland, das fand ich gut.“ Es habe auch mal die Überlegung gegeben, am Potsdamer Platz zu drehen oder am Alexanderplatz, dort sei sei ihnen aber alles „zu definiert“ gewesen. Es ging bei „Victoria“ ja gerade darum, einen Freiraum zu schaffen, Festlegungen zu vermeiden, wo immer es ging.

Der Apparat sabotiert die Instinkte

Auf dem Weg hinüber zum Bistro Wilhelm & Medné, in dem eine sehr schöne Szene zwischen Victoria und Sonne spielt, steigert sich Sebastian Schipper in eine Art Rap über die Schwierigkeiten des Filmemachens hinein und am Ende des Monologs versteht man schon ein bisschen besser, was ihm so auf den Geist geht: „Es gibt eine Art Filmfolklore, die sich danach richtet, wie vor hundert Jahren gearbeitet wurde, da waren die Kameras furchtbar laut und die Lampen waren heiß, so dass die Schauspieler geschwitzt haben und dann musste man die schminken. Diese ganzen Sachen. Vieles von dem, wie heute Film gemacht wird, hängt an diesen alten Ritualen aus dem industriellen Zeitalter. Das hat ja was Tröstliches, es gibt dir ein Gefühl der Sicherheit. Es erfordert aber auch einen gigantischen Produktionsapparat, und dieser Apparat sabotiert deine Instinkte, deine Institutionen, deinen Flow. Die Organisation stoppt jeglichen Flirt.“ Die erste Aufgabe des Künstlers sei es, sich seinen Wahnsinn zu bewahren, sagt er. Dabei wirkt der Pfarrerssohn aus Hannover völlig normal. Dieser Mix aus Besessenheit und Bescheidenheit ist ja gerade das Sympathische an ihm.

Nachdem Schipper fünf Jahre lang gemeinsam mit seinem Freund und Regiekollegen Tom Tykwer an einem Drehbuch gearbeitet hatte, aus dem dann erstmal nichts wurde, war sein Adrenalinpegel auf dem richtigen Level für das Projekt „Victoria“: zwölf Seiten Skript, keine präparierten Dialoge, kein Schnitt.

Blümchen an der richtigen Stelle

Schipper redet immer noch, als wir an dem kleinen Bistro an der Hedemannstraße ankommen. Besser gesagt, er predigt. Das muss in den Genen liegen. Im Film jobbt Victoria hier tagsüber für vier Euro die Stunde, in der Nacht ihres Lebens öffnet sie den Laden, um Sonne einen Kakao zu machen. Es ist ihnen klar, dass sie ineinander verliebt sind. Sie umkreisen sich mit Blicken, Gesten, Worten. Victoria wird von der 30-jährigen Katalanin Laia Costa gespielt, ein Glücksfall für diesen Film. Nach und nach sei sie immer stärker ins Zentrum der Geschichte gerückt, sagt der Schipper, der auch das Drehbuch entwickelt hat. So änderte sich am Ende auch der Titel. Aus „Überfall“ wurde „Victoria“.

Gut möglich, dass das Bio-Bistro mal Teil einer „Victoria“-Tour wird. Ingeborg Wilhelm würde das gefallen, denn sie ist hier die Inhaberin. Auf jeden Fall gebe es schon Leute, die danach suchen, sagt sie, als sie in ihrer Schürze kurz aus der Küche kommt. Seit 15 Jahren führt sie das Café gemeinsam mit ihrem Mann. Sie sind Filmfans, gehen jedes Jahr zur Berlinale und waren sofort bereit, ihr Bistro zur Verfügung zu stellen. „Herr Schipper war uns vom Namen her ja schon bekannt“, sagt sie. „Wir haben abends der Crew den Schlüssel übergeben und die konnten machen, was sie wollten.“ Am Morgen habe alles so ausgesehen, als wäre nichts gewesen. Das Klavier, auf dem Victoria so hingebungsvoll Liszts Mephisto-Walzer spielt, war wieder verschwunden, und jedes Blümchen stand genau an der richtigen Stelle.

Es ist ja nicht so, dass maximale Freiheit durch minimalen Aufwand zu erzielen wäre. Ganz im Gegenteil. „Improvisation – das ist, wenn niemand die Vorbereitung merkt“, hat der Regisseur François Truffaut einmal gesagt. So seien Szenen durchaus einstudiert worden, wie Sebastian Schipper erzählt. Und dann waren noch die 150 Komparsen zu koordinieren. Es gab sogar zwei Generalproben für den ganzen Film, wenn man so will. Mit jeweils einer Woche Abstand, damit die Story korrigiert werden konnte, wo sie ihm nicht stimmig schien.

Die komplizierten einfachen Dinge

„Beim ersten Durchgang waren alle noch sehr verhalten“, sagt er, „keiner wollte einen Fehler machen. Das wurde viel zu brav. “ Im zweiten Anlauf schlugen die Emotionen in die andere Richtung aus, es sei wirr improvisiert worden, das ging auch nicht. „Beim dritten Mal war es fantastisch.“ Das ist jetzt der Film.
Eigentlich kommt Sebastian Schipper von der Schauspielerei. Er hat in München studiert und bekam dort an den Kammerspielen auch sein erstes Engagement. Wie sich ein Kollege von damals erinnert, hat er hinter der Bühne gern amerikanische B-Movies nachgespielt, während die anderen sich auf ihre Sprechtexte konzentrierten. Theater war wohl nichts für ihn. Er übernahm dann kleinere Rollen im Film und lieferte 1999 mit „Absolute Giganten“ sein Debüt als Regisseur. Es geht um Freundschaft, Rivalität, Autos und Musik. Um die einfachen Dinge des Lebens, die oft so kompliziert sind. „Victoria“ ist erst sein vierter Film als Regisseur. Geldsorgen zwangen ihn immer mal wieder, Rollen im Fernsehen anzunehmen, kleinere zumeist, etwa als Jan Katz beim „Tatort“, wo er den alten Freund von Wotan Wilke Möhrings Kommissar Falke abgab. Seinen Minijob dort hat er gerade aufgekündigt. Das war ihm alles zu „unterkomplex“ und anspruchsarm.

Es sieht so aus, als könnte er sich solch eine selbstbewusste Geste erlauben, auch ökonomisch. Es läuft zurzeit gut für ihn, „Victoria“ wurde erfolgreich auf Festivals in den USA und in Frankreich gezeigt, die Kritik im wichtigsten US-Branchenblatt Variety kennt Schipper auswendig – zumindest die ersten Sätze. Es ist ein einziger Lobgesang. Er hat jetzt einen Agenten in Los Angeles, der ihm schon das eine oder andere Drehbuch geschickt hat. Er glaube, sagt er, die Amerikaner würden wirklich wollen, dass er für sie einen Film dreht. Das klingt noch ein wenig vorsichtig. Einerseits wäre es traumhaft für einen wie ihn, der jede Szene beschreiben kann, die Francis Ford Coppola je gedreht hat. Zum anderen ist er schlau genug zu wissen, dass er sich damit wahrscheinlich in eine noch viel größere Abhängigkeit begeben würde, als er sie bisher kennt. „Wenn ich Musiker wäre“, sagt er, „dann ist ‚Victoria‘ meine erste Band, die wirklich komplett so klingt, wie ich klingen will.“ Das Letzte, was er jetzt gebrauchen kann, ist ein Produzent, der seinen Sound poliert.

Sicherheitsmann und Filmgucker

Die Entfernung zwischen Hollywood und hier könnte in diesem Moment kaum größer sein. Schipper hockt an der Betonmauer im Hof einer Wohnanlage an der Puttkamer Straße und spielt die Schießerei mit dem SEK nach: „Gib mir das Geld! Gibt mir das Geld! Verpiss dich, Alter!“ Er wirft sich in den Staub, springt auf und rüber geht es zum Spätkauf in der Friedrichstraße, wo Victoria Bier und Nüsse klaut. Der Weg folgt nicht mehr so ganz der Chronologie des Films, aber bei 22 Schauplätzen muss man auch mal eine Abkürzung nehmen.

„Kamer, du bist ja immer hier“, grüßt Schipper beim Betreten des Ladens. Kamer Senel, 35, Glatze und Muskeln, blickt von seinem Tresen hoch und ist überrascht, seinen Regisseur wiederzusehen. Senel hat bei „Victoria“ mitgespielt, als Türsteher in den Clubszenen. „Ich bin der, der die Jungs rausschmeißt, wenn sie am Ende nackt tanzen.“ Im richtigen Leben ist er Sicherheitsmann, Fußballtrainer bei einer Kieztruppe und Filmgucker, wie er sagt. Auf seinem Laptop läuft gerade

„Kap der Angst“ mit Robert DeNiro. „Über Filme kann ich dir alles erzählen, außer über deutsche.“ Als damals bei ihm gedreht wurde, hat er sich auf der Toilette verkrochen und von dort aus zugehört. Er durfte ja nicht plötzlich im Bild rumstehen.
Mit Sebastian Schipper hat er noch eine Rechnung offen. Die geklauten Nüsse. „Haben sie mir nicht aufgeschrieben, echt.“ Das hat er erst jetzt im Trailer gesehen, wo er sich selbst leider vermisst. Aber egal. „Alle im Team waren voll nett“, sagt Kamer Senel, „das denkst du nicht, dass die was mit Film und so zu tun haben.“ Er sagt das nicht, weil Schipper zuhört. Der hat sich ein Taxi geangelt und ist schon ein bißchen außer Atem.