In den Ohren junger Leute muss es ein wenig „cringe“ geklungen haben, wie freundlich die Berliner Koalitionäre einander am Mittwoch in der ungewohnten Umgebung des Moabiter Westhafens begegneten. Dass Christian Lindner sich einmal liebevoll über Olaf Scholz auslassen würde, gehörte bislang nun wirklich nicht zum Standard der politischen Rhetorik.

In symbolpolitischer Hinsicht hatte man schwer in die Tasten gegriffen. Wie das neue Bündnis da in der urbanen Industrielandschaft auf die Kameraleute zuging, erinnerte Cineasten natürlich an Bernardo Bertoluccis Film „1900“, ein Monumentalfilm über Gewalt, Macht und Leidenschaft vor dem Hintergrund der sozialen Konflikte Italiens. In Bezug auf die Gemeinschaft der Lernenden, von der Robert Habeck sprach, sollte die Dynamik des Fortschreitens wohl auch gleich bildlich zum Ausdruck kommen.

Unabhängigkeit und Eigensinn

Annalena Baerbock mochte zwar nicht verschweigen, dass man in den Verhandlungen sehr oft unterschiedlicher Ansicht gewesen, schließlich aber darin übereingekommen sei, dass man je nach Standpunkt eine 9 oder 6 sehen, dabei aber vielleicht sogar dasselbe Ziel vor Augen haben könne. So oder ähnlich – der Baerbock-Metapher vermochte sich anschließend jedenfalls kein Fernsehsender zu entziehen.

„If 6 Was 9“ heißt dazu der popmusikalische Klassiker des Gitarrengotts Jimi Hendrix aus dem Film „Easy Rider“. Hendrix intoniert darin zu harten Bluesrhythmen, dass er sich wenig darum schere, wenn selbst die Hippies, die damals eine auffällige Bewegung der Gegenkultur darstellten, sich plötzlich die Haare schneiden ließen. Hendrix ging es also nicht um Äußerlichkeiten, sondern seinen ganz eigenen Blick auf die Welt: „Alright, 'cos I got my own world to look through“.

Eigensinn und Unabhängigkeit werden die Akteure der Koalition beweisen müssen – und es sieht so aus, dass sie mit einer Bevölkerung zu rechnen haben, die diese Eigenheiten mitunter trotzig behaupten.