Berlin - Die Franzosen besetzen Rom, sie plündern und vergewaltigen. Papst Alexander VI. muss fliehen. Die Ehe seiner Tochter Lucrezia wird geschieden, weil der Gatte Giovanni impotent ist. Sohn Juan wiederum verführt die jungfräuliche Rosalina, die sich daraufhin das Leben nimmt. An diesem Mittwoch läuft die fünfte Folge der „Borgia“ im ZDF, durchschnittlich mehr als fünf Millionen Zuschauer haben bislang die einzelnen Folgen gesehen. Der Fernsehwissenschaftler Lothar Mikos von der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolff“ in Potsdam-Babelsberg über die Magie des Mittelalters, die Darstellung von Sex und Gewalt und den Erfolg des ZDF-Sechsteilers.

Herr Mikos, warum interessieren sich plötzlich so viele für einen Papst aus dem 16. Jahrhundert?

Das ist nichts Neues. Als in den Achtzigern der Roman „Im Namen der Rose“ erschien und dann verfilmt wurde, war das ja auch ein Riesenerfolg. Geschichten aus vergangenen Zeiten faszinieren die Leute seit jeher, zuletzt erst hatte „Die Wanderhure“ auf Sat.1 tolle Quoten. Auch das Fernsehpublikum hat ein generelles Interesse an Geschichten aus der damaligen Zeit.

Woher rührt dieses Interesse?

Die Zeit war damals so ganz anders. Im Mittelalter etwa, in dem auch die „Borgia“ spielen, gab es klare Regeln und Moralvorstellungen. Heutzutage sind alle auf der Suche nach irgendwas, weil alles vielfältig und kompliziert geworden ist.

Von wegen klare Moralvorstellungen. Bei den „Borgia“ liegen sie doch dauernd in den Betten. Und wenn nicht, laufen sie wenigstens halbnackt rum.

Ach Gott, das gibt es in anderen Filmen auch, gerade das ZDF hat mit seinen „Sommernachtsphantasien“ da ja Erfahrung. Und natürlich zieht Sex immer, aber zunächst will der Zuschauer eine emotionale Geschichte erzählt bekommen, er will mit den Protagonisten mitfiebern, mitleiden.

Intrigen, Gewalt und der Kampf um Macht

Was ist das Besondere an den „Borgia“ ?

Dieser Stoff hat alles, was eine gute Geschichte braucht: Intrigen, Gewalt, Kampf um die Macht. Und ja, auch Sex. Außerdem ist der Film natürlich gut inszeniert und die Ausstattung opulent, auch wenn ich die Erzählweise ein bisschen behäbig finde. Das Ganze hätte man deutlich moderner erzählen können. Schnellere Schnitte, nicht so viel Redundanz.

Ein bisschen hat „Borgia“ ja auch etwas von Schulfernsehen. Wie wichtig ist für den Fernsehzuschauer das Gefühl, neben der Unterhaltung auch noch etwas zu lernen?

Wenn es nebenbei erfolgt, ist es in Ordnung. Wenn der Lernaspekt zu sehr im Vordergrund steht, bleiben die Zuschauer eher weg. Auch wenn das hier nicht der Fall ist, haben von der ersten Folge bis jetzt zweieinhalb Millionen Menschen nicht mehr eingeschaltet. Natürlich muss man beachten, dass es Mehrteiler wie die „Borgia“ bei der heutigen Mediennutzung auch sehr schwer haben.

Und viereinhalb Millionen bei der vierten Folge sind immer noch sehr viel.

Das ist unbestritten. Und klar ist auch, dass sich die Fernsehbedingungen grundlegend geändert haben. Prinzipiell ist es natürlich gut, wenn das ZDF solche Stoffe verfilmt.

Und so schlecht kann es ja auch nicht sein, wenn der Zuschauer dabei noch was lernt. Etwa, dass das Konklave damals mit nur einer warmen Mahlzeit am Tag versorgt wurde.

Na bitte. Dieses Wissen kann man immer gut gebrauchen.

Das Interview führte Björn Wirth.